Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

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Oberkellner(R)

09.06.2012, 19:04
 

Liste Lila Pudel 181-190 (Projekte)

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Markus Fäh (CH), Psycholanalythiker

Die Frau von heute strotzt vor Selbstvertrauen, ist attraktiv, gebildet und unabhängig. Jetzt holt sie sich auch im Bett, was sie will. Und die Männer? Sie sind erst mal überfordert
Was die TV-Serie «Sex and the City» zum Thema machte, ist längst nicht mehr nur Fiktion. Erfolgreiche Frauen machen sich lustvoll auf die Jagd und schleppen Männer ab.
«Frauen haben gewaltig zugelegt an Unabhängigkeit, Ausbildung und Kompetenz», sagt der Berner Paartherapeut Klaus Heer (65). Und dazu gehört eben auch die Lust nach befriedigendem Sex.

Wie die Zukunft der Erotik aussehen könnte, wollte der Wiener Trendforscher Matthias Horx (52) wissen. Er stellte die Frage: Wie lieben wir 2010? Kürzlich präsentierte er die Ergebnisse seiner Studie und kam zum Schluss: Es sind die Frauen, die künftig beim Sex den Ton angeben.

«Cool Cats» nennt er diese selbstbewussten und emanzipierten Frauen. Starre Rollenmuster, wie jenes, dass es grundsätzlich der Mann ist, der um eine Verabredung bittet, sind für sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Stattdessen schlüpfen sie in die aktive Position und angeln sich die Männer, die ihnen gefallen. Bewusst umgeben sie sich mit einer verführerischen Aura, tragen heisse Dessous und erotische Accessoires. «Cool Cats» sind laut Horx Strateginnen der Erotik. Es macht ihnen Spass, Männer zu reizen und mit ihnen zu spielen. Sie wollen Sex um ihrer selbst willen, nicht mehr einem Partner zuliebe, und fordern die Befriedigung ihrer Bedürfnisse hier und jetzt.

Und wie reagieren Männer auf diese geballte Ladung Frau? «Sie sind verwirrt und verängstigt», sagt Klaus Heer. «Sie wissen nicht mehr, was sie im Bett genau tun müssen. Die Folge ist, dass sie sich verunsichert zurückziehen.» Sie verlieren die Lust am Sex.

Viele Paar- und Sexualtherapeuten beobachten eine fatale Tendenz: Dem Mann droht die Identitätskrise. Die Frauen im Aufbruch drängen mit ihrer Emanzipiertheit die Männer in die Defensive – im Job, in der Familie und eben auch im Bett. «Frauen haben zu ihren ursprünglichen Stärken neue hinzugewonnen und sich vervollkommnet», sagt der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Die Männer dagegen seien «geblieben, was sie waren» und stellen sich nun gemessen an den Frauen, als «unvollständige, sozusagen halbe Wesen» dar.

Der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh (50) trifft bei seiner Arbeit immer wieder auf diese Verunsicherung: «Der Mann fühlt sich bedroht, weil er ständig in Frage gestellt wird. Psychologisch gesehen, ist er das schwache Geschlecht.» Daran sind die Männer selber schuld, meint Fäh: «Sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Noch immer entwickeln sie eine hohle Macho-Maske, um ja nicht als weiblich identifiziert zu werden.
Dabei wäre es so einfach. Fäh: «Der Mann muss etwas mehr Gefühl zulassen, einfach etwas weiblicher und sinnlicher sein. Dann kann er es entspannt geniessen, wenn er verführt wird.» 

http://www.blick.ch/erotik/die-neue-lust-der-frauen-id164926.html

Marek Dutschke

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke studierter Politologe, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

In der Frauenpolitik gibt es ernsthafte Probleme, auf die wir unser Augenmerk richten müssen. Im amerikanischen Wahlkampf werfen demokratische Politiker den Republikanern vor, dass sie ein „war on women“ betreiben. Aus frauenpolitischen Richtungskonflikten gleich einen Krieg zu machen, ist natürlich den schrillen Wahlkampftönen geschuldet. Aber tatsächlich ist es so, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in den USA nur völlig unzureichend realisiert ist.
Die Benachteiligungen für Frauen fangen beim Geld an. Eklatante Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sind hinlänglich bekannt. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Konsumprodukte für Frauen teurer sind als ähnliche Produkte für Männer. In Kalifornien wurde ermittelt, dass Frauen im Durchschnitt 1.351 Dollar im Jahr mehr für ihre Produkte bezahlen müssen als Männer. Als Konsequenz wurde 1996 in Kalifornien das sogenannte „gendered pricing“ verboten.

2010 hat das Consumer Reports Magazine ermittelt, dass sich trotz des Verbots leider wenig verändert hat. Egal ob Deo, Rasierschaum oder andere Hygieneprodukte - die Produkte die auf Frauen ausgerichtet sind, waren teurer. Aber nicht nur die Wirtschaft profitiert von der Ungerechtigkeit. Nein, auch der Staat hält bei Frauen stärker die Hand auf. Zum Beispiel wird der Import von Turnschuhen für Frauen mit zehn Prozent stärker besteuert als der von Männer-Turnschuhen - 8.5 Prozent. Viele andere Beispiele zeichnen ein ähnliches Bild. Gerade bei Produkten, die in großen Mengen importiert werden, wird der „woman tax“ angesetzt.
In den USA flammt gerade wieder die Debatte über das Recht der Frau zur freien Bestimmung über ihren Körper auf. In einigen republikanisch geführten Bundesstaaten, wie South Carolina und Arizona, werden Abtreibungen erschwert, indem die Genehmigung des Abbruchs auf die ersten zwanzig Schwangerschaftswochen verringert wird.

Bei Frauenrechten fehlen die gemeinsamen Werte

Eine „späte“ Abtreibung ist nur dann legal, wenn eine Frau unmittelbar in Todesgefahr schwebt. Darüber hinaus haben Politiker in diesen Bundesstaaten beschlossen, dass Abtreibungen von der öffentlichen Gesundheitsvorsorge ausgenommen sind. Organisationen wie Planned Parenthood, die Frauen bei solch schwierigen Entscheidungen mit Rat und Tat zur Seite stehen, sollen nun auch ihre staatliche Förderung verlieren.

Ein weiterer Punkt ist die körperliche Unversehrtheit von Frauen. 1994 wurde ein Gesetz verabschiedet („Violence Against Women Act“), bei dem es darum geht, Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, besser zu beschützen und ihre Peiniger juristisch zu belangen. Das Gesetz soll dieses Jahr novelliert werden, aber die Republikaner versuchen momentan, den Gesetzestext dermaßen abzuschwächen, dass manche Frauen nicht ausreichend geschützt werden, wie zum Beispiel Immigrantinnen deren Aufenthaltsrecht an ihre Ehemänner geknüpft sind.

Auch Versuche, den Schutz für Frauen in Indianerreservaten zu verbessern, werden blockiert. Doch gerade hier wäre staatliches Eingreifen nötig. Die Lage der indianischen Frauen ist erschreckend. Das Justizministerium in den USA will herausgefunden haben, dass ein Drittel aller indianischen Frauen schon einmal vergewaltigt worden sind. Eine unvorstellbare Zahl! Es überrascht nicht, dass es nur in den wenigsten Fällen überhaupt zu einer Anklage gekommen ist.
Es wird in Deutschland immer gerne auf die gemeinsamen Werte verwiesen, die wir mit den USA teilen. Doch bei der Stellung der Frauen stimmen diese Werte nicht überein. Die Lobby der Frauen, gerade im Immigrantenmilieu, ist zu schwach, um sich selbst eine kraftvolle Stimme im politischen Prozess zu geben. Die politische Stimmung ist gerade nicht auf ihrer Seite. Traurig aber wahr, dort wird die Lage nicht besser, sondern eher schlechter.

http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/kurz-und-schmerzhaft/dutschke-spricht-the-war-on-women/v_detail_tab_print/6676350.html

Adi Sprinkart (Die Grünen)

Bayern: Schlechte Noten für Lehrerinnen
Frauen schneiden bei dienstlichen Beurteilungen deutlich schlechter ab als Männer

