Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

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Liste Lila Pudel 01-10 (Projekte)

verfasst von Oberkellner(R), 24.06.2012, 19:31

LP 01 Eckhard Fuhr, Journalist und Autor, geboren 1954 in Groß-Rohrheim (Hessen), studierte Soziologie und Geschichte in Freiburg am Breisgau, Chef des Feuilletons bei der Tageszeitung DIE WELT - http://www.berlinverlag.de/images/authors/lowres/Fuhr_160.jpg

Die Zukunft ist weiblich, aber sie wird nicht unbedingt schöner. Beim Fußball erweist sich, dass Frauen sehr männlich sein können, wenn sie wollen. Auch in den jüngsten Kriegen ist das immer wieder deutlich geworden. Die Überlegenheit der Frauen beruht darauf, dass sie schon immer sowohl im Damen- als auch im Herrensattel reiten konnten. Auf Männer trifft das nicht zu. Sie sind in ihrer Geschlechtsrolle gefangen, haben es allerdings nicht bemerkt, weil sie diese Gefangenschaft für Überlegenheit hielten. Jetzt sehen sie, kaum dass sie den Windeln entwachsen sind, dass sie gegenüber Frauen in jeglicher Hinsicht die Unterlegenen sind. Frauen sind schneller trocken, lernen schneller sprechen und lesen, haben die besseren Abitursnoten und die intensiveren Orgasmen, werden nicht so leicht kriminell, ergattern die begehrtesten Studienplätze, müssen nicht zur Bundeswehr, dürfen aber, wenn sie wollen, und erklären als "Tagesthemen"-Moderatorinnen die Welt.

