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<title>Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land? - Liste Femanzen Dr. Sabine Schäfer</title>
<link>https://wgvdl.com/forum3/</link>
<description>Gleichberechtigung, Männerdiskriminierung, Männerbenachteiligung, Antifeminismus</description>
<language>de</language>
<item>
<title>Liste Femanzen Dr. Sabine Schäfer</title>
<content:encoded><![CDATA[<p>F281 <strong>Dr. Sabine Schäfer</strong> Studium der Kommunikationswissenschaft, Neuere Geschichte und Anglistik an der Universität Münster - 1998 hauptamtliche Frauenbeauftragte des Landkreises Emsland - Mitautorin des Gender-Reports 2010 zur Geschlechtergerechtigkeit an nordrhein-westfälischen Hochschulen – seit 2001 Mitarbeiterin in mehreren Projekten im Bereich der Geschlechterforschung an der TU Dortmund u.a. „Vision und Mission. Die Integration von Gender in den Mainstream europäischer Forschung.“ (Leitung: Sigrid Metz-Göckel) -<br />
ist wissenschaftliche Koordinatorin der internationalen und interdisziplinären NRW-Forschungsschule „Education<br />
and Capabilities“ an der Universität Bielefeld - Sie ist Mitautorin des Gender-Reports 2010 und Mitherausgeberin<br />
der GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft - Forschungsschwerpunkte sind unter anderem<br />
Gleichstellungspolitik in Hochschulen, Gerechtigkeitsforschung – <a href="http://www.gender-zeitschrift.de">www.gender-zeitschrift.de</a> – <a href="http://www.geschlechtergerechte-hochschule.de">www.geschlechtergerechte-hochschule.de</a> - Anschrift: Dr. Sabine Schäfer, Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, Postfach 10 01 30, 33501 Bielefeld - sabine.schaefer@uni-bielefeld.de </p>
<p>Seit etwa 15 Jahren wird das Thema Gleichstellung an Hochschulen intensiv beforscht. Es hat sich dabei gezeigt, dass vermehrt die Fakultäten in den Blick genommen werden müssen: Was geschieht hier konkret im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen und Männern? An der Universität Bielefeld führte Dr. Sabine Schäfer eine Studie an der Technischen Fakultät sowie in der Abteilung für Psychologie der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft durch.<br />
Die zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes lautete:<br />
• Inwiefern ist Gleichstellung im ‚normalen' Fakultätenalltag verankert? <br />
Schäfer führte mit zehn in der Gremienarbeit aktiven Frauen und Männern leitfadengestützte Interviews und untersuchte anhand des Materials die Vorstellungen der InterviewpartnerInnen zur Gleichstellungsthematik. Die Personen wurden zu ihrem Werdegang, zur aktuellen Position, zu ihrer Sicht auf die Fakultät und die Atmosphäre die dort herrscht, befragt. Weitere Gesprächsthemen waren die Gremienarbeit, die Sicht der Interviewten auf die Abläufe von Berufungsverfahren und die Bedeutung von Gleichstellung in diesen Verfahren sowie in der Handlungspraxis der Fakultät allgemein (ebd.).<br />
Sabine Schäfer (2012): „'... und dann stellt sich die Frage anders.' Erste Ergebnisse aus dem Projekt Gleichstellung im Fakultätenalltag – Die Praxis zählt&quot;, in: Journal des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 30. S. 29-35.<br />
Im Folgenden werden die ersten Ergebnisse der Studie von Dr. Sabine Schäfer skizziert:<br />
Wahrnehmung von Handlungsspielräumen<br />
Die beiden untersuchten Fakultäten unterscheiden sich in ihrer Historien und den Geschlechterverhältnissen. Eine Gemeinsamkeit besteht aber in der Wahrnehmung des Professorinnenanteils – dieser werde sowohl von den Befragten der Technischen Fakultät als auch von jenen in der Psychologie als zu niedrig eingeschätzt.<br />