(bikl/pm) Lehrerinnen erhalten in Bayern durchweg schlechtere Bewertungen als ihre männlichen Kollegen. Dies hat eine Schriftliche Anfrage der Grünen zur dienstlichen Beurteilung von Lehrkräften für das Jahr 2006 zu Tage gefördert. "Die Beurteilungspraxis an bayerischen Schulen diskriminiert Frauen eklatant", schlägt der Sprecher der Grünen für den Öffentlichen Dienst Adi Sprinkart Alarm. In allen Schultypen und quer durch alle Regierungsbezirke rangierten weibliche Lehrkräfte nur im Mittelfeld. Die besten Prädikatsstufen, die letztlich auch für die Beförderung in Führungspositionen ausschlaggebend sind, würden dagegen überproportional häufig an Männer vergeben.
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So wurden beispielsweise an den Gymnasien knapp 25 Prozent der Männer in die Leistungskategorien "herausragend" bzw. "besonders gut" eingestuft. Bei den Gymnasiallehrerinnen kamen dagegen nur 14 Prozent in diese ersten beiden von insgesamt sieben Prädikatsstufen. Noch krasser fällt das Ergebnis an den Volksschulen aus: Über 28 Prozent der männlichen Lehrkräfte erhielten das Prädikat "herausragend" oder "besonders gut", dagegen nur gut 13 Prozent der beurteilten Frauen. "Dieses enorme Missverhältnis bei den dienstlichen Bewertungen führt dazu, dass Frauen massiv um Karriereperspektiven beschnitten werden", so Adi Sprinkart.
Wie die Anfrage ebenfalls offen legt, herrscht im bayerischen Schuldienst eine deutliche Schieflage zwischen Vollzeit- und Teilzeitkräften. Während beispielsweise an den Volksschulen über 23 Prozent der Vollzeitkräfte die ersten beiden Ränge erreichen, sind es bei den Teilzeitkräften nur gut 8 Prozent. An den Gymnasien gelten gut 24 Prozent der Vollzeitkräfte als "herausragend" oder "besonders gut", dagegen nur 11 Prozent der teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte.
"Nach den Beurteilungsrichtlinien ist es völlig unzulässig, Lehrerinnen und Lehrer aufgrund von Teilzeitbeschäftigung bei der Bewertung zu benachteiligen", verweist Adi Sprinkart auf die Rechtslage. Leidtragende seien auch hier überwiegend weibliche Lehrkräfte, die das Gros der Teilzeit-Arbeitsverhältnisse stellen. "Wir haben es hier mit einer ganz offenkundigen Diskriminierung zu tun – schließlich würde niemand behaupten, dass Frauen schlechtere Lehrkräfte sind als Männer. Der Fehler liegt also im System." Besonders ärgerlich ist für den grünen Landtagsabgeordneten die Untätigkeit des Kultusministeriums. So habe schon eine frühere Anfrage der Grünen aus dem Jahr 2001 ein ähnliches Missverhältnis zwischen den Bewertungen von Frauen und Männern belegt. Adi Sprinkart: "Hier ist dringender Handlungsbedarf, um endlich die fortgesetzte Benachteiligung von Frauen zu unterbinden."

http://bildungsklick.de/a/58290/bayern-schlechte-noten-fuer-lehrerinnen/

Gerhard Klicka (Aut)

Männer haben ihre Emanzipation verschlafen

Das klassische "Bild" existiert nicht mehr - der neue Mann darf auch vorm Schminktisch sitzen. Über den Wandel im Selbstverständnis der Gesellschaft.

Männer dürfen weinen, rosa Kleidung tragen, gehen zur Kosmetikerin und nehmen ihre Liebste mit zum Fußballmatch. Verhaltensweisen und Eigenschaften, die dem starken Geschlecht vor Jahren noch als "unmännlich" angekreidet worden wären, sind heute möglich. "Die Frage der Männlichkeit ist nicht mehr so einfach zu beantworten", erklärte Psychologe Gerhard Klicka anlässlich des "Tag des Mannes" am 3. November. Der Grund liegt seiner Meinung nach in der Emanzipation, die die Herren der Schöpfung in ihrem Rollenverständnis zutiefst verunsichert, andererseits aber auch für eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten sorgt.

Emanzipation verschlafen

"Männer haben es nicht geschafft, sich zu emanzipieren", so Klickas Fazit. "Da wird es in den nächsten Jahren viel Aufholbedarf geben." Derzeit gebe es auf der Suche nach Antworten auf die männliche Rolle, immer wieder neue Impulse und Strömungen. Wichtig wäre wie bei Frauen die "Befreiung von klassischen Bildern" - "Das haben Männer bisher nicht gemacht".
"Was wollen Frauen von mir?"
Das Gute daran: "Man muss nicht ein Bild finden und dem entsprechen", erklärte Psychologe Gerhard Klicka. "Ich werde für jeden Bereich meine Nische finden - ob Intellektueller, Künstler, Macho oder Softie." Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Alte Muster funktionieren nicht mehr und die Frage "Was wollen Frauen von mir?" verunsichere, betonte Klicka. "Denn Männer wollen sich danach richten, weil sie begehrt sein wollen."

Der Mann vorm Schminktisch

Strömungen, vom Softie bis hin zum metrosexuellen Mann, die sehr rasch wechseln, sind laut dem Psychologen das Ergebnis dieser Orientierungslosigkeit. "Die wichtigsten Einflüsse kommen von den Medien - Filme, Fernsehen, Werbung und Plakate", so Klicka. Die Ansprüche an Aussehen und Körperbewusstsein würden davon beispielsweise stark geprägt: "Mann hat Muskeln, ist attraktiv - von George Clooney bis hin zum Unterwäsche-Mann." Statt auf einen Bierbauch legen Männer daher mehr Wert auf Körperpflege, aber auch Gesundheit - sitzen vorm Schminktisch und kümmern sich um ihre Cholesterin-Werte. Nach dem Motto "Du willst, dass ich schlank bin? Also bitte schau auch auf dein Äußeres!" sei dies auch die klare Einforderung von Frauen.

Macht, Geld und Knarren

Ganz vorbei ist es mit archaischen Vorbildern auch im 21. Jahrhundert noch nicht. "Männer haben sich seit vielen Jahren über Macht und Geld identifiziert", meinte Klicka. Protzige Uhren, Schmuck, Autos oder Handys - Männlichkeit werde durch diese Gegenstände nach wie vor ausgedrückt. "Auch Waffen haben immer noch mit Stärke zu tun", betonte er.
Eine Frage der Potenz
Thema Potenz habe sich ebenfalls "nicht so sehr verändert", zeigte sich Klicka überzeugt. Themen wie Impotenz seien zwar kein so großes Tabu mehr, würden mehr thematisiert und nicht mehr als persönliches Versagen beurteilt. Minderwertigkeitsgefühle und Verunsicherung beherrschen die Herren der Schöpfung diesbezüglich allerdings nach wie vor.
Frauen am Fußballplatz
Auch klassische Männerdomänen in Sport und Freizeit würden trotz Softie- und Metrosex-Bewegungen weiter existieren. "Also ich glaube, das gibt es nach wie vor, besonders beim Fußball", so Klicka. Während die männliche Club-Tradition in vielen Bereichen - vor allem am Land - noch weiterlebe, gebe es grundsätzlich allerdings eine Aufweichung dieser Männer-Bünde: Auch Frauen dürfen zum Stammtisch oder auf den Fußballplatz.

http://diepresse.com/home/leben/mode/426612/Maenner-haben-ihre-Emanzipation-verschlafen

Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie und Soziales

Staatssekretär Gerd Hoofe: "Thema Gleichstellung muss lebendig vermittelt werden"
Medienkoffer "Frauen und Männer – Gleich geht´s weiter" bringt Schwung in den Unterricht
Berlin, 19.12.2008
Im neuen Jahr können Lehrerinnen und Lehrer der 9. bis 12. Klasse ihren Unterricht beim Thema "Gleichstellung" noch bunter und lockerer gestalten. Dabei hilft ihnen der neue Medienkoffer "Frauen und Männer – Gleich geht´s weiter" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den man bei den jeweiligen Landesfilm- und Landesmediendiensten kostenfrei ausleihen kann. Er enthält zahlreiche Unterrichtsmaterialien wie zum Beispiel Filmclips, Tipps für Rollenspiele und Postkarten mit lustigen Motiven als Diskussionsanstoß.
"Gleichstellung ist ein Thema mitten aus dem prallen Leben, so sollte es jungen Menschen auch vermittelt werden", sagt der Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Gerd Hoofe . "Warum gibt es so wenige Frauen in Führungspositionen? Welche Rolle spielen Männer bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Und was bedeutet Gleichberechtigung in meinem eigenen Leben? Wenn Schülerinnen und Schüler zum Beispiel sehen und hören, wie Breakdance-Kids über Gleichstellung denken oder selbst aufgefordert werden, einen Rapsong zum Thema zu machen, setzen sie sich intensiv mit ihren Zielen und dem eigenen Rollenverständnis auseinander. Das hilft den Mädchen wie auch den Jungen dabei, ihren eigenen Weg zu gehen – in Beruf und Familie."
Hauptbestandteil des Medienkoffers ist die DVD "Frauen und Männer – Gleich geht´s weiter". Der Film besteht aus insgesamt fünf Clips zum Thema Gleichstellung: Ein Comicfilm zeigt die Entwicklung der Gleichstellung von 1848 bis heute, in einem weiteren Clip tanzen Jugendliche Breakdance und fragen sich, ob das wirklich nur ein Sport für Jungs ist. Im nächsten Clip erzählen fünf Karrierefrauen, unter ihnen eine Börsenchefin und eine Politikerin, wie sie Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Auch im darauf folgenden Clip geht es um Vorbilder: Männer wie zum Beispiel ein Kinderarzt in Elternzeit erzählen, welche Probleme ihnen in ihrem Alltag als Vater begegnen. Der Film endet mit einem Resümee zum Stand der Gleichstellung und lustigen Outtakes aus den Clips. Außerdem enthält der Medienkoffer eine Broschüre mit Tipps zur Auflockerung des Unterrichts: Zum Beispiel werden die Jugendlichen aufgefordert, eine Talkshow nachzuspielen und sich dabei typisch männlich und weiblich zu verhalten. Außerdem gibt es eine CD-Rom, auf der unter anderem Gesetze wie das Elterngeldgesetz jugendgerecht erklärt werden. Dazu kommen drei lustige Postkarten, die zur Diskussion anregen sollen.
Ein Motiv zeigt zum Beispiel ein Pärchen im Ruderboot: Die Frau rudert in die eine, der Mann in die andere Richtung. Der Medienkoffer kann ab Mitte Januar 2009 kostenfrei bei den Landesfilm- bzw. Landesmediendiensten der einzelnen Bundesländer ausgeliehen werden. Darüber hinaus stehen Film und Begleitbroschüre dort kostenfrei auch als Download zur Verfügung. Mehr erfahren Sie unter www.landesfilmdienste.de. Die drei Postkarten zum Film können Sie außerdem beim Publikumsversand der Bundesregierung unter publikationen@bundesregierung.de bzw. www.bmfsfj.de bestellen.

http://bildungsklick.de/mobil/pm/65254/staatssekretaer-gerd-hoofe-thema-gleichstellung-muss-lebendig-vermittelt-werden/

Jörg Strohschein, freier Journalist

Wer nicht hören will, muss fühlen. Offenbar lassen die tradierten Strukturen der allermeisten Unternehmen (noch) nicht zu, dass mehr Frauen in Führungspositionen gelangen. Dabei ginge es laut Untersuchungen vielen Firmen besser, wenn vermehrt weibliche Blickwinkel in das Management einflössen. Die Firmen müssen offenbar zu ihrem Glück gezwungen werden – was aber auch eine eminente Einschränkung der unternehmerischen Freiheit bedeutet.

http://www.wz-newsline.de/home/wirtschaft/grosser-eingriff-1.926269

Joachim Güntner (NZZ), geboren 1960, Kulturkorrespondent

http://www.nzz.ch/images/guentner_joachim_1.87884.1265362547.jpg

Männer fallen als Gegner aus
Der neue Feminismus hadert mit dem alten und verzichtet auf den Geschlechterkampf
Joachim Güntner
Auch der aufgeklärte Mann hat seine schwachen Momente. Dann blickt er aus der Zone fortgeschrittener Gleichberechtigung – sagen wir: aus Deutschland – neidvoll auf seine Geschlechtsgenossen in Osteuropa und seufzt: Pole müsste man sein; gern auch Bulgare oder Ukrainer. Das ist natürlich nur eine kurze Anwandlung, und sie wird pflichtschuldigst unterdrückt. So ganz aber kann er nicht verdrängen, welche Verhältnisse auf den Strassen und in den Restaurants von Breslau, Sofia oder Lwow herrschen, wie sehr sich die Männer dort gehen lassen dürfen und wie wenig das die Frauen stört. Simpel gekleidete, aus dem Leim gehende Typen an der Seite eleganter feingliedriger Weibchen. Als er eine Polin fragte, wie das denn möglich sei, dass solche verfetteten Kerle mit Frauen solchen Formats – da lachte sie und meinte, Männer müssten nun mal «stattlich» sein. Stattlich? Sind das, wollte er bissig erwidern, nicht vielmehr Fleischklösse? Aber die Antwort gab er sich gleich selbst: Besser ein in sich ruhender Kloss als ein desperates armes Würstchen.
«Was vom Manne übrig blieb», bilanziert der Basler Soziologe Walter Hollstein in einem soeben erschienenen Buch zur «Krise und Zukunft des starken Geschlechts» (Untertitel), und es ist lehrreich, diese Männerkunde neben jüngere und jüngste Publikationen aus dem frauenkundlichen Ressort zu stellen. Hollsteins Buch ist gerammelt voll mit Befunden aus der Welt der Würstchenartigen, er weiss von Buben, die in der Schule von Mädchen überflügelt werden, von Männern, die im Schnitt sechs Jahre früher sterben als Frauen, die leichter Krebs kriegen, schneller ihren Job verlieren, als geschiedene Väter traurig ohne Kind dastehen, die in der Werbung immer den Trottel geben müssen und vor Gericht härter bestraft werden als weibliche Delinquenten. Dagegen spreizen sich in den Büchern des neuen Feminismus selbstbewusste Damen als «F-Klasse» oder «Alphamädchen».
Und nicht etwa, dass sie nun mit emanzipiertem Elan die Männer in Grund und Boden stampfen wollen. Anders als die zweite Frauenbewegung vom Anfang der 1970er Jahre, deren Pioniere die Suffragetten des frühen 20. Jahrhunderts waren, sucht die sogenannte dritte Welle des Feminismus nicht mehr den Geschlechterkampf. Männerhass ist out. «Es sind subtile Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen, kein grosses, böses Patriarchat an sich», meinen die «Alphamädchen», das Autorinnen-Trio Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Sreidl. Wo der moderne westliche Mann, gestresst von Fitness-Erwartungen und überfordert von der Idee, Alleinverdiener und Ernährer einer Familie zu sein, wo also dieses desolate Geschlecht kein Gegner sein kann, reiben sich die Jungfeministinnen lieber an ihrer Altvorderen: an Alice Schwarzer.
«Buchhalter-Feminismus» halten etwa Jana Hensel und Elisabeth Raether der langgedienten «Emma»-Herausgeberin vor. Dergleichen kann man jetzt öfter lesen. Alice Schwarzer denke antiquiert über Pornografie und Sexarbeit, sie diskriminiere mit ihren Attacken auf den Islam und das Kopftuch die muslimischen Frauen und spreche, alles in allem genommen, nicht mehr die Sprache der «neuen deutschen Mädchen» – Mädchen? – unter fünfunddreissig. Die Angegriffene fuhr, als sie kürzlich den Börne-Preis erhielt, eine Retourkutsche über das junge Gemüse, sprach von einer «Verluderung des Feminismus» zu «Wellness-Feminismus», putzte ihre Kritikerinnen als Girlies herunter und nannte die Beschönigung der Prostitution einen Ausbund an Hartherzigkeit. Seither tut der feministische Diskurs so, als lebe er wieder.
Beeindruckend ist die theoretische Unbedarftheit des neudeutschen Feminismus. «Spass» soll er machen, lässig und sexy wollen seine Vertreterinnen daherkommen. Bücher über Intimrasuren sind spannender als «Gender-Studies». Die kommode Denkungsart erlaubt, eine geschwätzige Körperöffnungsspezialistin wie Charlotte Roche zur Frauenrechtlerin aufzuwerten. Und die weiss denn auch sogleich die Anti-Pornografin Alice Schwarzer zu belehren, indem sie vorschlägt, Pornos als etwas anzusehen, «bei dem Männer auch was lernen können». Nämlich? «Wie man Frauen befriedigt zum Beispiel.» Na, dann . . . Grossartig auch, wenn Roche rügt: «Alice Schwarzer wird dem Menschen in der Frau nicht mehr gerecht.» Grossartig ist das deswegen, weil Schwarzer selber gern klagt, sie bleibe, gleich ob bewundert oder angefeindet, «doch immer eine Frau, bin nie einfach Mensch». Die Berufung auf das Menschliche in jedem Weibe ist jene letzte triviale Basis, die alle Feministen eint. Darüber vergessen sie einmal für Momente ihre Richtungsstreite und postulieren unisono den Feminismus als «Teil eines unvollendeten humanistischen Projekts» (Barbara Gärtner, Kritikerin von Roche & Co.).
Lob der Frauenpower
Was kennzeichnet die allgemeine Lage? Männer entdecken sich als Opfer, Frauen aber wollen nichts wie raus aus der Opferrolle. Der Anspruch auf die politische und soziale Gleichstellung der Geschlechter ist unstrittig; marxistisch gesprochen hat sich der Feminismus im Überbau totgesiegt, im Unterbau bleibt allerdings ein statistisch signifikantes Lohngefälle (in Deutschland von über zwanzig Prozent) zwischen Männern und Frauen in gleichen Positionen zu beseitigen. Da Männer als Gegner ausfallen, richten sich allfällige neofeministische Beschwerden bloss noch gegen «die Strukturen», namentlich gegen altmodische Rollenerwartungen in Chefetagen oder die ästhetischen Diktate der Schönheitsindustrie und der Bildmedien.
Vor dreissig Jahren sangen linke Theoretikerinnen vom Schlage Luce Irigarays das Loblied der «spezifisch weiblichen» Tugenden, propagierten ein Fühlen und Denken, zu welchem nur Frauen fähig seien, und sahen darin eine die Welt erlösende Gegenkraft zur männlichen Härte. «Differenzfeminismus» nennt man das. Heute bekennt sich Wolfgang Schäuble zu eben jenem modernen Frauenbild, das die CDU-Mitglieder seiner Generation einst schreckte. Denkt der deutsche Innenminister an die Überwindung islamistischer Macho-Kulturen, so setzt er ganz auf «Frauenpower» und rühmt sie als «eine der grössten Hoffnungen für die Entwicklung moderner, demokratischer Gesellschaften». Ein konservatives Regierungsmitglied, gereift an Jahren und männlichen Geschlechts, als Differenzfeminist – dahin sind wir gekommen.