http://www.welt.de/welt_print/article1229035/Der_Bauch_gehoert_ihr.html

LP 02 Kuno Trüeb (CH), Historiker in Basel

Männerforschung existiert in der Schweiz bislang nicht. Doch vielleicht wird sie, wie im angelsäch-sischen Sprachraum und in Nordeuropa, auch hierzulande gelegentlich Fuss fassen: Vorboten sind etwa die Tagung einer Arbeitsgruppe «Männer in der Geschlechterforschung» am letztjährigen So-ziologInnenkongress in Zürich oder der Entschluss des Zürcher Geschichtsladens, die Januar-89-Nummer seines Heftes «Nostalgia» dem Thema «Männergeschichte» zu widmen.
Ausgehend von der etwas fortgeschritteneren Diskussion im Ausland möchte ich darstellen, was Männerforschung ist und will. Konkrete Fragestellungen werde ich am Beispiel der Historie entwi-ckeln.
Begriffe wie Männerforschung oder Männergeschichte sind zunächst irritierend, da sie, in Analogie zu Frauenforschung und Frauengeschichte gebildet, eine falsche Parallelität suggerieren könnten. Männer müssen nicht eine verdrängte Geschichte wiedergewinnen, sie brauchen nicht um Teilhabe an Wissenschaftsbetrieb und -inhalten zu ringen: Sie sind als Männer nicht unterdrückt. Mangels besserer Begriffe möchte ich jedoch vorläufig beim Ausdruck «Männergeschichte» bleiben, unter Betonung der folgenden Teilanalogien zu Frauenstudien:
1. Männerforschung verfolgt eine antisexistische Zielsetzung.
2. Sie untersucht Männer und Männlichkeit als soziale beziehungsweise historische Kategorie.
3. Männerforschung wird, hauptsächlich von Männern, unter Einbezug ihrer spezifischen Erfahrung, betrieben.
Die Achillesferse bei diesem Vorhaben ist nicht, dass Männer und Männlichkeit kritisch untersucht werden sollen (feministische Forschung tut dies schon lange!), sondern die Tatsache, dass nun aus-gerechnet Männer sich darum zu kümmern gedenken. Können und sollen gerade diese Nutzniesser eines Herrschaftsverhältnisses zu den Kritikern desselben avancieren? Werden diese Männer mit Frauen um Forschungsgelder konkurrieren? Werden sie gar die Wissenschaft dafür benutzen, anti-feministische Positionen zu erarbeiten? Profeministisch eingestellte Männer werden zudem einwen-den, Männer sollten Gleichberechtigung zuerst im Privaten und Persönlichen leben, anstatt in ty-pisch männlicher Manier sich öffentlich wichtig zu machen und sich in abstrakte Diskussionen zu versteigen.
All diese Befürchtungen und Einwände sind absolut berechtigt. Männer, die sich an der Geschlech-terforschung beteiligen möchten, befinden sich in einer heiklen Position. Es ist deshalb nötig, dass sie Methode und Gegenstand ihrer Forschung sehr genau überdenken und offen legen.
Richtlinien für Männerforschung
Jeff Hearn (England) hat in seinem für den SoziologInnentag geschriebenen Papier «The Critique of Men» überzeugende Grundsätze für eine antisexistische Männerforschung formuliert. Er fordert:
- Männer dürfen feministische Theorie nicht zu vereinnahmen suchen. Sie sollen die Autonomie der Frauenforschung respektieren, ohne eine entsprechende Autonomie für Männerstudien anzustreben.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Männern muss grundsätzlich allen, Frauen wie Männern, offen stehen. Kritik von Frauen ist zu begrüssen.
- Die Hauptaufgabe der Männerforschung besteht in der Entwicklung einer Kritik männlicher Praxis unter Zuhilfenahme feministischer Theorie, nicht in der Entwicklung einer Feminismuskritik. Das kritische Ziel (target) sind die Männer und ihr Diskurs, nicht Frauen oder Feminismus.
- Alle feministischen Ansätze - gerade auch die besonders männerkritischen - sollen zur Kenntnis genommen werden.
- Die Forschungspraxis, das heisst die Institutionen, Spielregeln und Umgangsformen in Lehre und Forschung sind in die Kritik einzubeziehen.
- Männerforscher müssen ihre Studien auf ihre persönliche Erfahrung gründen und das Privatleben entsprechend gestalten.
Dies kann nicht überbetont werden: Es geht nicht um die Entwicklung einer eigenen Haltung oder gar einer Gegenposition der Männer zum Feminismus, sondern darum, Orte zu finden, wo sich Männer in der Wissenschaft für die antisexistische Veränderung der Gesellschaft einsetzen können. Und: Wenn Männerforschung die männliche Dominanz im Geschlechterverhältnis aus dem Blick verliert, trägt sie zu deren Befestigung bei, anstatt sie abzubauen.
Die vorgebrachten Eingrenzungen und Einwände gegen Männerforschung mögen genügen. Für Männer, die die Gleichstellung der Geschlechter ernst nehmen und sich für eine nichtsexistische Gesellschaft engagieren wollen - ich gehe vom Vorhandensein solcher Männer aus -, gibt es gute Gründe für die Thematisierung von Männern und Männlichkeit. Dies zu veranschaulichen versuche ich im Folgenden anhand möglicher Forschungen zur Männergeschichte.
Eine Veränderung der Geschlechterbeziehungen setzt die Veränderung der Männer voraus. In einer gleichberechtigten Gesellschaft sollten Männer zum Beispiel willens und fähig sein, sich mit Frauen das Aufziehen der Kinder zu teilen. Damit dies möglich wird, muss die Arbeitswelt umgeformt werden, denn sie ist nach den Bedürfnissen von Männern mit traditioneller Lebensführung struktu-riert. Notwendig ist aber auch ein neues Verhältnis des einzelnen Mannes zu Kindern, eine neue Vaterrolle.
Vorväter einmal anders
Vor diesem Hintergrund stellt sich für den Historiker die nahe liegende Aufgabe, die historischen Dimensionen der Vaterrolle aufzuarbeiten. Zwischen den abwesenden Vätern der Gegenwart, ihren autoritären Vorgängern bis zu den Handwerkern und Bauern der vorindustriellen Zeit, welche den Tag noch nicht getrennt von der Familie zubrachten, eröffnet die Geschichte ein breites Normen- und Erfahrungsspektrum. Aktuelle Diskussionen um Vaterschaft würden von solchem Wissen pro-fitieren: Unter welchen sozialökonomischen Bedingungen haben sich die unterschiedlichen Vater-rollen entwickelt? Was bewirkte die An- beziehungsweise Abwesenheit der Väter für die Ge-schlechteridentität ihrer Kinder und via diese für die Herausbildung bestimmter männlicher und weiblicher Psychologien?
Die ersten «neuen Väter» erleben, dass die Kinderbetreuung von ihnen eine tief greifende Persön-lichkeitsentwicklung verlangt. Traditionelle Männlichkeit entpuppt sich als mehr denn ein ablegbares Bündel altmodischer Einstellungen. Um dieser Erfahrung Rechnung zu tragen, muss Geschlech-tergeschichte auch die Gesellschaftlichkeit von Persönlichkeitsstruktur thematisieren.
Männlichkeit endlich historisch begreifen
Wenn Männer sich verändern sollen, dann müssen wir uns auch ganz grundsätzlich damit befassen, was «Männlichkeit» konstituiert: Wie und an welchen gesellschaftlichen Orten wird sie produziert und reproduziert, unter welchen Bedingungen wandelt sie sich? Wie sind wir zu den Männern ge-worden, die wir sind? Was unterscheidet unsere Verhaltensweisen, unsere psychische Struktur, un-sern Körper, unsere Sexualität von denen unserer Väter und Grossväter?
Ein nur einigermassen für solche Fragen geschärfter Blick in die Vergangenheit wird zeigen, wie sehr Männerbilder und männliche Erfahrung allein in unserem Jahrhundert sich verändert haben. Angesichts der Vielzahl vorliegender Arbeiten über Frauenbilder und über die gesellschaftliche Konstruktion von Weiblichkeit muss es geradezu erstaunen, dass «der Mann» in der Geschichts-schreibung nach wie vor als historische Konstante erscheint. Als ob Männer nur «das Andere» - die Weiblichkeit - nach ihren Bedürfnissen geformt und stilisiert hätten, als ob Männlichkeit nicht ebenso im Laufe der Geschichte produziert, umgestaltet, mit einer Fülle von Inhalten und Emotio-nen beladen und neubeladen worden wäre.
Als konkretes Beispiel für diesen Prozess möchte ich den Männlichkeitsdiskurs in schweizerischer Soldatenliteratur des Zweiten Weltkriegs anführen. Zahlreiche Schriften dieser Zeit - wie «Vom Zivilisten zum Soldaten», «Die Armee als Vorbild», «Das Buch vom Schweizer Soldaten» - bezwe-cken die Heranbildung «soldatischer Haltung». Da ist zu beobachten, wie Teile des im (damaligen) Begriff «Männlichkeit» schlummernden emotionalen Gehalts (Kraft, Stolz) geweckt und dem Be-griff «Soldat» zugeführt werden. Verbreitete Maximen vom Tenor: «Das Wesen des Mannes ist Kampf» - «In der Härte, die den Soldaten sein eigenes Ich im Dienste einer grossen Idee überwin-den lässt, zeigt sich seine höchste Männlichkeit» - «Der echte Soldatengeist (…) ist nichts als die höchste Potenz von Männlichkeit» mögen illustrieren, mit welcher Penetranz dieser Männlichkeits-diskurs auftritt. Soldatentum und Männlichkeit werden gegenseitig besetzt und in heroische Höhen gehoben. In derselben Literatur erfährt die Figur des Vaters über eindringliche Bilder von Gottvater, Vorvätern, Vaterland und General eine ideale Verklärung. Von hier aus wäre weiterzufragen nach der Funktion und den gesamtgesellschaftlichen Folgen eines derartigen Männlichkeits- und Vater-kultes.
Männerwelten, Männerkulturen, Männerbeziehungen
Als letzter Ausgangspunkt für Männergeschichte möchte ich die Männerbeziehungen nennen. Ich denke dabei an alle Beziehungsformen unter Männern: an Männerkulturen wie die Arbeitswelt, Politik, Vereine, Militär; an Männerfreundschaft, Kameradschaft, Männerliebe; an Vater-Sohn- und Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisse. Bei diesem Themenbereich können sich Männer ihre spezifische Erfahrung in der Männerwelt zunutze machen. Es handelt sich überdies um ein essenzi-elles Forschungsfeld, weil die innergeschlechtlichen, also Mann-Mann- und Frau-Frau-Beziehungen als ebenso konstitutiv für das Geschlechtersystem zu betrachten sind wie das zwischengeschlechtli-che Verhältnis: Alle drei sind interdependent, keines kann sich unabhängig von den anderen verän-dern.
Männerbeziehungen - anders als Frauenbeziehungen - charakterisieren in unserer Gesellschaft eine eigentümliche Ambivalenz zwischen Anerkennung/Liebe und Konkurrenz/Abwehr. Körperlicher und emotioneller Nähe sind rigide Grenzen gesetzt (Schwulenpanik), die Beziehungen sind oft stark formalisiert (Hierarchien) oder durch Konkurrenzverhalten geprägt. Auf der andern Seite bringen Männer ihren Geschlechtsgenossen mehr Achtung entgegen als den Frauen, sie nehmen Männer ernster. Das Studium der historischen Formen solcher Beziehungsmuster könnte zeigen, welchen Beitrag sie zur Stabilisierung von Männerherrschaft leisten. Als Beispiel einer solchen Untersuchung möge Cynthia Cockburns «Brother - Male Dominance and Technological Change» dienen. Sie zeigt, wie die Schriftsetzer Englands mittels einer hypermännlichen «Kultur» am Arbeitsplatz trotz massiven Technologiewandels Frauen aus dem Gewerbe herauszuhalten vermochten und zugleich junge oder ungelernte Arbeiter an den Rand drängten.
Das eine tun und das andere nicht lassen
Oder: Wer A sagt, muss auch B sagen. Der feinfühlige Leser, vielleicht ein Historikerkollege, ahnt, dass es mit der kameradschaftlich-unverbindlichen Information über Männerforschung nun sein Ende hat und ihm beim Zuendelesen doch noch ein schlechtes Gewissen droht. Dabei rechne ich es ihm tatsächlich hoch an, dass er nebst der Forschungsarbeit auch schon mal kocht oder mit dem Staubsauger durch die Wohnung saust; sich gegenüber Kleinkindern stets besonders herzlich zeigt und alle geforderte Beziehungsarbeit spontan leistet; sich sogar persönlich einbringt und mit seinen Gefühlen in regem Kontakt steht. Immerhin sprang er einst zweiwöchentlich zu seiner Männer-gruppe. Die Gleichberechtigung leben ist nicht ohne.
Bloss: Weshalb das eine tun und die Forschungstätigkeit davon ausnehmen? Weshalb gelingt den meisten Männern diese Abtrennung des Privaten so mühelos? Von meinen Historikerkollegen je-denfalls stolperte bei seinen Wanderungen durch vergangene Zeiten bisher keiner über die Männer-frage. Es ist auch (fast) keinem eingefallen, sich an den bisher fünf Frauengeschichtstagungen über feministische Geschichte zu informieren, obwohl jeder deren Wichtigkeit zu betonen wüsste.
Ich habe mir redlich Mühe gegeben, Fragen an und über Männer zu rechtfertigen. Mich würde nun interessieren, wie diese Historikerkollegen (und Soziologen und übrige Gesellschaftswissenschaftler und Journalisten und …) es schaffen, keine Männerfragen zu stellen. Ich meine, es ist an der Zeit, dass all diese stillen Befürworter der Geschlechtergleichheit endlich ernsthaft nachzudenken beginnen, wie sie sich aktiv und über ihre vier Wohnungswände hinaus mit dem Männerproblem auseinander setzen wollen.