Die Ursachenzuschreibung ist jedoch sehr unterschiedlich: Zwei der befragten AkteurInnen in der Psychologie schreiben den Absolventinnen und Absolventen des Faches insgesamt eine hohe Praxisorientierung zu, d. h. dass sie nach dem Studium eine Therapieausbildung anstreben. Dieses Ziel werde von mehr Absolventinnen ins Auge gefasst und sei ein Grund, warum der Anteil von Frauen in den akademischen Positionen geringer sei. Die Handlungsspielräume dem entgegenzuwirken sind aus Sicht der Befragten gering, die geschlechtsspezifische Sozialisation sei sehr wirkmächtig. Es bleibe nur der Appell an die jungen Frauen in der Wissenschaft zu bleiben - trotz der meist prekären Beschäftigungsverhältnisse.<br />
Die technische Fakultät, deren Professorinnenanteil im Übrigen höher ist, als jener in der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft, weist zum einen eine besondere Entstehungsgeschichte auf. Ein Schwerpunkt dieser Fakultät ist die Informatik. Hier liegt der Fokus auf die Bioinformatik, die Biotechnologie und die kognitive Informatik. Die Fakultät arbeitet mit Fachgebieten zusammen, in denen viele Frauen studieren (z. B. Linguistik, Psychologie und Biologie). Zum anderen partizipierte die Fakultät an verschiedenen Förderprogrammen der DFG und der Bundesregierung. Durch die Öffnung der Disziplin für andere Fachgebiete sowie die Teilnahme an den Förderprogrammen habe sich eine Gelegenheitsstruktur für Gewinnung von Frauen ergeben (S. 31). Die Interviewpartnerinnen sehen in der gezielten Frauenförderung ein gutes Mittel, um Frauen für eine Tätigkeit in der Wissenschaft zu motivieren.<br />
Berufungsverfahren und Gleichstellungspläne: Chancen und Risiken<br />
Als schwierig erweist sich in beiden Fakultäten die Übersetzung von der Theorie der „Gleichstellung als Querschnittsaufgabe&quot; in die Praxis von Berufungsverfahren (S. 32-33). Das Problem liege oft darin, dass „die Leute auch schon jemanden im Kopf&quot; haben und die Ausschreibung für eine Professur entsprechend formulieren. In der Technischen Fakultät beschreibt eine Person die gezielte Ausschreibung als ein mögliches Instrument, welches zur Gewinnung von Frauen genutzt werden könnte. Diese Praxis kann also sowohl als Chance als auch als Hindernis für die Steigerung des Anteils von Professorinnen gewertet werden.<br />
Gleichstellungsplänen, wie sie im Nordrhein-Westfälischen Landesgleichstellungsgesetz vorgeschrieben sind, wird in beiden Fakultäten ein geringes Potential zur Förderung der Gleichstellung zugesprochen. Sie würden nur punktuell, z. B. bei Personalentscheidungen genutzt, doch ihre Bekanntheit und die Möglichkeit sie als Anreiz für die Reflexion der Geschlechterverhältnisse zu nutzen, sei insgesamt ihrer Einschätzung nach begrenzt.<br />
Ausblick<br />
Die Ergebnisse von Sabine Schäfer lassen sich auf folgende Formel bringen: „Problem erkannt - unterschiedlich gebannt&quot;. Unterschiedlich, da die Wahrnehmung der jeweiligen Handlungspotentiale in den beiden untersuchten Fakultäten divergiert. So habe nach Schäfer, die Abteilung für Psychologie zwar kein Frauenproblem - die Mehrheit der Studierenden ist weiblich – jedoch aber ein Gleichstellungsproblem. Die Gründe für den geringen Anteil von Wissenschaftlerinnen auf den oberen Statusebenen liegen in den Augen der Befragten dieser Fakultät in der geringeren Motivation von Frauen, sich für eine Karriere in Lehre und Forschung zu entscheiden. Mit den Mitteln der Frauenförderung sei hier, so die Autorin der Studie, „womöglich wenig zu erreichen, denn Frauen sind auf den ersten Blick ja ausreichend vorhanden.&quot; (S. 34) In der Technischen Fakultät sehen die Befragten größere Handlungsspielräume gezielt zu intervenieren, z. B. in der Zusammenarbeit mit anderen Fachgebieten.<br />
Die Studie biete verschiedene Anknüpfungspunkte: Hier kann v. a. die Fachkulturforschung die Gegebenheiten innerhalb einer Fakultät, die Wahrnehmungen, Deutungsmuster und Handlungspraxen der Akteur verstärkt unter die Lupe nehmen. Zu unterscheiden sei dabei, so Schäfer, vor allem die Perspektiven der unterschiedlichen Statusgruppen: von den Studierenden, über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Technik und Verwaltung hin zu den Professorinnen und Professoren.<br />