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/maenner_fallen_als_gegner_aus_1.740603.html

Markus Schwering, Kölner Stadtanzeiger

Diese Kolumne ist politisch unkorrekt - und wer auf politischer Korrektheit besteht, sollte nicht weiterlesen. Ich selbst äußere das folgende auch nur zögernd - und mit gebührendem Abstand zum schreckensvollen Geschehen. Der Schulmordlauf von Winnenden hat wieder einmal gezeigt: Wenn Amok gelaufen wird, dann sind stets Männer bzw. männliche Wesen die Täter, so gut wie nie Frauen. Im Fall von Winnenden wird dieser Umstand verschärft durch die Beobachtung, dass der Mörder gezielt Lehrerinnen und Mitschülerinnen ins Visier nahm.
Das führt zu einer Frage: Benachteiligt unser Bildungssystem, unsere Gesellschaft je nach dem gerade Jungen in einer Weise, dass sie - wieder je nach dem - anfällig werden für monströs-radikale Konfliktlösungen? „Je nach dem“ - das meint, dass die Katastrophe selbstredend viele Ursachen hat, die teils menschlichem Erkennen unzugänglich sein mögen. Davon unabhängig ist doch bemerkenswert, wie die auch im Zuge der Frauenemanzipation durchgesetzte geschlechtsübergreifende „Feminisierung“ von Verhaltensformen und -normen Männer ins Abseits stellt.
Die haben nun mal dank ihrer hormonellen Disposition - Stichwort: Testosteron - einen Aggressivitätsüberschuss, der sich normalerweise in typischem Macho-Gehabe auslebt. Damit ist es nichts mehr: Jungen, schon in der Grundschule von Frauen regiert, sollen wie Mädchen fleißig, aufmerksam, strebsam und interessiert sein. Das aber kollidiert dann leicht mit ihrem Selbstbild und der inoffiziellen männlichen Werte-Hierarchie. Dass der Konflikt keine Einbildung ist, zeigt das Leistungsverhalten der Jungs: Die Mädels ziehen mühelos an ihnen vorbei, stellen an den Hochschulen die Mehrheit der Studierenden.
Ist die Vermutung abwegig, dass es die durch diese Konstellation aufgestauten Spannungen und Frustrationen sind, die sich dann schon mal kurzschlüssig und katastrophal Bahn brechen. Was tun? Muss sich nach der Frau der Mann emanzipieren? Es gibt ja bereits Jungen-Förderprogramme, die auf der Erkenntnis beruhen, dass etwas zu geschehen hat. Reicht es?
Fatal wäre freilich der Umkehrschluss: Wenn der Mann - wie in patriarchalischen Gesellschaften üblich - seine Frau verprügeln darf, dann läuft er auch nicht Amok. Und wer mutmaßt, ich wolle mit vorangehenden Einlassungen meine eigene Frauen verachtende Lebenspraxis rechtfertigen, irrt ebenfalls. Ich prügle meine Frau nicht - da können Sie sie ruhig fragen. Aber ich bin auch kein Amokläufer.

http://www.ksta.de/html/artikel/1238966891642.shtml

Olaf Scholz (SPD)Landesvorsitzender der Hamburger SPD und stellv. Bundesvorsitzender

Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass Frauen und Männer im Job gleich bezahlt werden. Arbeitsminister Scholz will die Klagerechte weiblicher Angestellter stärken – doch Arbeitsrechtler sehen hier keinen Bedarf. Opposition und Wirtschaftsverbände halten den Vorschlag für eine Mogelpackung.
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BERLIN. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass Frauen und Männer im Job gleich bezahlt werden. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) will die Rechtsposition von Frauen stärken, die von ihrem Arbeitgeber den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen einklagen wollen. Doch Arbeitrechtsexperten, Opposition und Wirtschaftsverbände halten den Vorschlag des Ministers für eine Mogelpackung, da die derzeitige Gesetzeslage diese Möglichkeit vor den Arbeitsgerichten längst vorsehe.
Scholz hatte angesichts einer erheblichen statistischen Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen vor kurzem vorgeschlagen, den Klageweg für Frauen zu erleichtern. Die Unternehmen sollen danach verpflichtet werden, die Daten für einen Gehältervergleich zur Verfügung zu stellen. Scholz forderte eine Beweislastumkehr bei Auseinandersetzungen um ungleiche Löhne: „Wenn es eine Ungleichheit gibt, muss die Firma beweisen, dass es sich dabei nicht um eine Diskriminierung der Frauen handelt“, sagte Scholz.
Auslöser des Vorstoßes ist eine vor kurzem vorgestellte Studie des Bundesfamilienministeriums, der zufolge Frauen bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf im selben Betrieb im Schnitt fast ein Viertel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.
Trotz dieser Zahlen halten renommierte Arbeitsrechtsexperten wie Frank-Karl Heuchemer von der Kanzlei White & Case in Frankfurt „die Wunschvorstellungen von Scholz für rechtlich nicht fundiert“, wenn es etwa um die Beweislastumkehr bei finanziellen Benachteiligungen am Arbeitsplatz geht. Der Arbeitgeber müsse nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schon heute darlegen, dass kein Verstoß gegen die Bestimmungen zum Schutz vor Benachteiligungen vorliege, sagte Heuchemer dem Handelsblatt.
In die gleiche Kerbe schlägt Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer von der Kanzlei Gleiss Lutz: „Es soll wohl mal wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben werden. Verdient eine Arbeitnehmerin 15 Euro pro Stunde, während ihr Kollege am gleichen Arbeitsplatz für die gleiche Arbeit einen Stundenlohn von 22 Euro bekommt, liegt schon heute nach Paragraf 22 AGG ein Indiz für eine Diskriminierung vor“, sagte Bauer. Scholz werde daher sehr wohl wissen, dass die von ihm geforderte Beweislastumkehr bereits Gesetz sei. „Eine Neuregelung ist überflüssig“, sagte Bauer dieser Zeitung.
Ähnlich kritisch äußerte sich auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Die Ursache für Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern ist nicht, dass gleiche Arbeit beim gleichen Arbeitgeber unterschiedlich entlohnt wird. Das ist schon nach geltendem Recht unzulässig“, heißt es in einer Stellungnahme. Neuer gesetzlicher Aktionismus sei daher überflüssig.
Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser Schnarrenberger (FDP) kann mit dem Vorstoß von Scholz ebenfalls wenig anfangen: „Frauen sind heute im Erwerbsleben aus ganz unterschiedlichen Gründen benachteiligt. Das fängt bei der nach wie vor mangelhaften Ganztagsbetreuung von Kindern an, und es hört mit Aufstiegsbarrieren in Unternehmen auf, die vor allem in konservativer Unternehmenskultur vorzufinden sind“, sagte die liberale Politikerin. Ein Blick nach Skandinavien zeige, dass der Staat in der Kinderbetreuung die richtigen Rahmenbedingungen setzen könne, damit Frauen im Erwerbsleben weniger benachteiligt würden.
„Die von Scholz ins Feld geführten Zahlen geben einen rein statistischen Durchschnittswert wieder“, argumentiert Arbeitsrechtler Bauer. Die Daten vernachlässigten, dass Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern deshalb entstünden, „weil Frauen sich häufiger für niedrig bezahlte Berufe entscheiden und Auszeiten für die Kindererziehung nehmen“, sagte Bauer.
Doch nicht nur die Forderung des Bundesarbeitsministers nach einer Beweislastumkehr in einem Arbeitsgerichtsprozess löst Kritik aus. Widerstand gibt es von Seiten der Arbeitsrechtler auch gegen seinen Vorschlag, die Quote von Frauen in Aufsichtsräten zu erhöhen: „Ziel sollte generell eine bessere und professionellere Überwachung der Unternehmensführung sein, die zunächst dadurch erreicht wird, dass die geeignetsten Personen Mandate besetzen“, sagte Heuchemer. Eine pauschale Quote laufe diesem Ziel aber zuwider.