http://www.woz.ch/0627/aus-woz-nr-271989-7-juli-1989/wo-maenner-sich-auskennen

Männerbilder im Wandel
In den fünf umfangreichen Kapiteln seiner Studie interpretiert Kuno Trüeb die Aussagen seiner sieben Gesprächspartner und teilt den Leserinnen und Lesern mit, was er über "Frauen und Sexualität", "Männerbeziehungen", „Väter und Söhne", „Fortschritt und Technik" erfahren hat. Er stellt Männer vor, die schon vor Jahrzehnten einem modernen, dynamischen Männerbild nachlebten, obwohl damals das alte, autoritäre Bild noch prägender war als heute. Er zeigt Männer, die trotz gegensätzlicher Profile in ihrer Distanz zu andern Männern und in ihrer Freundlosigkeit sehr ähnlich sind. Er bringt uns Männer näher, die in ihrer Person gegensätzliche Lebenswelten vereinigen und aus ihrer bäuerlichen Herkunft einmal die Nachteile des Fortschritts aus eigener Erfahrung erleben, zum andern aber in ihrem Beruf diesen „Fortschritt" auch mittragen. Anhand der Vater-Sohn-Verhältnisse zeigt er, wie die familiäre Rollenzuteilung erfolgt, und wie sich Söhne und Väter zur Aufbesserung ihres Selbstbildes gegenseitig instrumentalisieren.

Nicht alle Gesprächspartner Trüebs haben ihm „Stoff" zu allen Themen geliefert. Seine Technik der lebensgeschichtlichen Interviews ist keine Befragung, mit der „Material" zu verschiedenen interessierenden Punkten abgefragt würde. Sie überlässt einen grossen Teil der Entscheidungen, was zur Sprache kommt, dem Interviewpartner selbst. Und ihre Schlüsse zieht sie nicht nur aus dem, was gesagt, sondern auch aus dem, was nicht an-gesprochen wird. Trüeb war deshalb darauf verwiesen, zu bestimmten Themen die Aus-sagen mehrerer, zu andern auch nur die eines Gesprächspartners heranzuziehen. Auch hat er mit unterschiedlichen Interpretationsformen experimentiert. Trotzdem tritt aus sei-nem Mosaik der Wandel der Männerbilder hervor und mit den drei Beziehungstypen Mann-Frau, Mann-Mann und Mann-Kind deckt er die wesentlichen Aspekte der Geschlechterverhältnisse ab.

Lebensgeschichte als Theaterstück
Dass es sich beim Oral History-Ansatz um eine relativ neue Methode der Geschichtswis-senschaft handelt, zeigt sich in Trüebs Arbeit darin, dass er methodische Probleme stark in seine Überlegungen miteinbezieht: Hätten seine Gesprächspartner ihre Lebensge-schichte einer Frau oder einem gleichaltrigen Kollegen gleich erzählt wie ihm, dem männlichen und jüngeren Forscher? Wie wirkt sich der Umstand, dass es sich um ein Forschungsprojekt handelt, auf die Gesprächssituation und den Inhalt des Erzählten aus? Die Oral History-Theorie geht davon aus, dass Erzählungen strukturierte Erinnerungen sind. Das heisst: Der Erzähler oder die Erzählerin bestimmt, was er mit welchen Worten und in welcher Reihenfolge berichten wiII. Die Erzählung erhält dadurch eine Struktur, die sich von Gesprächssituation zu Gesprächssituation verändern kann, je nachdem, ob das Gegenüber weiblich oder männlich, alt oder jung, bekannt oder fremd, über- oder untergeordnet ist.

Kuno Trüeb geht nun einen Schritt weiter und untersucht, welche Struktur seine Ge-sprächspartner ihren Lebensgeschichten ihm gegenüber geben: Er interpretiert die „Le-bensgeschichte als Theaterstück", in dem seine Gesprächspartner als „Regisseure" wir-ken und „Rollen" verteilen. Der Versuch lohnt sich, Trüeb fällt nämlich „bei der Betrachtung der Rollenverzeichnisse", in denen alle Personen festgehalten sind, welche in der Lebensgeschichte des betreffenden Gesprächspartners auftreten, „das extreme Ungleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Personen [... ] in die Augen". Er entdeckt eine "merkwürdige Absenz der Frauen in männlichen Lebensgeschichten". In einem Fall stehen rund hundert männlichen Figuren etwa zwanzig weibliche, im andern rund fünfzig männlichen etwa einem Dutzend weiblichen Rollen gegenüber.

Frauen spielen keine „Rolle"
Im letzten Teil seiner Untersuchung stellt Kuno Trüeb Überlegungen darüber an, warum das Ungleichgewicht so offensichtlich ist. Davon dass dieses Ungleichgewicht nicht den realen Verhältnissen der Gesprächspartner entsprechen kann, geht er aus. Trüeb vermu-tet vor allem zwei Gründe für die „merkwürdige Absenz" der Frauen. Erstens haben seine Interviews einen „halböffentlichen" Charakter: „Wer will denn schon einem Fremden, Wissenschaftler dazu, die Intimitäten seiner Liebesbeziehungen anvertrauen? Da zudem Öffentlichkeit und Privatheit [ ... ] weitgehend deckungsgleich sind mit männlicher und weiblicher Sphäre, fallen die weiblichen Personen eben aus der Selbstdarstellung von Männern heraus."