<a href="http://www.uni-due.de/genderportal/gleichstellungkonkret_fakultaetenalltag.shtml">http://www.uni-due.de/genderportal/gleichstellungkonkret_fakultaetenalltag.shtml</a></p>
<p>Erste Ergebnisse aus dem Projekt<br />
Gleichstellung im Fakultätsalltag – Die Praxis zählt</p>
<p><br />
Zur Gleichstellung an (deutschen) Hochschulen<br />
wird seit mittlerweile mindestens 15 Jahren geforscht.<br />
Die meisten Studien konzentrieren sich<br />
dabei auf die zentrale Ebene der Hochschule1<br />
und auf die dort wirksamen Strukturen und die<br />
eingesetzten Steuerungsinstrumente (vgl. z. B.<br />
Metz-Gockel/Kamphans 2002, Kahlert 2007, Roloff<br />
2002, Macha/Struthmann 2011).2 Daneben<br />
betrachten die Projekte Gleichstellung in der Regel<br />
als ein spezifisches Aktionsfeld der Hochschule,<br />
das zwar mit bestimmten Reformprozessen,<br />
z. B. der Einfuhrung und Umsetzung von (neuen)<br />
Steuerungsinstrumenten, verknupft ist, das aber<br />
dennoch eine Art organisatorisches Eigenleben<br />
zu fuhren scheint. In der letzten Zeit mehren sich<br />
allerdings die Stimmen von Geschlechterforscherinnen,<br />
die wie Anne Schluter (2011: 20) feststellen,<br />
dass „es […] vor allem die Fakultaten [sind],<br />
die sich in der nachsten Zeit in Fragen der Behandlung<br />
von Geschlechterfragen bewegen mussen,<br />
um Geschlechtergerechtigkeit an Hochschulen<br />
herzustellen“ (vgl. auch Metz-Gockel 2011,<br />
Becker et al. 2010).<br />
Fur die Studie „Gleichstellung im Fakultatsalltag –<br />
Die Praxis zahlt“3, die ich von Oktober 2011 bis<br />
Marz 2012 in der Technischen Fakultat sowie der<br />
Abteilung Psychologie in der Fakultat fur Psychologie<br />
und Sportwissenschaft an der Universitat<br />
Bielefeld durchgefuhrt habe, habe ich daher eine<br />
bisher weniger ubliche Forschungsperspektive<br />
gewahlt: Ausgehend von der Uberlegung, dass<br />
Gleichstellung knapp 15 Jahre nach der Einfuhrung<br />
von Gender Mainstreaming bereits ein Teil<br />
der Praxis in Hochschulen sein und sich auch in<br />
den dezentralen Einheiten niederschlagen sollte,<br />
habe ich mich der Frage gewidmet, inwiefern<br />
Gleichstellung im ‚normalen‘ Fakultatsalltag<br />
verankert ist. Anhand von qualitativen leitfadengestutzten<br />
Interviews, die ich in den beiden<br />
ausgewahlten Einheiten der Universitat Bielefeld<br />
mit insgesamt zehn Frauen und Mannern aus den<br />
unterschiedlichen Statusgruppen gefuhrt habe,<br />
untersuche ich die Vorstellungen der AkteurInnen<br />
zur Gleichstellungsthematik und die berichteten<br />
Verfahrensweisen in ihrer sozialen Praxis, und<br />
setze meinen Fokus daran anknupfend auf ihre<br />
Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata,<br />
die zu den gegebenen Geschlechterverhaltnissen<br />
beitragen.<br />
1. Reflexion über das Untersuchungsmaterial<br />
1.1 Charakterisierung der untersuchten<br />
Einheiten<br />
Um mit wenigen Interviews eine moglichst grose<br />
Bandbreite von Phanomenen zu identifizieren,<br />
wurden zwei akademische Bereiche der Universitat<br />
Bielefeld ausgewahlt, die sich in vielen Aspekten<br />
stark voneinander unterscheiden. Die Technische<br />
Fakultat ist eine eigenstandige Fakultat,<br />
deren Gegenstandsbereiche sich allerdings stark<br />
auf die Bioinformatik, Biotechnologie und Kognitive<br />
Informatik/Intelligente Systeme konzentrieren.<br />
4 Die Bezeichnung als „Technische Fakultat“,<br />
die zunachst einmal die Erwartung wecken<br />
konnte, dass es sich um eine Fakultat handelt,<br />
die verschiedene Technikwissenschaften vereint,<br />
ist im Rahmen der Universitat Bielefeld zu sehen,<br />
die starke Schwerpunkte in den Geistes- und Sozialwissenschaften<br />