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/arbeitsmarkt-gleicher-lohn-fuer-frauen-gilt-bereits-seite-2/3141408-2.html

Joachim Scholl, freier Journalist

Deutschlands Feministin Nr. 1 über 35 Jahre "Emma", ihren Kampf für die Frauen und den neuen Feminismus
Alice Schwarzer im Gespräch mit Joachim Scholl
Vor 35 Jahren gründete Alice Schwarzer die Frauen-Zeitschrift "Emma", zu einer Zeit, als die meisten Frauen noch hinter dem Herd standen. Zum 35-jährigen Jubiläum blickt Schwarzer zufrieden zurück. Ihr Blatt, das bis heute völlig unabhängig sei, stehe für einen erfolgreichen "Kulturkampf".
Joachim Scholl: 302 Ausgaben, über 25.000 Seiten, das sind 35 Jahre "Emma". Das "politische Magazin von Frauen", wie es sich nennt, hat heute Geburtstag und würdigt dieses Jubiläum natürlich auch im neuesten Heft. Gegründet wurde "Emma" von Alice Schwarzer. Sie ist bis heute Chefredakteurin und Herausgeberin. Guten Morgen, Frau Schwarzer!

Alice Schwarzer: Ja, guten Morgen, Herr Scholl!

Scholl: Erst mal Glückwunsch, Frau Schwarzer, alles Gute zum Geburtstag!

Schwarzer: Ja, danke!

Scholl: Sie haben sich selbst und allen auch historisch interessierten Leserinnen und Lesern ein besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht: Ab sofort gibt es jetzt nämlich sämtliche "Emmas", von Heft eins bis 300 komplett digitalisiert im Netz, und kostenlos kann man dort stöbern. Das hat bislang noch keine einzige Zeitschrift gemacht. Warum machen Sie es?

Schwarzer: Ja, das stimmt. Ich finde auch, dass das ein großartiger und auch mutiger Schritt ist. Denn es ist ja nicht gerade im Sinne einer Verlegerin, ihre Zeitung zu verschenken. Aber es ist im politischen Sinne der Feministin Schwarzer, dass das, was die "Emma" über 35 Jahre berichtet und analysiert hat und gefordert hat, dass das allgemein und sicher zugänglich ist, denn diese 35 Jahre "Emma", diese 25.348 Seiten, die sind eine wahre Goldgrube. Und man entdeckt darin eben auch, dass "Emma" oft schon Dinge thematisiert hat, die allgemein in der Gesellschaft überhaupt erst zum Thema zehn oder manchmal 20 Jahre später wurden. Und das ist natürlich sehr interessant: sexueller Missbrauch, politischer Islam, Frauenfußball und so weiter.

Scholl: Genau, darauf wollte ich gerade kommen, Frau Schwarzer, das macht nämlich wirklich zum Nachlesen schon Appetit, wenn da so viele Hefte genannt werden, die mit diesen Themen Furore gemacht haben - also nehmen wir nur mal die Jahreszahl: Das erste Dossier über sexuellen Missbrauch 1978, …

Schwarzer: Ja.

Scholl: Die Forderung vom Zugang von Frauen zum Militär 1979, erste Titelgeschichte zum Frauenfußball - Wenn "Emma" aber immer vorne weg schreitet, man könnte es ja auch umdrehen und sagen: Ja, man könnte andersrum denken und sagen, alles was Emma anmahnt und thematisiert, braucht dann ewig lange, bis es passiert.

Schwarzer: Ja, so ist es. Es hat eine erfreuliche und eine bedenkliche Seite. Aber das liegt leider nicht in unserer Macht, es zu beschleunigen. Ich glaube, dass die Funktion von "Emma" ist, also nicht nur, dass sie - und da ist sie wirklich originär, das ist ganz klar -, dass man bei uns Dinge liest, die man sonst nirgendwo liest, das ist klar, und dass wir gegen den Strich denken und auch Dinge hinterfragen und so, aber das bestärkt nicht nur unsere Leserinnen und regt sie zum Denken an, sondern natürlich hat in diesen 35 Jahren "Emma" die anderen Medien und auch die Politik stark beeinflusst, manchmal richtig Gesetze gemacht, zum Beispiel gegen Vergewaltigung und so weiter, oder Gesetzesänderungen verhindert - Ende der 70er wollte man tatsächlich den Strafparagrafen für Pädophilie abschaffen im Zuge des allgemeinen Rausches der sexuellen Befreiung. Das hat wirklich "Emma" mit einigen Gleichgesinnten verhindert. Also wir haben oft auch gehandelt, ja? Das ist, glaube ich, das Besondere von "Emma".

Scholl: Sie haben zum Jubiläum auch ein Dossier "40 Jahre Frauenbewegung". Dort findet sich ein langer Text von Ihnen selber, Frau Schwarzer, aus dem Jahr 1972, ...

Schwarzer: Ja.

Scholl: … der damals in der Zeitschrift "Pardon" erschien. "Männer, wir kommen!" - sehr kämpferisch überschrieben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie solch einen Text wieder lesen nach 40 Jahren?

Schwarzer: Ja, manchmal muss ich natürlich lachen, weil wie Sie schon ganz richtig sagen, der Ton war kämpferischer früher, nicht? Und auch ein bisschen ernsthafter, politisch, nicht? Und wenn man das dann so liest, mit welchem Ernst und Elan ich da auch berichtet habe, da muss ich manchmal selber lächeln, das würde man heute vielleicht manchmal ein bisschen cooler machen, ein bisschen mehr mit Humor, aber das waren einfach die Zeiten. Ich meine, man muss bedenken, als ich diesen Text geschrieben habe - damals habe ich übrigens noch in Paris gelebt und bin angereist zu diesem Kongress der deutschen Frauen und habe dann darüber im "Pardon" und im WDR berichtet -, also, als ich diesen Text geschrieben habe zum Beispiel, konnte in Deutschland ein Ehemann einer berufstätigen Frau noch zum Chef seiner Frau gehen, ohne sie auch nur zu fragen, und die Stelle kündigen mit der Begründung, sie macht ihren Haushalt nicht ordentlich. Ich meine, das muss man sich mal überlegen. Und in dieses Klima sind wir aufgebrochen, und da haben wir natürlich richtig zugelangt.

Scholl: Sie schreiben selber im Editorial dieses Dossiers, dass man von einer Bewegung ja eigentlich nur für die ersten zehn Jahre sprechen kann. Ab Anfang der 1980er sei der Feminismus allgegenwärtig in der deutschen Gesellschaft, und auch die Debatte drüber. Heute bewege er sich wie ein Fisch im Wasser und sei deshalb auch nur schwer fassbar. Ist das ein Problem, Frau Schwarzer, oder nicht eigentlich gut? Ich meine, Sie haben so viel mit Ihrem Engagement erreicht in unserer Gesellschaft, oder nicht?