Zweitens vermutet Trüeb, dass man sich nach „oben" besser und lieber erinnert als nach „unten". Das heisst, dass Lebensgeschichten auch durch Aspekte von Macht und Hierar-chie geprägt sind. „Die Konsequenzen für die Geschlechterfrage sind naheliegend: Frauen wird in der Lebensgeschichte von Männern nur wenig Erzählplatz zugestanden, weil sie in untergeordneter Stellung sind. Sich selbst in den Zusammenhang mit Frauen zu stellen, bedeutet für einen Mann eine Ausrichtung nach „unten", was nicht der Prestigemehrung dienen könnte.

Auch für die (fehlende) Erinnerung an Konflikte zwischen einem Mann und einer Frau ist die Machthypothese nützlich. Zum einen werden die (zum Beispiel) der Ehefrau zugemuteten Benachteiligungen, Einschränkungen und Dienstleistungen vom Mann kaum wahrgenommen und erinnert werden. Zum andern können die Szenen aus dem ehelichen Machtkampf, die tatsächlich Spuren hinterlassen haben, nicht erzählt werden. Denn sowohl Triumphe wie Niederlagen gegen eine als unterlegen definierte Person - ob sie es ist oder nicht, spielt keine Rolle - können nie ehrenvoll sein.
http://www.baselland.ch/ge_11c-htm.281959.0.html

LP 03 Bryan Sykes (GB), Professor für Humangenetik in Oxford, geboren 1947
http://newsimg.bbc.co.uk/media/images/43005000/jpg/_43005409_sykes203.jpg

Der männliche Zell- Baustein offenbart, wer eigentlich das starke Geschlecht ist. Frauen haben die besseren Gene, und Männer sind eine sich selbst gefährdende Spezies
Männern hat die Natur einen Geburtsfehler in den Zellkern geschmuggelt: ein in Richtung Unter- gang schrumpfendes Y-Chromosom.

Die Natur ist verdammt ungerecht. Zumindest aus der Sicht des Mannes. Als ob es an Erniedrigung nicht schon gereicht hätte, dass er nach vergleichenden Auswertungen von Kranken- und Todessta-tistiken seine über die Jahrtausende hinweg bravourös gespielte Rolle als starkes Geschlecht kleinlaut abgeben musste. Aber nein. Just die männlich dominierte Wissenschaft muss noch eines draufsetzen.

Kaum hatten Forscher den molekularen maskulinen Bauplan vorgelegt, da wurde ersichtlich, dass die auf dem Y-Chromosom basierende Männlichkeit als etwas dauerhaft Marodes beschrieben wer-den kann. Als chronische Krankheit der Menschheit. Und weil sich die Natur mit ihrem Evolution genannten Immunsystem vor schadhaften Einflüssen zu schützen weiß, werde sie auch das Leiden Mann bald auskuriert haben - in gut 100.000 Jahren, wie der britische Genetiker Bryan Sykes pro-phezeit. Denn dann, lautet seine diskriminierende These, sei der Mann ausgestorben.

Wer darob nun verzweifelt und glaubt, damit wäre zeitgleich auch das Ende der Menschheit besie-gelt, der oder die irrt gewaltig. Denn der Frau wird bis dahin der Untergang des Mannes völlig egal sein können. Ja viel mehr noch: Triumphierend wird sie den endgültigen Sieg im Jahrtausende an-dauernden Geschlechterkampf für sich verbuchen, mit ihren Nachkommen den Mann gleich neben dem Dinosaurier im Naturhistorischen Museum bestaunen. Vielleicht am Muttertag.

http://derstandard.at/2878601/Der-Mann-am-Ende

LP 04 Jeff Hearn (GB), Soziologe und Mitbegründer der kritischen Männerforschung (cri-tical studies on men), geboren 1947, schrieb auch in „Achilles Heel“, dem Magazin der Profeminis-ten in Großbritannien
http://www.liu.se/genusforum/Konferens/keynote-speakers/1.187162/jeff.JPG

Jeff Hearn entwickelte fünf Prinzipien, die für eine zukünftige kritische Männerforschung Anwen-dung finden sollten (1987 in "Achilles Heel" – Magazin der Profeministen -erstveröffentlicht):

1. Männer sollten die Autonomie der Frauenforschung respektieren, was nicht heißen soll, umge-kehrt eine Autonomie der Männerforschung einzufordern.
2. Männerforschung soll Frauen und Männern offenstehen.
3. Das vorrangige Ziel der Männerforschung ist die Entwicklung einer Kritik an männlicher Praxis, zumindest teilweise aus feministischer Sichtweise.
4. Männerforschung ist interdisziplinär anzulegen.
5. Männer, die Männerforschung betreiben, müssen ihre Praxis des Forschens, Lernens, Lehrens und Theoretisierens hinterfragen, um nicht die patriarchale Form eines desinteressierten Positivismus zu reproduzieren. Ziel sei eine Bewusstseinserweiterung der Männer.
1990 ergänzte Jeff Hearn zusammen mit David Morgan in "The critique of men" diese Prinzipien noch um die Punkte, dass (heterosexuelle) Männer sich nicht um Forschungsgelder und Universi-tätsposten bewerben sollen, die für Geschlechterforschung ausgeschrieben wurden, und dass femi-nistische Wissenschaft und Frauenforschung in der eigenen Forschung und in den Institutionen zu unterstützen sei.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jeff_Hearn

LP 05 Prof. Dieter Otten deutscher Soziologe, geboren 1943 in Eltville (Rheingau), bis 2007 Professor für Soziologie an der Universität Osnabrück und Vorstand der Stiftung Internetfor-schung.
http://www.emed-ms.de/uploads/pics/otten_02.jpg

Frauen als Friedensstifter - für Dieter Otten ist das nicht nur eine Vorlage für literarische Dramen, sondern längst Realität: „Ohne moralisch integere, beruflich hoch motivierte, leistungsfähige und sozial engagierte Frauen wäre das ökonomische, soziale und politische System der westlichen De-mokratien längst gescheitert", betont der Sozialwissenschaftler. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat der Professor für Soziologie an der Osnabrücker Universität einzelne Bereiche der Kriminalität nach Geschlechtern unterschieden. Danach gibt es nicht einen Bereich, in dem Frauen eine nen-nenswerte Rolle spielen. „Gewalt ist männlich", konstatiert der 59-Jährige. „Dass unser System überhaupt noch funktioniert, liegt an den Frauen." Otten vermutet, dass auch die Managerposten in weiblicher Hand sein werden, sobald die geburtenschwachen Jahrgänge in der Wirtschaft spürbar werden: „Ein Unternehmer hat mal gesagt: Lieber eine Frau als einen Inder.` Typisch Mann. Doch mit dieser Spezies müsse man eben Mitleid haben, findet der Autor des Buchs „MännerVersagen": „Frauen sind einfach lebenstüchtiger", betont Otten.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28591080.html

LP 06 Steve Jones (GB), Genetiker, geboren 1944, Professor für Genetik und Direktor des Instituts für Biologie am University College London.