setzt. Die Psychologie bildet<br />
dagegen eine Abteilung der Fakultat fur Psychologie<br />
und Sportwissenschaft, worauf die Befragten<br />
haufig auch sehr dezidiert hinweisen. Dabei<br />
wird Wert darauf gelegt, dass alle Bereiche der<br />
Psychologie in der Abteilung vertreten sind, um<br />
den Studierenden ein umfassendes Studium zu<br />
Sabine Schäfer<br />
ermoglichen, das sie fur alle Berufsbereiche der<br />
Psychologie qualifiziert.<br />
Die zahlenmasige Verteilung von Frauen und<br />
Mannern auf die verschiedenen Statusgruppen<br />
ist in den beiden untersuchten Fakultaten recht<br />
unterschiedlich. So weist der „Zwischenbericht<br />
zur Umsetzung der Forschungsorientierten<br />
Gleichstellungsstandards der DFG“5 (o. J.) fur<br />
das Jahr 2011 in der Psychologie Frauenanteile<br />
zwischen 50 % (Habilitationen) und 72,5 %<br />
(Promotionen) aus. Bei den Professuren sind die<br />
Frauen dagegen erheblich in der Minderzahl. So<br />
gab es zum damaligen Berichtszeitpunkt keine<br />
C3-/W2-Professorin (zwei Manner), und nur zwei<br />
von insgesamt neun C4-/W3-Professuren waren<br />
mit Frauen besetzt.6 Dies ergibt insgesamt einen<br />
Frauenanteil von 18,2 % an allen Professuren,<br />
der im Vergleich zu den Frauenanteilen an allen<br />
Qualifikationsstellen und Qualifikationen gering<br />
erscheint.<br />
In der Technischen Fakultat liegen der Studentinnenanteil<br />
bei 30,8 % und der Frauenanteil an den<br />
Promotionen bei 24,4 %. Im Vergleich mit dem<br />
durchschnittlichen Frauenanteil an den Studierenden<br />
der Informatik in Deutschland, der im WS<br />
2008/2009 bei 15,4 % lag (Gender-Report 2010:<br />
42), nimmt die Technische Fakultat der Universitat<br />
Bielefeld damit geradezu eine Vorreiterrolle<br />
in diesem Bereich ein. Bei den Promotionen und<br />
dem wissenschaftlichen Personal auf Qualifikationsstellen<br />
lag der Frauenanteil gar bei 42,1 % (8<br />
von 19 Stellen). Allerdings ist keine der elf C4-/<br />
W3-Professuren mit einer Frau besetzt, dagegen<br />
zwei der insgesamt vier C3-/W2-Professuren. Der<br />
Frauenanteil an den Professuren insgesamt liegt<br />
daher bei 13,3 % (2 von 15).7<br />
1.2 Material und Methode<br />
Bei meiner Untersuchung handelt es sich um<br />
eine theoriegeleitete empirische Studie zur Verankerung<br />
der Gleichstellung von Frauen und<br />
Mannern im Alltag der Technischen Fakultat<br />
und der Abteilung Psychologie der Universitat<br />
Bielefeld aus der Sicht von Angehorigen dieser<br />
akademischen Einheiten. Die Arbeit beruht auf<br />
theoretischen Konzepten des franzosischen Soziologen<br />
Pierre Bourdieu, denen zufolge Wahrnehmungs-,<br />
Denk- und Handlungsschemata von<br />
sozialen AkteurInnen, die in der Praxis erworben<br />
werden – im vorliegenden Fall in der Praxis des<br />
jeweiligen Fakultatsalltags, der sowohl durch die<br />
Strukturen der Hochschule als auch durch die in<br />
den jeweiligen Disziplinen herrschenden Bedingungen<br />
gepragt ist – zu Dispositionen werden,<br />
die wiederum bestimmte Handlungsweisen nahe<br />
legen (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996). Im Rahmen<br />
der vorliegenden Studie gehe ich davon aus,<br />
dass Personen, die in den Gremien der akademischen<br />
Selbstverwaltung aktiv mitwirken oder<br />
in der Vergangenheit mitgewirkt haben, eher in<br />
der Lage sind, soziale Praktiken in der Fakultat<br />
umfassend zu beschreiben und damit Aufschluss<br />
uber Gleichstellungsaktivitaten und den Stellenwert<br />
von Gleichstellung in der Praxis des Fakultatsalltags<br />
zu geben.<br />
Von Oktober bis Dezember 2011 wurden insgesamt<br />
zehn Personen aus den verschiedenen<br />
Statusgruppen befragt, die auf unterschiedliche<br />
Weise in die Gremienarbeit in ihrer Fakultat/<br />