Schwarzer: Es ist gut und problematisch zugleich. Also der Feminismus, der Begriff Feminismus, ist eine sehr inflationäre Münze. Und was wir nicht geschafft haben - wir haben es aber auch, ehrlich gesagt, nicht angestrebt -, ist sozusagen, eine politische Lobby zu sein, nicht? So wie die Grünen für die Ökologie oder so. Wir hätten ja auch Ende der 70er, hätten ja Feministinnen eine Partei gründen können, und ich bin überzeugt, bis heute würden wir locker über die fünf Prozent kommen. Wir haben uns also nicht institutionalisiert, sondern haben sozusagen einen Kulturkampf geführt, haben das Augenmerk auf die Veränderung des Bewusstseins gelegt. Das macht den Feminismus sehr subversiv, das macht ihn aber auch manipulierbar. Wir erleben ja seit Langem, dass auch Forderungen im Namen des Feminismus gestellt werden, die mit Feminismus gar nichts zu tun haben. Und das verwirrt immer wieder die Geschichte. Und es macht es auch sehr leicht, so dieses, bei einigen sehr beliebte, Spielchen des Frauen gegeneinander Ausspielens zu spielen: Ja, liebe Frau Schwarzer, wenn sogar Frauen oder sogar Feministinnen das sagen, ich meine, Entschuldigung, ja? So.

Scholl: Deutschlandradio Kultur, das "Feuilleton-Pressegespräch", heute mit Alice Schwarzer von "Emma" zum 35. Geburtstag.

Kommen wir auf ein Thema im aktuellen Heft zu sprechen, Frau Schwarzer, das ja einen Aspekt von einer Art neuem Feminismus aufgreift. Es geht um Femen, das ist eine Agitpop-Gruppe aus der Ukraine, …

Schwarzer: Aus der Ukraine, ja.

Scholl: … die mit sehr viel nackter Haut und sehr aggressiv demonstriert, jetzt nicht nur in Kiew, sondern auch in Rom und Zürich und Paris sind die Damen aufgetaucht. Was ist das für eine Variante von Frauenpower? Wie sehen Sie das?

Schwarzer: Ja, das ist für mich der neue Feminismus, das, was man die neue Ironie nennt in der Politik oder in Protestbewegungen. Die machen ja Folgendes: Das ist so ein Dutzend Frauen in der Ukraine, die in der Tat schon weltweit, oder zumindest was den Westen angeht, Aufsehen erregt haben, und zwar warum: Ihr Hauptanliegen ist der Kampf gegen den Frauenhandel und gegen die Prostitution.
Das ist weltweit ein Problem, auch ein gewaltiges Problem in Deutschland, aber in der Ukraine ein besonderes Problem, weil die Ukraine ein armes Land ist, am ärmsten sind die Frauen, und die werden da verschachert und in die Prostitution getrieben.

Und nun gehen diese Frauen her und sagen, okay, ihr Journalisten wollt eigentlich davon nichts hören, und was ihr am liebsten fotografiert, sind Frauen mit bloßem Busen, die schick und blond sind und süß aussehen, und so weiter. Das liefern wir Euch. Das heißt, die gehen halbnackt auf die Straße, hübsche junge Frauen - klar! -, haben alle lange blonde Haare entweder oder Echthaarperücken, in den Haaren sind herrliche Blumenkränze, sie sehen prächtig aus, jedem Fotografen läuft das Wasser im Mund zusammen, und so lassen sie sich fotografieren, aber sie halten eben ihre Protestschilder, die gar nicht dazu passen, und auch ihre wütenden Gesichter gleichzeitig in die Kamera. Und auf diesen Schildern steht: Prostitution ist ein Verbrechen gegen die Menschenwürde, oder Frauen sind nicht zu kaufen.

Wir haben das hier in der "Emma" sehr diskutiert, und ich sage ganz ehrlich, ich war die größte Befürworterin, die anderen haben noch so ein bisschen gezögert zunächst, sind aber inzwischen auch sehr überzeugt, groß über diese Gruppe zu berichten, auch sogar mit ihr zu titeln, weil ich das wirklich subversiv finde.

Scholl: Ich wollte gerade sagen, solch eine stolze Nackte posiert auch auf dem Titelbild der Jubiläums-"Emma", und da habe ich gleich gedacht, ob es da nicht auch Diskussionen gab.

Schwarzer: Ja.

Scholl: Also nackte Brüste sind ja normalerweise Blickfang für ganz andere Zeitschriften.

Schwarzer: Ja, so ist es. Aber ich meine, die "Emma" war ja noch nie gegen Nacktheit an sich oder gegen Erotik, das ist ja absurd. Ganz im Gegenteil, ich meine, wir sind Teil einer Bewegung, die die Sexualität für Frauen befreit hat, und die ihnen überhaupt erst mal beigebracht hat, dass sie auch das Recht auf eigene Lust haben. Nacktheit an sich will noch gar nichts besagen.

Es ist eine Frage der Würde, wie das auftritt und in welchem Zusammenhang. Und hier wird die Nacktheit mit Stolz präsentiert und kämpferisch eingesetzt, und diese Frauen drehen sozusagen - das ist ein Bumerang, ja? - drehen diese Pornografisierung in der Luft um und machen sie zu ihrer eigenen Waffe.

Pornografie, wenn ich das noch hinzufügen darf, ist für uns ja nur das, wo man Lust an Sexualität mit Lust an Erniedrigung und Gewalt verknüpft. Und hier kann von Erniedrigung gar nicht die Rede sein. Unsere nackte Blondine auf "Emma", die springt mit Stolz und Zorn dem Betrachter ins Gesicht.

Scholl: Lassen Sie uns noch kurz auf einen Punkt kommen, Frau Schwarzer, mit Blick auf die 40 Jahre Frauenbewegung. In der kommenden Woche wird es in Köln eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung geben, und dort soll es um eine sogenannte antifeministische Männerbewegung gehen, die jetzt wieder stärker von sich reden machen soll. Ich habe mich gefragt, wenn Sie so was hören, Frau Schwarzer, zucken Sie da mit den Achseln, weil solch blöder Quark Sie seit 40 Jahren begleitet, oder ist das doch wieder was Neues, das Sie interessiert?

Schwarzer: Nein, ich glaube, das muss man ernst nehmen. Also es kommt doch jetzt eine Stimmung auf, in der es gar nicht mehr peinlich ist, offen und krass anti-emanzipatorisch zu sein, ja? Und das Interessante an dieser Bewegung - das ist so ein strapazierter Begriff, aber an dieser Stimmung, die an vielen Fronten herrscht - ist ihre Breite. Dazu gehören auch einige Intellektuelle und bekannte Journalisten in seriösen Zeitungen. Dazu gehören neue Rechte, dazu gehören Teile der Väter-Bewegung und so weiter. Auch "Emma" sitzt gerade an einem Dossier darüber, und das ist sehr zu begrüßen, dass die Böll-Stiftung dazu etwas macht. Und lassen Sie mich noch eins, weil wir noch ein Pressegespräch führen, Herr Scholl, darf ich noch etwas hinzufügen?

Scholl: Na sicher, gerne.

Schwarzer: Was eigentlich selten bedacht wird bei "Emma", weil natürlich die Aufregung um die Inhalte - und zu Recht - immer alles andere verschattet, ich finde es auch eine besondere Tat von "Emma", dass sie ein völlig unabhängiges Blatt ist. Ich habe die Emma vor 35 Jahren mit 250.000 Mark gegründet, da haben sich alle auf die Knie geschlagen und haben gesagt: Sie ist verrückt geworden! Wir gehören zu keiner Partei, wir erlauben uns, alles zu kritisieren, wir haben kaum Werbung, weil die Werbung nicht zu uns kommt. Wir leiden also auch nicht unter dem Einbruch der Werbung. Wir sind unabhängig, wir zahlen unsere Rechnungen pünktlich, wir zahlen übertarifliche Gehälter, und das ist schon auch - unabhängig vom Feminismus, finde ich - etwas Bemerkenswertes. Das macht natürlich sehr, sehr frei.

Scholl: Ich danke Ihnen, Frau Schwarzer, wünsche Ihnen einen schönen Geburtstag, und feiern Sie schön!