Das Y-Chromosom - einst genetisches Symbol männlicher Überlegenheit - ist, so Jones, von allen Chromosomen das mickrigste - und es schrumpft. Im Laufe der Jahrtausende hat es zwei Drittel seiner Größe eingebüßt. Jones zeigt sich "zuversichtlich, dass das Y-Chromosom in den nächsten zehn Millionen Jahren vom Erdboden verschwinden wird".

Doch was heißt das? Muss uns das, was in zehn Millionen Jahren geschieht, wirklich beunruhigen? Wenn es nach Jones geht, ja. Denn der Genetiker versucht sich auch als Soziologe. Er spekuliert: Das kränkelnde Y-Chromosom sei auch für das soziale Verhalten des Mannes verantwortlich - Schuld an nahezu allen männlichen Übeln, vom Tod durch Alkohol, über eine schlechtere Bildung bis hin zum Risikosport. "Männer werden häufiger vom Blitz getroffen, weil sie häufiger gefährliche Dinge tun, auf Berge klettern oder Golf spielen", so Jones. "Man kann sagen, es gibt ein Golf-Gen und das sitzt auf dem Y-Chromosom."

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/51027/index.html

LP 07 Markus Fäh, CH, geboren 1958, Psychoanalytiker in Zürich, Studium der Klini-schen Psychologie und der Soziologie, Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Verei-nigung (IPV), Paartherapeut, Coach und Lehrbeauftragter

Die Frau von heute strotzt vor Selbstvertrauen, ist attraktiv, gebildet und unabhängig. Jetzt holt sie sich auch im Bett, was sie will. Und die Männer? Sie sind erst mal überfordert
Was die TV-Serie «Sex and the City» zum Thema machte, ist längst nicht mehr nur Fiktion. Erfolg-reiche Frauen machen sich lustvoll auf die Jagd und schleppen Männer ab.
«Frauen haben gewaltig zugelegt an Unabhängigkeit, Ausbildung und Kompetenz», sagt der Berner Paartherapeut Klaus Heer (65). Und dazu gehört eben auch die Lust nach befriedigendem Sex.

Wie die Zukunft der Erotik aussehen könnte, wollte der Wiener Trendforscher Matthias Horx (52) wissen. Er stellte die Frage: Wie lieben wir 2010? Kürzlich präsentierte er die Ergebnisse seiner Studie und kam zum Schluss: Es sind die Frauen, die künftig beim Sex den Ton angeben.

«Cool Cats» nennt er diese selbstbewussten und emanzipierten Frauen. Starre Rollenmuster, wie jenes, dass es grundsätzlich der Mann ist, der um eine Verabredung bittet, sind für sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Stattdessen schlüpfen sie in die aktive Position und angeln sich die Männer, die ihnen gefallen. Bewusst umgeben sie sich mit einer verführerischen Aura, tragen heisse Dessous und erotische Accessoires. «Cool Cats» sind laut Horx Strateginnen der Erotik. Es macht ihnen Spass, Männer zu reizen und mit ihnen zu spielen. Sie wollen Sex um ihrer selbst willen, nicht mehr einem Partner zuliebe, und fordern die Befriedigung ihrer Bedürfnisse hier und jetzt.

Und wie reagieren Männer auf diese geballte Ladung Frau? «Sie sind verwirrt und verängstigt», sagt Klaus Heer. «Sie wissen nicht mehr, was sie im Bett genau tun müssen. Die Folge ist, dass sie sich verunsichert zurückziehen.» Sie verlieren die Lust am Sex.

Viele Paar- und Sexualtherapeuten beobachten eine fatale Tendenz: Dem Mann droht die Identitäts-krise. Die Frauen im Aufbruch drängen mit ihrer Emanzipiertheit die Männer in die Defensive – im Job, in der Familie und eben auch im Bett. «Frauen haben zu ihren ursprünglichen Stärken neue hinzugewonnen und sich vervollkommnet», sagt der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Die Männer dagegen seien «geblieben, was sie waren» und stellen sich nun gemessen an den Frauen, als «unvollständige, sozusagen halbe Wesen» dar.

Der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh (50) trifft bei seiner Arbeit immer wieder auf diese Ver-unsicherung: «Der Mann fühlt sich bedroht, weil er ständig in Frage gestellt wird. Psychologisch gesehen, ist er das schwache Geschlecht.» Daran sind die Männer selber schuld, meint Fäh: «Sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Noch immer entwickeln sie eine hohle Macho-Maske, um ja nicht als weiblich identifiziert zu werden.
Dabei wäre es so einfach. Fäh: «Der Mann muss etwas mehr Gefühl zulassen, einfach etwas weibli-cher und sinnlicher sein. Dann kann er es entspannt geniessen, wenn er verführt wird.» 

http://www.blick.ch/erotik/die-neue-lust-der-frauen-id164926.html

LP 08 Volkmar Sigusch geboren 1940 in Bad Freienwalde (Oder), Arzt und Sexualforscher, ehem. Direktor Institut für Sexualwissenschaft an der Uni Frankfurt am Main – studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Frankfurt am Main, Berlin und Hamburg
sigusch@em.uni-frankfurt.de

FOCUS: Muß es ein Ziel sein, daß weiblicher und männlicher Orgasmus völlig gleichwertig betrachtet werden?

Sigusch: Zu den positiven Veränderungen des sexuellen Wandels der letzten Jahrzehnte gehört, daß der Orgasmus heute nicht mehr im Mittelpunkt steht. Nach der sexuellen Revolution der 60er, 70er Jahre klagten viele Frauen über Orgasmusprobleme, waren besorgt darüber, daß sie nicht oft genug zum Höhepunkt kamen oder nicht den „richtigen“ Orgasmus hatten. Heute sind nicht mehr so viele Frauen und Männer auf das etwas einfallslose Leistungsschema Vaginalverkehr mit Höhepunkt fixiert. Allmählich wird auch erkannt, daß nicht nur der weibliche und der männliche Orgasmus sehr unterschiedlich sind, sondern daß es auch jenseits der Geschlechtszugehörigkeit erhebliche Differenzen gibt. Die einen werden beim Orgasmus ohnmächtig, die anderen nehmen ihn kaum wahr.

FOCUS: Sind Frauen 30 Jahre nach der sogenannten sexuellen Revolution immer noch die Unbefriedigten?

Sigusch: Ich denke, viele ältere Frauen sind nach wie vor unbefriedigt. Die jüngeren sagen sehr viel deutlicher, was sie möchten, sie übernehmen oft die sexuelle Initiative und bedeuten den jungen Männern, wo es langgeht, wo die Grenzen sind. Auch sind die jungen Männer nach neuesten Studien recht sensibel und einfühlsam. Verunsichert sind vor allem die Männer der mittleren Generation, auf die der Feminismus der 70er und 80er Jahre herabgeprasselt ist.