Abteilung bzw. der Universitat Bielefeld eingebunden<br />
sind. Vier Befragte stammen aus der Abteilung<br />
Psychologie, sechs Befragte gehoren der<br />
Technischen Fakultat an. Der Interviewleitfaden<br />
umfasste Fragen zum Werdegang und zur aktuellen<br />
Position der Befragten, zu ihrer Sicht auf die<br />
Fakultat und die Atmosphare, die dort herrscht.<br />
Es folgten Fragen zur Alltagspraxis innerhalb der<br />
Gremien, denen die Befragten angehoren, zu<br />
ihrer Sicht auf den Ablauf eines Berufungsverfahrens<br />
und die Bedeutung von Gleichstellung<br />
darin sowie in der Handlungspraxis der Fakultat<br />
allgemein. Den Abschluss bildeten Fragen zur Erstellung<br />
des Gleichstellungsplans und zu seinem<br />
Nutzen.<br />
Die Bereitschaft, an einem Interview zum Thema<br />
Gleichstellung im Fakultatsalltag teilzunehmen,<br />
war insgesamt recht hoch. Allerdings stellte es<br />
sich in der Kurze der Projektlaufzeit als etwas<br />
schwieriger dar, Befragte aus der Psychologie zu<br />
gewinnen, was zu der ungleichen Verteilung der<br />
Befragten auf die beiden wissenschaftlichen Einheiten<br />
fuhrte.<br />
Die relativ geringe Anzahl von Befragten fuhrt<br />
fraglos dazu, dass es nicht moglich ist, alle Vorgange<br />
und Praktiken innerhalb der untersuchten<br />
Fakultaten detailliert zu erfassen. Die Auswahl<br />
von Befragten aus allen Statusgruppen, nach<br />
Geschlecht und Erfahrung in der Gremienarbeit<br />
auf der Ebene der Fakultat bzw. Abteilung, aber<br />
auch auf der Ebene der gesamten Hochschule<br />
gewahrleistet dennoch eine grose Bandbreite<br />
von Einsichten in die Praktiken des universitaren<br />
(Gremien-)Alltags.<br />
2. Erste Ergebnisse<br />
Die im Folgenden prasentierten ersten Ergebnisse<br />
der Studie zeigen die Gleichstellungsaktivitaten<br />
der beiden Hochschuleinheiten im Kontext der<br />
dort herrschenden Bedingungen und erlauben<br />
damit Aufschlusse uber soziale Wirkmechanismen<br />
innerhalb dieser Praktiken. Bei der Analyse<br />
der Interviewtranskripte habe ich mich auf insgesamt<br />
vier Bereiche konzentriert, die zum einen die<br />
gegebenen Verhaltnisse in der Einheit beleuchten,<br />
namlich die Wahrnehmung der Geschlechterproblematik<br />
(2.1) und die Wahrnehmung der<br />
damit verbundenen Handlungsspielraume und<br />
Verantwortlichkeiten (2.2). Zum zweiten habe ich<br />
Erzahlungen uber konkrete Gleichstellungspraxen<br />
untersucht, namlich zur Gleichstellungspraxis<br />
in Berufungsverfahren (2.3) und zum Gleichstellungsplan<br />
(2.4).<br />
Bei der Analyse der Daten geht es nicht darum<br />
festzustellen, ob eine Einheit und die dazugehorenden<br />
AkteurInnen gleichstellungspolitisch richtig<br />
oder falsch handeln. Vielmehr soll der jeweilige<br />
Moglichkeitsraum fur gleichstellungspolitische<br />
Aktivitaten im Fakultatsalltag herausgearbeitet<br />
werden, wie er sich aus den historisch gewachsenen<br />
Verhaltnissen der Einheit im Zusammenspiel<br />
mit den Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata<br />
der AkteurInnen ergibt.<br />
2.1 Die Wahrnehmung der Geschlechterproblematik<br />
in der Fakultät bzw. Abteilung<br />
Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die<br />
beiden untersuchten Einheiten sich von ihrer<br />
Historie und den Geschlechterverhaltnissen her<br />
zum Teil erheblich unterscheiden. Gemeinsam ist<br />
ihnen allerdings, dass der Anteil der Professorinnen<br />
von den Befragten als zu gering eingeschatzt<br />
wird und dass es ein Commitment gibt, die Frauenanteile<br />
in den Bereichen, in denen Frauen unterreprasentiert<br />
sind, zu erhohen. In ihren Erzahlungen<br />
schildern die Befragten, wie es aus ihrer<br />
Sicht zu den gegebenen Geschlechterverhaltnissen<br />
kommt.<br />
Abteilung Psychologie: Orientierung auf die<br />
Breite des Fachs und die Praxisorientierung<br />