Schwarzer: Ja.

Scholl: Ein Dossier über 40 Jahre Frauenbewegung und der neue Feminismus in der Ukraine sind nur zwei Themen von vielen in der neuen Emma, jetzt überall am Kiosk erhältlich. Alle drei Monate erscheint "Emma" in Köln, und dort empfängt man Deutschlandradio Kultur auf der UKW-Frequenz 91,3. Ihnen einen schönen Tag, Frau Schwarzer!

Schwarzer: Ja, für Sie auch, Herr Scholl!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1661575/

Seidel: Gewaltbereite Gruppen haben vieles gemeinsam
Initiative Schule ohne Rassismus wertet Debatte um Jugendkriminalität als wenig produktiv
Moderation: Joachim Scholl
Der Geschäftsführer der Initiative Schule ohne Rassismus, Eberhard Seidel, meint, dass es mehr Gemeinsamkeiten zwischen rechtsradikalen und gewaltbereiten ausländischen Jugendlichen gebe, als diesen lieb sei. Während die einen ihr Feindbild aus nationalistischen Kategorien speisten, sei es bei den anderen die Religion, um sich abzugrenzen.
Joachim Scholl: Kaum ein Tag vergeht ohne neue Stimmen, neue Spekulationen und Einsprüche zum Thema der Jugendgewalt. Wir wollen ein wenig praktische Ordnung in die Thesenhaftigkeit der Debatte bringen mit Eberhard Seidel, Verfasser von Publikationen wie "Unsere Türken. Annäherung an ein gespaltenes Verhältnis" oder "Marschiert die Jugend nach rechts?", eine Schrift über Rechtsradikalismus und Jugendgewalt. Eberhard Seidel ist Geschäftsführer der Initiative Schule ohne Rassismus in Berlin, jetzt im Studio. Guten Morgen! Willkommen im Radiofeuilleton, Herr Seidel!

Eberhard Seidel: Guten Morgen!

Scholl: Ich vermute, dass jemand, der wie Sie tagtäglich direkten Umgang mit Jugendlichen hat, diese Debatte der letzten Woche mit gemischten Gefühlen verfolgt?

Seidel: Ja, vor allem mit Erstaunen, weil ich nicht feststellen kann, dass irgendetwas Neues unter der Sonne passiert bezüglich dieses Themas. Es sind im Prinzip die identischen Diskussionen, die auch schon vor 15 Jahren geführt wurden, mit den gleichen Argumentationen, mit den gleichen Horrorszenarien, mit den gleichen Zuspitzungen.

Scholl: Welche konkreten Punkte, die derzeit diskutiert werden, jetzt egal, ob sie aktuell sind oder eigentlich auch nicht, sie sind eigentlich immer virulent gewesen in den letzten Jahren, welche Punkte halten Sie aus Ihrer Sicht momentan für relevant und produktiv auch für die Diskussion und Entwicklung der Problematik?

Seidel: Es fällt natürlich schwer, was Produktives bei dieser Diskussion festzustellen, das erst mal muss ich wirklich zu Eingang sagen. Allerdings ist es immer gut, über die Situation, Lebenssituation, von Jugendlichen zu sprechen, wenn man denn die Perspektive hat, bei Problemlagen auch nach Lösungen nach zu suchen und nach Perspektiven, wie besser mit der Situation umgegangen wird. Es gibt sicherlich einen positiven Aspekt, dass heute noch mal über den Inhalt und das Wesen und den Charakter von Jugendstrafrecht diskutiert wird. Und was mich besonders erfreut, dass natürlich nicht nur die Zuspitzungen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen durch die Medienlandschaft geistern, sondern so etwas wie ein Aufstand der Anständigen in der Diskussion im Moment ja auch zu verzeichnen ist. Dass ja gestern beispielsweise über 1.000 Vertreter der Jugendgerichte oder Staatsanwaltschaften, der Sozialarbeiter zu Wort gemeldet haben, um eben gegen diese Polarisierungen und die unsinnigen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, zu protestieren. Und das ist ein gesellschaftlicher Fortschritt, den ich sehr positiv wahrnehme.

Scholl: Der "Spiegel" hat die jungen Männer in der letzten Woche als gefährlichste Spezies unserer Zeit herausgestellt und damit an eine Kontroverse vor zwei Jahren geknüpft, die Gunnar Heinsohn und Peter Sloterdijk damals mit ihren Thesen zum Zorn der jungen Männer veröffentlicht hatten. Frank Schirrmacher hat gestern diese jungen Migranten-Männer auf so wörtlich - Feindpfad - erspäht gegen die Mehrheit der Deutschen. Ja, Sie lächeln schon. Sind das so soziokulturelle Feuilletonismen, oder sind da Motive angesprochen, die Sie in Ihrer Arbeit, Herr Seidel, bei Ihrem Umgang mit Jugendlichen auch wahrgenommen haben? Stichwort: Junge Männer.

Seidel: Na ja, vielleicht zu dem "Spiegel"-Titel: Die jungen Männer, die gefährlichste Spezies der Welt. Man kann diese Debatte führen und diese Thesen auch diskutieren. Es wird nur problematisch, wenn man das verknüpft wie der "Spiegel" mit dem Übertitel "Migration der Gewalt" und damit ein Konnex hergestellt wird, der sich natürlich nur mit einem Teil von jungen Männern in diesem Land beschäftigt. Das halte ich für falsch. Dass junge Männer, egal, in welcher Gesellschaft, zu welchen Zeiten, historisch, am ehesten bereit sind, in gesellschaftlichen Krisensituationen oder von ihnen als solche empfundenen Krisensituationen bereit sind, auch auf das Mittel der Gewalt, sei es jetzt im Kollektiv, sei es jetzt individuell, zurückgreifen, das ist bekannt. Das ist nicht zu leugnen. Womit das zu tun hat, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, ob man das als anthropologische Konstante betrachtet von Menschen oder auch als ein Ergebnis von Sozialisationen, von Männlichkeitsbildern, das ist natürlich eine wichtige Diskussion, die geführt werden muss. Ich würde dem so einfach widersprechen, einfach zu sagen, die jungen Männer sind die gefährlichste Spezies dieser Welt, weil man muss doch immer noch mal auch eine Antwort auf die Frage geben, warum denn nicht nur eine überwiegende Mehrheit, sondern 99 Prozent der jungen Männer eben nicht auf das Mittel der Gewalt zur Durchsetzung ihrer individuellen Strategien zurückgreifen. Junge Männer auf Feindpfad, die These von Herrn Schirrmacher. Ich habe das gelesen und habe mich gewundert und mich gefragt, was diesen Mann umtreibt. Ich kann es auch salopp formulieren und sagen: Das ist ein Text hingeschrieben, nachdem man stimulierende Substanzen zu sich genommen hat. Ich möchte es mal wirklich so frech formulieren. Man könnte diese These vertreten. Leider muss man wahrscheinlich sagen: Nein, es ist in einer ganzen Serie von Artikeln, die sich mit Migration, mit muslimischen jungen Männern in Deutschland beschäftigt. Und wenn Herr Schirrmacher beispielsweise zu Abschluss des Artikels sagt, dass junge Ausländer verbunden mit Fundamentalismus am nächsten an der Ideologie dran sind, die im 20. Jahrhundert praktisch für die ganzen Verwerfungen in Europa dazu beigetragen hat, damit meint er ja Faschismus oder Stalinismus, dann ist es ein Überziehen einer Wahrnehmung eines gesellschaftliches Problems, dass ja in der Tat junge Migranten-Männer überdurchschnittlich an Gewaltkriminalität beteiligt sind, eine Überziehung, die mich zu dieser saloppen Eingangsbemerkung eben treibt.

Scholl: Die Debatte um die Jugendgewalt. Im Studio ist Eberhard Seidel von der Initiative Schule ohne Rassismus. Erzählen Sie uns, Herr Seidel, ein wenig von Ihrer Initiative. Wie sieht Ihre Arbeit bei Schule ohne Rassismus ganz konkret aus?