FOCUS: Haben Männer heute Lust auf sexuell selbstbewußte Frauen?

Sigusch: Sigmund Freud sagte zu Beginn des Jahrhunderts, Männer seien nur sexuell potent, wenn sie Frauen beherrschen und erniedrigen können. Das ist zwar noch nicht aus der Welt, trifft aber nach meinem Eindruck nicht mehr für die jungen Leute zu, die in den letzten Jahren ins aktive heterosexuelle Leben eingetreten sind. Sie ahnen zumindest, daß sich eine anhaltende, befriedigende Erregung nur einstellen kann, wenn beide Partner selbstbewußt sind, also auch ihre Vorlieben kennen und zu leben wagen.

FOCUS: Warum leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der der Sex sich hauptsächlich um die männliche Lust dreht, denkt man etwa an Prostitution und Pornographie?

Sigusch: Weil wir nach wie vor in einer männerzentrierten Gesellschaft leben. Weil die Geschäftemacher in der Regel phantasielose ältere Männer sind, die gar nicht ahnen, was Frauen begehren. Weil diese Männer so risikoscheu sind, daß sie es nicht wagen, Bordelle für Frauen zu eröffnen. Dieser ganze Bereich – ich spreche gern vom „Dienst am sexuellen Elend“ – ist nicht nur niveaulos, sondern unter kommerziellen Gesichtspunkten anachronistisch. Allerdings gibt es erste Anzeichen, daß jetzt allmählich die Sexualität auch für Frauen vermarktet wird.

FOCUS: Ist die Formel „Frauen wollen Intimität, Männer wollen Sex“ kulturell antrainiert?

Sigusch: Das ist tatsächlich kulturell und sozial bedingt. Bei uns ist eine alte und zählebige Weichenstellung, die vor allem durch Erziehung und Lernen am Modell erfolgt, daß Jungen hart und stark sein sollen, Mädchen aber einfühlsam, kommunikativ und ausgleichend. Das baut sich nur allmählich ab. Allerdings gibt es heute junge Männer, die Gefühle und Schwächen zeigen, ohne von den Freunden verachtet zu werden. Es gibt immer mehr junge Frauen, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

FOCUS: Wie weit sind wir davon entfernt, daß die Frau als Genus, als Geschlecht, gleichwertig ist?

Sigusch: Von diesem Status sind wir meilenweit entfernt. Da in unserer Kultur Materielles entscheidend ist, bin ich davon überzeugt, daß eine wirkliche und wirksame Gleichwertigkeit erst erreicht werden kann, wenn die Geschlechter auch materiell gleichgestellt sind. Wie sehr Frauen in unserer Gesellschaft zurückgesetzt sind, läßt sich an einem kleinen Beispiel illustrieren: Keine Frauenklinik einer deutschen Universität wird von einer Frau geleitet. Noch wissen offenbar die Herren am besten, wie einer Frau zumute ist, die glücklich oder unglücklich schwanger ist, die vor einer Abtreibung steht oder die im Wochenbett psychotisch wird.

THESEN Volkmar Sigusch

Trotz aller Modernisierungen schleppt sich das kulturelle Patriarchat fort.

Hingabe und Ekstase können heute gelingen, wenn das Paar am besten nicht weiß, daß seine sexuelle Inszenierung im Sinne der Sexualwissenschaft „pervers“ ist.

Die Gleichstellung der Geschlechter wird erst realisiert sein, wenn sich Männer wie Frauen prostituieren.
http://www.focus.de/kultur/leben/modernes-leben-eine-maennerzentrierte-gesellschaft_aid_169631.html

LP 09 Peter Dausend, geboren 1963 in Saarbrücken, lebt in Berlin - Redakteur Politik DIE ZEIT, http://media.prenzlauerberg-nachrichten.de/media/thumbs/assets/2010/12/Dausend_jpg_140x140_crop_q85.jpg

Rainer Brüderle steht unter der Kuppel des früheren Kaiserlichen Postfuhramtes in Berlin-Mitte, Weinglas in der Hand, Wolfgang Kubicki bei Fuß, und nuschelt sich gewohnt launig durch seine Begrüßungsworte. Die FDP-Bundestagsfraktion hat zum Medientreff geladen, und da zumindest der Veranstaltungsort, vulgo Location, überaus angesagt ist, tummeln sich die Gäste. Plötzlich entdeckt Brüderle im Pulk die Chefin der FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. »Katja Suding, komm doch mal her – du siehst ja auch gut aus.« Suding kommt, und während sich Brüderle und Kubicki, der FDP-Spitzenmann aus Schleswig-Holstein, verbal die Bälle zuspielen, von Kerl zu Kerl, von Halbglatze zu Graukopf, macht die 36-jährige Suding das, wofür sie gerufen wurde: eine gute Figur.
Doris Buchholz sitzt in einem Café in Saarbrücken und packt aus. Broschüren, Anträge, selbst ge-brannte CDs – immer mehr Infomaterial quillt aus dem Rucksack der Vorsitzenden der Liberalen Frauen, dem Sprachrohr des weiblichen Liberalismus, Texte, Tabellen, Grafiken. Es sind Dokumente des Scheiterns. Wie Hohn klingen Hefttitel wie Frauen sind Löwinnen,Frauen nach vorn,Frauen sind der Schlüssel zum Erfolg. Seit 1978, seit dem »Programm zur Gleichberechtigung«, berichtet die Rechtsanwältin, präsentiere die FDP immer neue Förderprojekte. »Mit dem Ergebnis, dass Frauen in der FDP heute allenfalls als Politmodel Karriere machen. Wir plakatieren Frauen, die Männerfantasien bedienen.«