der Frauen<br />
Die Abteilung Psychologie ist darauf ausgerichtet,<br />
die Disziplin in ihrer Breite abzudecken. Die Befragten<br />
begrunden das mit den Voraussetzungen,<br />
die die Deutsche Gesellschaft fur Psychologie als<br />
Grundlage fur eine Therapieausbildung festsetzt<br />
und die durch das Bachelor- und Masterstudium<br />
gewahrleistet werden mussen. Nach Schatzungen<br />
der beiden befragten ProfessorInnen streben<br />
etwa 50 Prozent oder mehr der AbsolventInnen<br />
nach dem Studium eine Therapieausbildung an.<br />
Diese Praxisorientierung, die die beiden befragten<br />
ProfessorInnen vielen Studierenden der Psychologie<br />
zuschreiben, wird durch die Orientierung der<br />
Abteilung auf die Breite des Fachs unterstutzt. Da<br />
sie aber nach Aussagen dieser beiden Befragten<br />
bei den Frauen noch erheblich ausgepragter ist<br />
als bei den Mannern, wird in ihr ein Hauptgrund<br />
erkannt, warum der Frauenanteil in den hoheren<br />
akademischen Positionen wesentlich geringer ist<br />
als bei den Studierenden und Promovierenden.8<br />
Technische Fakultät: Konzentration auf einige<br />
Bereiche des Fachs und die Attraktivität für<br />
Frauen<br />
Die Technische Fakultat zeichnet sich durch eine<br />
Konzentration auf einige Bereiche der Informatik<br />
aus, insbesondere die Bioinformatik, Biotechnologie<br />
und die kognitive Informatik. Der Grund dafur<br />
ist in der noch kurzen Historie der Fakultat zu<br />
finden, die erst 1991 eingerichtet wurde, seitdem<br />
allerdings sehr schnell von vier auf mittlerweile<br />
16 Professuren gewachsen ist. In den Interviews<br />
fuhren die Befragten aus der Technischen Fakultat<br />
denn auch viele dort herrschende Bedingungen<br />
auf diese Wachstumsprozesse zuruck, die<br />
sich demnach vor allem durch bestimmte Forderprogramme<br />
der DFG und der Bundesregierung<br />
(Bioinformatik-Initiative, Exzellenzinitiative, Professorinnenprogramm)<br />
ergeben haben, die der<br />
Einrichtung von neuen Professuren dienten.<br />
In den Erzahlungen vor allem der befragten<br />
Professoren wird sichtbar, wie sich durch diese<br />
Konzentration eine Gelegenheitsstruktur fur die<br />
Gewinnung von Frauen ergeben hat, die genutzt<br />
wurde: Zum einen sind in der Fakultat insbesondere<br />
solche Fachgebiete der Informatik vertreten,<br />
die fur Frauen, vor allem Studentinnen, attraktiv<br />
erscheinen, wie z. B. die Bioinformatik. Zum zweiten<br />
eignen sich die vorhandenen Fachgebiete<br />
aber auch sehr gut fur eine Zusammenarbeit mit<br />
Disziplinen, in denen sehr viele Frauen studieren<br />
und arbeiten, namlich die Linguistik, die Psychologie<br />
und die Biologie. Den Mangel an Frauen in<br />
32 Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 30/2012<br />
Beiträge<br />
der Informatik versucht die Fakultat also mit einer<br />
Offnung fur andere Disziplinen auszugleichen.<br />
2.2 Die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen<br />
und die Zuweisung von Verantwortung<br />
Wahrend also die Befragten aus der Abteilung<br />
Psychologie den Grund fur den geringen Frauenanteil<br />
auf den hoheren Positionen vor allem in<br />
der starkeren Praxisorientierung der vielen vorhandenen<br />
Frauen finden, schildern die Befragten<br />
der Technischen Fakultat ihre Strategien, in einem<br />
mannerdominierten wissenschaftlichen Bereich<br />
zusatzliche Frauen zu rekrutieren. Fur diese Wahrnehmung<br />
von mehr oder weniger grosen eigenen<br />
Handlungsspielraumen spielt auch eine Rolle,<br />
wer aus Sicht der Befragten die Verantwortung<br />
fur die gegebenen Verhaltnisse tragt.<br />
Abteilung Psychologie: Die Machtlosigkeit<br />
der Abteilung und die Verantwortung gesellschaftlicher<br />
Institutionen<br />
In direktem Zusammenhang mit der Wahrnehmung<br />