Seidel: Die Arbeit von Schule und Rassismus sieht so aus, dass wir ein Netzwerk von Schulen in Deutschland sind, die sich in einer Selbstverpflichtung, nämlich Schüler und auch Lehrer und auch das technische Personal in eine Selbstverpflichtung dazu erklärt haben, verpflichtet haben, gegen jede Form von Diskriminierung an der Schule eben vorzugehen. Nicht nur gegen Rassismus, wie der Name nahelegt, sondern gegen jede Form von Diskriminierung, das meint beispielsweise Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität, Themen wie Antisemitismus, oder aufgrund des Geschlechts. Und für uns ist es überhaupt keine Frage, ob die problematischen Haltungen von Jugendlichen deutscher Herkunft oder nichtdeutscher Herkunft ausgeübt werden, da gibt es für uns keinen Unterschied. Uns ist schon immer klar gewesen, dass Jugendliche deutscher Herkunft als auch nichtdeutscher Herkunft in der Lage sind zu diskriminieren. Aber wir wissen auch, dass alle Gruppen auch in der Lage sind, was Wirksames, Konstruktives dagegen zu unternehmen. Und unser Anliegen ist es, diese Jugendlichen, die eben diese negativen Entwicklungen in der Gesellschaft nicht bereit sind zu tolerieren und hinzunehmen, die bewusst etwas dagegensetzen wollen, in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Scholl: Inwieweit begegnen Sie denn in Ihrer Arbeit Gewalt von Jugendlichen, sei es von ausländischen Jugendlichen oder deutschen Jugendlichen? Sie haben sich auch intensiv mit rechtsradikalen Jugendlichen beschäftigt. Die fallen jetzt in der Debatte immer sozusagen, als Gegenposition werden die jetzt immer gewertet. Wie erleben Sie das in Ihrer Realität?

Seidel: Wir haben in unserer Arbeit natürlich sehr viel auch mit Gewaltphänomenen zu tun. Der Entschluss von Schulen und von Schülern, sich unserem Projekt anzuschließen, hat in der Regel auch einen Hintergrund, dass es problematische Entwicklungen im Schulumfeld oder in der Schule selbst gegeben hat, dass es zu Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen kam, und dann die Schüler sagen: Wir müssen aktiv was dagegen unternehmen. In dieser Form haben wir damit zu tun. Schulen, die unserem Netzwerk angeschlossen sind, sind auch immer wieder Ziel von Angriffen von rechtsextremen Jugendlichen, dass das Schild beschädigt wird oder Schmierereien an den Schulen auftauchen, in dieser Form immer wieder mit zu tun. Und natürlich auch die Klagen beispielsweise von Jugendlichen, die sich beschweren, die in Ostdeutschland beispielsweise leben, dass sie mit ihren eher zivilgesellschaftlichen Einstellungen immer wieder auch den Angriffen von rechtsextremen Jugendlichen ausgesetzt sind. Wir haben aber auch beispielsweise mit schwulen Schülern zu tun, die hier in Kreuzberg in Berlin sich darüber beklagen, dass sie von Jugendlichen mit türkischer Herkunft häufig angemacht werden, beleidigt werden. Das sind Formen, mit denen wir zu tun haben. Und unsere Perspektive ist da nicht zu rufen, wir müssen das Strafrecht verschärfen, sondern zu gucken, wie kann man Diskussionen, aber auch Maßnahmen, auch Aktivitäten in Gang setzten, die präventiv dazu beitragen, die Konflikte möglichst zu minimieren.

Scholl: Das ist ganz interessant, was Sie jetzt ansprechen, die Diskriminierungsmechanismen jetzt, sagen wir, bei der einen Gruppe und der anderen Gruppe. Merkwürdigerweise konvergiert das hier. Die "ausländischen Migranten" jetzt in Anführungszeichen genauso wie die rechtsradikalen Jugendlichen, sie stürzen sich sozusagen homophob vielleicht auf Schwule. Das ist so eine Art von gemeinsamer Machokultur auf eine Weise. Gleichzeitig diskriminieren sie natürlich einander. Ein Rechtsradikaler schimpft auf die Ausländer. Ein "ausländischer", jetzt in Anführungszeichen, aggressiver Jugendlicher sagt eben: Ihr Scheiß-Deutschen!

Seidel: Ich halte die Diskussion, die auch bei Schirrmacher anklingt, natürlich für völligen Unsinn, zu glauben, es gebe einen Unterschied zwischen deutschen Jugendlichen und nichtdeutschen Jugendlichen, sondern da gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als wahrscheinlich beiden Gruppen recht ist bezüglich eines Männlichkeitsbildes, einer übersteigerten Männlichkeit, auch in der Konstruktion von Feindbildern. Der einzige Unterschied besteht vielleicht darin, dass die Feindbilder bei deutschen Jugendlichen entlang völkischer, nationalistischer Kategorien gebildet werden. Und beispielsweise bei einem türkisch- oder arabischstämmigen Jugendlichen eher zurückgegriffen wird auf das Thema Religion, um einen Abgrenzungsmechanismus herzustellen zu anderen Jugendlichen, denen man dann auch in der Feindseligkeit begegnet. Es ist ein Prozess, der bei, und das muss man auch klar sehen, die Jugendlichen, über die wir sprechen, sind in der Regel tatsächlich die Verlierer dieser Gesellschaft. Sie sind randständige Jugendliche, die wenig Möglichkeit haben, in einer anderen Form an gesellschaftlichen Prozessen und am Reichtum zu partizipieren und die auf Religion oder Nationalismus als letzte Ressource zurückgreifen zur Identitätsbildung. Und das führt natürlich dann auch in der weiteren Ebene zu Verwerfungen. Und dann gibt es schlichtweg die ganz einfache Kriminalität, Gewaltkriminalität. Und jeder Gewaltkriminelle legitimiert seine Handlung ja beispielsweise für sich und braucht eine Legitimation. Und bei vielen Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft: Ich kenne viele Sprüche schon seit Jahren, dass Räuber, Handtaschenräuber, beispielsweise nicht einfach nur eine Handtasche rauben, sondern es für sich legitimieren, das sei eine Nazi-Oma. Das ist ziemlich offensichtlich, was für Mechanismen dem zugrunde liegen.

Scholl: Eberhard Seidel, ich danke Ihnen, von der Initiative Schule ohne Rassismus in Berlin. Danke schön für Ihren Besuch und das Gespräch und alles Gute für Ihre weitere Arbeit!

Seidel: Dankeschön!

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/725211/

Michael Kimmel (USA),geboren 1951, Soziologe mit Schwerpunkt Männerforschung, in seiner Forschung verfolgt er einen profeministischen Ansatz

"Männer macht euch stark für den Feminismus", fordert der amerikanische Soziologe Michael Kimmel. Der Feminismus verschafft der Herzdame ein gutes Leben und der Mann selbst profitiert auch.
Mit ihrem "The Guy's Guide to Feminism" wollen der Soziologe Michael Kimmel und sein Kollege Michael Kaufman Männer davon überzeugen, dass sich der Feminismus lohnt. Mit Feministinnen habe man nicht nur besseren Sex. Auch auf vielen anderen Ebenen bereichere der Einsatz für eine stärkere Gleichberechtigung von Mann und Frau das Leben.
Letzte Schlacht
Selbst wenn Frauen inzwischen in vielen Ländern der Welt wählen, Universitäten besuchen und Bankkonten eröffnen dürfen, die letzte Schlacht in Sachen Gleichberechtigung sei noch längst nicht geschlagen. Wenn Frauen in den USA nur zu 75 Prozent die gleichen Chancen haben wie Männer in der Arbeitswelt, in der Gesundheit, auf politischer Ebene und bei der Bildung (Ranking des Weltwirtschaftsforums), dann ist das nicht hinnehmbar. "It really sucks", schreiben die Autoren.
Ratgeber mit Unterhaltungswert
Kimmels und Kaufmans profeministischer Ratgeber ist recht unterhaltsam geschrieben, mit kleinen Kurzgeschichten, Witzen und Comics garniert. In alphabetischer Reihenfolge werden Schlagworte wie Jobs oder Emotionen abgearbeitet. In leichtverdaulichen Dosen sind Stationen des feministischen Kampfes genannt, und es gibt Datenmaterial über den aktuellen Stand der Gleichberechtigung oder auch zu Themen wie Genitalverstümmelung und Ehrenmorde.
Der US-Soziologe Michael Kimmel ist Dozent an der Stony Brook University in New York und Herausgeber des Journals International Encyclopedia of Men and Masculinities. Seit langem beschäftigt er sich in seiner Forschung mit Männern.

http://wissen.dradio.de/gleichberechtigung-maenner-fuer-den-feminismus.33.de.html?dram:article_id=206020

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Die ultimative Dienstleistungsoffensive des Antifeminismus

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