Die FDP bleibt der Männerverein unter den deutschen Parteien. Nur knapp 23 Prozent ihrer Mit-glieder sind weiblich, sie wird weit überproportional von Männern gewählt, in ihren Reihen ist der Herrenwitz noch immer zu Hause, in den 49 Regierungsjahren, zu denen es die FDP in bald 63 Jah-ren Bundesrepublik Deutschland gebracht hat, kann sie gerade mal zwei – in Zahlen 2 – Bundesmi-nisterinnen aufweisen, Irmgard Schwaetzer und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Spitzenfrauen kommen heute in der FDP in zwei Varianten vor. Zum einen als schwächster Teil einer Männerseil-schaft, der, wie etwa Birgit Homburger, im Krisenfall als Erster geopfert wird. Und zum anderen als Trümmerfrau in Covergirl-Optik.
Seit die Silvana-Koch-Mehrin-Plakate die FDP bei der Europawahl 2004 nach zehnjähriger Absti-nenz zurück ins Europäische Parlament brachten, kommen in besonders aussichtslosen Situationen besonders attraktive Frauen zum Zug. Katja Sudings Hinguckerqualitäten verhalfen der Hamburger FDP bei der Bürgerschaftswahl vor einem Jahr zu sensationellen 6,7 Prozent. Auf die Topmodel-Strategie setzt nun auch im Saarland die von der CDU aus der Regierung geworfene, heillos zer-strittene FDP. Für die Landtagswahl am 25. März geht sie mit Nathalie Zimmer als Co-Spitzenkandidatin ins Rennen: jung, hübsch, bis dato völlig unbekannt.
Steuersenkung und Aufschwung: Die FDP konzentriert sich auf Jungsthemen
Unter den vielen Problemen der FDP ist die Frauenfrage ein unterschätztes. Innerparteilich sind für Frauen, wenn überhaupt, Nebenrollen reserviert, nach außen sorgen sie für schönen Schein. Der politische Unernst, mit dem FDP-Männer ihren Kolleginnen begegnen, hat zur Verengung auf Jungsthemen wie Steuersenkung und Aufschwung beigetragen. Die FPD müsste nicht so verzwei-felt nach einem erweiterten Profil, nach Themen suchen, die den kühlen Liberalismus von Philipp Rösler menschlicher und wärmer machten, wenn ihre Frauen mehr zu sagen hätten als »Die Quote passt nicht zu einer liberalen Partei«.
Irmgard Schwaetzer war die erste Trümmerfrau der FDP. 1982, nach der Wende von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, von Sozialliberal zu Schwarz-Gelb, wurde sie Generalsekretärin der Libe-ralen. Weil sie als einzige Frau aus der Führungsriege den Koalitionswechsel befürwortete und blieb, als andere gingen. »Und weil die Lage der Partei so verheerend war, dass kein Mann den Posten haben wollte«, sagt die heute 69-Jährige. Vor der Wende lag der Frauenanteil unter den FDP-Mitgliedern bei 30 Prozent. Von dem damaligen Aderlass haben sich die Liberalen nie erholt. Mit den Frauen verschwand das Sozialliberale, das Gemeinwohlorientierte. Fortan wurde, in der Schnittmenge mit der Union, der Kern gestärkt, die Wirtschaft, die Finanzen – und die Männer.
Schwaetzer, eine vernunftgesteuerte Frau, die nie unter lila Flagge Männerbastionen stürmen wollte, sitzt im Berliner Café Einstein und erzählt von der Gründung der »Liberalen Frauen« im Jahr 1990. Bei einer Parteiveranstaltung kündigten damals die FDP-Herren unter Gejohle an, einen Verein liberaler Männer gründen zu wollen. »Wir wurden lächerlich gemacht«, sagt Schwaetzer. Die herablassende Art den Frauen gegenüber habe in der Partei bis heute gehalten.
Auch die jungen Liberalen zeigen sich blind für frauenpolitische Fragen
Die These, der Liberalismus spreche mit seiner Betonung des freien Wettbewerbs, des Durchset-zungswillens, der Eigenverantwortung eher männliche Eigenschaften an, sei daher für Frauen per se weniger attraktiv, hält Schwaetzer für »Riesenquatsch«. Dies sei »ein Scheinargument, das unsere Männer gern benutzen, um Frauen aus Führungspositionen fernzuhalten.«
Genauso wenig glaubt sie daran, dass die Quote nicht zu einer liberalen Partei passe. »Wenn sich im freien Wettbewerb die Besten durchsetzen, ist alles prima. Aber in der FDP gewinnen nicht die Bes-ten, sondern Männerseilschaften.« Schwaetzer selbst wurde Opfer einer solchen. 1992 sollte sie Hans-Dietrich Genscher im Amt des Außenministers folgen. Eine Männerintrige verhinderte es, als die Medien Schwaetzer schon als neue AA-Chefin ausgerufen hatten. »Du intrigantes Schwein«, warf Schwaetzer daraufhin Strippenzieher Jürgen Möllemann an den Kopf. Ein Zitat aus dem Le-gendenschatz der Republik.
Als eine der Ursachen des aktuellen FDP-Dilemmas sieht Schwaetzer, dass die Partei eine »blutleere Technokratensprache« pflege, die keinen Zugang zur Alltagswirklichkeit eröffne. Die FDP, so Schwaetzer, gehe mit ihrer Aufschwungs-Optimismus-Rhetorik an der Lebenswirklichkeit ihrer Kernklientel, des Mittelstandes und der kleinen Selbstständigen, vorbei. »Dort herrscht Zukunfts-angst.« Vor allem unter den Frauen mit ihren oft gebrochenen Erwerbsbiografien. Wären die Libe-ralen nicht so frauenblind, so ergäbe sich automatisch ein Thema, das der FDP neues Profil, neue Zustimmung bringen könnte: »Der Kampf gegen die Altersarmut.«
Neben den Altherren der FDP zeigen sich auch die jungen liberalen Männer weitgehend unemp-fänglich für frauenpolitische Fragen. Spötterinnen unter den FDP-Damen führen das darauf zurück, dass die eitle Jungsriege um Rösler, Christian Lindner und Daniel Bahr so viel von Augencremes und Maniküre verstehe, dass sie das Weibliche in der Politik abzudecken glaubten. Außerdem herrscht unter ihnen die Meinung vor, Frauen wählten keine Frauen, sondern Machos, was der weit überdurchschnittliche weibliche Anteil unter den Kubicki-Wählern verdeutliche.
Über die Topmodel-Strategie der Partei haben sich die FDP-Frauen zerstritten
Die Frauen selbst tragen entscheidend dazu bei, dass der männliche Weltblick in der FDP wohl noch lange dominieren wird. Im Unterschied etwa zu den liberalen Schwulen, die seit den neunziger Jahren als geschlossene pressure group erfolgreich Lobbyarbeit innerhalb der FDP betreiben, sind die Frauen zutiefst zerstritten. Über die Quote, über die Frage, worin weibliche Solidarität besteht, und über den Ton im Umgang mit Männern. Bei FDP-Parteitagen treten regelmäßig junge Frauen als Kronzeuginnen gegen die Quote an, wofür sie zuweilen von den Männern mit der Aufnahme in ein Netzwerk belohnt werden. Dort sind sie dann selbst die informelle Quotenfrau, also ein Feigenblatt.
Die Topmodel-Strategie spaltet die FDP-Frauen: Die einen prangern Sexismus an und kritisieren, die Partei würde ein von Lätta-Ästhetik geprägtes Bild vermitteln, in dem sich normale Frauen nicht wiedererkennen würden. Die anderen unterstellen den Kritikerinnen Neid; sie könnten doch Koch-Mehrin, Suding oder Zimmer nicht vorwerfen, gut auszusehen. Der Streit hat dazu geführt, dass die Liberale-Frauen-Chefin Doris Buchholz nun abgelöst werden soll. Grund: zu laut, zu radikal, zu sehr Frau der Quote.
Im Büro der Bundestagsabgeordneten Helga Daub hängt ein halbwandgroßes Foto ihrer Enkelin-nen, die ältere der beiden kommt im Sommer in die Schule. Frau Daub ist 69 Jahre alt, eine freund-liche Dame, die einst im Verteidigungsausschuss saß und sich nun um Entwicklungspolitik küm-mert. Ende März will sie gegen die zu laute, zu radikale Buchholz antreten. Warum? »Weil wir als Frauen nichts gegen die Männer erreichen können, sondern nur mit ihnen.« Mit solchen Frauen bleiben die Liberalen ein Männerverein – und bei der Wahl 2013 unter sich.