der Befragten, dass die Abteilung eigentlich<br />
nicht viel machen kann, um den Frauenanteil auf<br />
den gehobenen Positionen zu steigern, steht die<br />
Zuweisung von Verantwortung an gesellschaftliche<br />
Institutionen auserhalb der eigenen Machtsphare.<br />
Begrundungen fur die horizontale Segregation<br />
des Arbeitsmarktes fur PsychologInnen<br />
– „je stärker anwendungsorientiert und klinisch,<br />
umso weiblicher, ja? Und je eher grundlagenorientiert<br />
und experimentell, umso eher männlicher“<br />
(Prof 2 Psych) – wird mit dem Stichwort<br />
der „geschlechtsspezifischen Interessen“ (Prof 2<br />
Psych) implizit in der Gesellschaft, in der Familie<br />
oder in den Frauen selbst gesucht. Fur die prekaren<br />
Beschaftigungsverhaltnisse und die ungunstige<br />
Gehaltsstruktur (im Vergleich zum auseruniversitaren<br />
offentlichen Dienst), die die Rekrutierung<br />
von NachwuchswissenschaftlerInnen<br />
erschweren, sind offenbar ubergeordnete Stellen<br />
verantwortlich. Dies gilt ebenso fur die nach<br />
Aussagen der befragten ProfessorInnen unbefriedigende<br />
Ausstattung mit Kinderbetreuungsmoglichkeiten<br />
und den Mangel an institutionellen Hilfestellungen<br />
fur betroffene Abteilungen, die die<br />
Schwangerschaft einer Nachwuchswissenschaftlerin<br />
fur diese selbst, aber auch fur die Abteilung<br />
zur „Katastrophe“ (Prof 2 Psych) werden lassen.<br />
Der geschlechterdifferenten Sozialisation und<br />
der ubergeordneten Hochschul- und Familienpolitik<br />
scheint die Abteilung machtlos gegenuberzustehen,<br />
und so bleibt den ProfessorInnen<br />
als Handlungsspielraum nur das Motivieren von<br />
Frauen, trotz der Hindernisse in der Wissenschaft<br />
zu bleiben.<br />
Technische Fakultät: Frauenförderung,<br />
Familienfreundlichkeit und die Verantwortung<br />
des Einzelnen<br />
Die Befragten der Technischen Fakultat betonen<br />
ubereinstimmend, dass die Frauen, wenn sie erst<br />
einmal in der Fakultat angekommen sind, mit offenen<br />
Armen aufgenommen werden und sich dort<br />
wohl fuhlen. Genauso wenige Zweifel bestehen<br />
aber auch daran, dass es notig ist, den Frauenanteil<br />
auf allen (wissenschaftlichen) Ebenen weiter<br />
zu erhohen, und dass dies uber Frauenforderung<br />
zu erreichen ist. Dabei wird Frauenforderung<br />
nicht losgelost von strukturellen Bedingungen<br />
konzipiert. Prof 2 TechFak beschreibt z. B., dass<br />
das Geschlecht bei Vorstellungsgesprachen eine<br />
grose Rolle spielt und bei der Bewertung der BewerberInnen<br />
in Rechnung gestellt werden muss.<br />
Nach Einschatzung der befragten Professoren<br />
und Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen spielt<br />
auch eine gelebte Familienfreundlichkeit eine<br />
entscheidende Rolle. Wahrend die Vereinbarkeit<br />
von Schwangerschaft bzw. Elternschaft und wissenschaftlichem<br />
Beruf von den befragten PsychologieprofessorInnen<br />
als z. T. hochproblematisch<br />
dargestellt wird, weisen die Befragten aus der<br />
Technischen Fakultat auf den hohen Anteil von<br />
jungen Eltern in den Arbeitsgruppen hin.<br />
Auch die Befragten der Technischen Fakultat sind<br />
den gesellschaftlichen Verhaltnissen gegenuber,<br />
die der Erhohung der Frauenanteile in ihrem disziplinaren<br />
Bereich immer noch entgegenstehen,<br />
z. B. die Schulsozialisation oder die Rekrutierungspraxis<br />
von Firmen, durchaus nicht blind. Es<br />
ist aber auffallig, wie sie eine Veranderung der<br />
Verhaltnisse in ihrem eigenen Bereich als Aufgabe<br />
jedes und jeder Einzelnen entwerfen. So beschreibt<br />
die Studentin, dass sie schon als Kind an<br />
den Reparaturarbeiten ihres Vaters beteiligt war;<br />
der Wissenschaftliche Mitarbeiter betont, wie<br />
wichtig die Studierenden fur die wissenschaftliche<br />
(Entwicklungs-)Arbeit in der Fakultat sind<br />