http://www.zeit.de/2012/11/FDP-Frauen/seite-1

Schon 55 Prozent der Medizinstudenten sind Frauen - Kommentar Von Peter Dausend
Der deutsche Durchschnittsstudent ist 24,7 Jahre alt, Beamtenkind, lebt in einer festen Beziehung, von 1375 Mark im Monat - und wird immer weiblicher. Das geht aus einer Studie hervor, die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn vorgelegt hat. Von den Studienanfängern sind bereits 49 Prozent Frauen, ihr Gesamtan-teil (45 Prozent) liegt nur noch knapp hinter dem der Männer, bei den Medizinern haben sie diese schon überflügelt (55 Prozent). Ergo: Die Halbgötter in Weiß erleben gerade eine Geschlechtsumwandlung.
Dass mit den Universitäten nun eine der letzten Männerbastionen wackelt, verwundert kaum. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich auch hier das vermeintlich schwächere als das eigentlich stärkere Geschlecht entpuppt. Schließlich sind der Fußball (Frauen Europameister, Männer Rumpelfüßler), das Polit-Fernsehen (Maischberger Weltklasse, Wickert Kreisklasse) und die CDU (Girls Camp an der Spitze, Boy-Groups im Fußvolk) längst Frauensache. Aber ein Trost bleibt den Geschlagenen. Das Jammertal wird weiter von Män-nern bevölkert. Vor allem von denen aus der Union.
Den Autor erreichen Sie unter: dausend@welt.de
http://www.welt.de/print-welt/article464247/Frauenpower.html

Frauen hören besser zu ...

... weil sie dabei im Gegensatz zu Männern beide Gehirnhälften benutzen

Berlin - Von der Wissenschaft und von den Frauen hielt Oscar Wilde, der dickliche Dandy aus Irland, der einst als Fleisch gewordene Apho-rismensammlung durchs Leben schritt und heute vor 100 Jahren, so ungewöhnlich unpassend gekleidet wie ungewöhnlich wortkarg, in Paris sein Leben aushauchte, in aller Regel nicht allzu viel. Wissenschaft sei bestenfalls etwas für Menschen mit einem Mangel an Fantasie, die Frau nichts anderes als der Triumph der Materie über den Geist. Zwar ist das alles totaler Humbug und spätestens seit BSE und Jenny Elvers ja auch eindrucksvoll widerlegt. Aber andererseits: Kann ein Mann, der noch wusste, dass man unzählige Lügen erfinden muss, um die Wahrheit zu erfahren, wirklich irren?

Er kann. Das jedenfalls behaupten, wenn auch nur indirekt, Wissenschaftler (ausge-rechnet die!) der Indiana University School of Medicine im amerikanischen Bloomington. Die haben jetzt nachgewiesen, dass bei Frauen der Triumph der Materie über den Geist kein totaler ist. Mehr noch. Dass Frau-en bestimmte intellektuelle Fertigkeiten so-gar besser beherrschen als Männer. Zuhö-ren zum Beispiel. In einer Studie haben Neurologen der besagten Universität die Gehirne von zehn Frauen und von zehn Männern auf ihre Fähigkeit hin untersucht, einer Erzählung inhaltlich zu folgen, und ihre Reaktionen in einer so genannten Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar gemacht. Den Probanden spielten sie dabei eine Audiokassette von John Grisham "Der Partner" vor. Das erstaunliche Ergebnis dabei: Männer hörten zwar nicht mit halbem Ohr, dafür aber nur mit halbem Hirn hin. Mit der linken Hälfte, um genau zu sein. Frauen setzten hingegen beide Hirnhälften ein.
Und was sagt uns das alles? Etwa, dass Frauen ihren Männern besser zuhören als umgekehrt? Oder aber, dass sie fürs Zuhö-ren das ganze Gehirn brauchen, Männer hingegen mit der einen Hälfte ihrer Frau lauschen und mit der anderen gleichzeitig an die hübsche Blondine im Büro denken kön-nen? Oder sie finden John Grisham einfach langweiliger als Frauen und würden bei Le-sungen über das Liebesleben von Jennifer Lopez nicht nur mit zwei Hirnhälften, son-dern mit dem ganzen Körper zuhören.
Nichts von alledem, sagt Forschungsleiter Joseph Lurito. "Die Ergebnisse belegen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern zwei Gesprächen gleichzeitig folgen können." Als hätten wir das nicht längst gewusst! Es soll sogar Frauen geben, die drei Gespräche gleichzeitig führen können. Und um das zu belegen, braucht man keine Wissenschaft. Und auch keine Fantasie. Zuhören reicht.

http://hoer-bild.net/index.php?page=mensch&artikel=35

LP 10 Dietmar Ecker (AUT), geboren 1964 in Wels (Oberösterreich), wohnhaft in Wien, Studium der Soziologie und Politikwissenschaft, Werbeagentur Ecker & Partner, Medienberater Natascha Kampusch, Mitglied der SPÖ
http://www.observer.at/wp-content/blogimages/mar09/ecker-dietmar.jpg

Treibende Kraft dieser gesellschaftlichen Änderungen sind die Frauen. Bessere Bildung,
wirtschaftliche Unabhängigkeit und Mut zu einem selbstbestimmten Leben haben Frauen
ein Ausbrechen aus tradierten Rollen- und Machtkonstellationen ermöglicht. Trotz aller
regionaler und sozialer Unterschiede herrscht heute ein genereller Konsens über die
gleichberechtigte Stellung der Frau in unserer Gesellschaft (auch wenn sie noch nicht in
allen Bereichen Realität ist). „Während die große soziale Errungenschaft des 19.
Jahrhunderts das Ende der Klassendiskriminierung war, so ist es im 20.Jahrhundert das
Ende der geschlechterspezifischen Diskriminierung“ so Dietmar Ecker, Eigentümer von
Ecker & Partner, der als Soziologe den gesellschaftspolitischen Aspekt der Untersuchung
betont. Die Verschiebung der sozialen Machtverhältnisse zu Gunsten der Frauen lässt sich
– wie alle großen gesellschaftlichen Entwicklungen – auch durch wert- und
systemkonservative Kräfte nicht aufhalten.

http://linz.abau.at/news/docs/10779_Studie_WasFrauenwirklichwollen_Wohnen_2006.pdf

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Die ultimative Dienstleistungsoffensive des Antifeminismus

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