und dass die Frauen ganz selbstverstandlich dabei<br />
sein – und nicht etwa in monoedukative Lehrveranstaltungen<br />
abgeschoben werden – wollen.<br />
Und Prof 2 TechFak stellt in diesem Zusammenhang<br />
klipp und klar fest, dass Gleichstellung<br />
„zum Teil von einzelnen Personen auch abhängig<br />
[ist]“ und dass die Fakultat eigene Gestaltungsspielraume<br />
nutzen muss.<br />
2.3 Gleichstellungspraxis in Berufungsverfahren:<br />
„Meistens haben die Leute auch schon<br />
jemanden im Kopf“<br />
Bei aller fachkulturellen Vielfalt eint nahezu alle<br />
Fachbereiche und Disziplinen der – vergleichsweise<br />
– geringe Frauenanteil an Professuren.<br />
Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 30/2012 33<br />
Beiträge<br />
Selbst in Fachern und Fachbereichen, die auf den<br />
Ebenen der Studierenden, Promovierenden und<br />
mitunter auch noch Habilitierenden von Frauen<br />
dominiert werden, stellen Professorinnen meist<br />
immer noch eine Minderheit dar. Das hat dazu<br />
gefuhrt, dass Berufungsverfahren nicht nur im<br />
Fokus der Gleichstellungspraxis stehen – die<br />
Mitwirkung der Gleichstellungsbeauftragten an<br />
Berufungsverfahren ist u. a. im Landesgleichstellungsgesetz<br />
(LGG) verankert –, auch die Forschung<br />
zur Gleichstellung an Hochschulen interessiert<br />
sich mittlerweile sehr fur die Frage: „Wie<br />
werden Professuren besetzt?“ (Farber/Spangenberg<br />
2008).9<br />
Die Erzahlungen der Befragten zeigen dabei,<br />
dass die Theorie der Gleichstellung als Querschnittsaufgabe<br />
nicht so leicht in die Praxis von<br />
Berufungsverfahren zu ubersetzen ist. Auf die<br />
Frage, an welcher Stelle im Berufungsverfahren<br />
Gleichstellung ins Spiel komme, reagieren alle<br />
Befragten eher ratlos, obwohl sie die institutionalisierten<br />
Gleichstellungsinstrumente benennen:<br />
namlich die mogliche Beteiligung der Gleichstellungsbeauftragten<br />
der Fakultat bzw. Abteilung,<br />
die „Frauenquote“ (in Berufungskommissionen<br />
sollen mindestens zwei Frauen Mitglieder sein)<br />
und den Satz, der in allen Stellenausschreibungen<br />
die bevorzugte Einstellung von Frauen bei<br />
gleicher Eignung annonciert.<br />
Auf die Frage nach dem Ablauf eines Berufungsverfahrens<br />
beschreiben die befragten ProfessorInnen<br />
vor allem die Voraussetzungen fur<br />
die Einrichtung bzw. Besetzung einer Professur,<br />
wahrend die Befragten aus den anderen Statusgruppen<br />
eher den Ablauf der Verfahren in der<br />
Berufungskommission darstellen. Dabei wird vor<br />
allem von den Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen<br />
die Feststellung der Nichtwissenschaftlichen<br />
Mitarbeiterin der Technischen Fakultat unterstutzt:<br />
„Meistens haben die Leute [in der Berufungskommission,<br />
S.S.] auch schon jemanden im<br />
Kopf“. Sie beschreiben damit die Situation, dass<br />
man schon bei der Ausschreibung, spatestens<br />
jedoch bei der Auswahl der Bewerbungen, eine<br />
bestimmte Person im Auge hat, die man gerne<br />
fur die Fakultat gewinnen mochte. Interessant ist<br />
dabei, welche Ruckschlusse aus dieser Praxis in<br />
Bezug auf Gleichstellung gezogen werden. Die<br />
Wissenschaftliche Mitarbeiterin aus der Psychologie<br />
bringt die Praxis, die Ausschreibung mit<br />
Blick auf eine bestimmte Person zu formulieren,<br />
mit personlichen Beziehungen in der scientific<br />
community in Verbindung, die Gleichstellung<br />
eher hemmen (vgl. dazu auch Junghans 2012).<br />
Der befragte Wissenschaftliche Mitarbeiter der<br />
Technischen Fakultat beschreibt die gezielte Ausschreibung<br />
dagegen als ein Instrument, das zur<br />
Gewinnung von Frauen genutzt werden kann in<br />
einem Feld, in dem es nur wenige Frauen gibt.<br />
Auch die Wissenschaftliche Mitarbeiterin der<br />
Technischen Fakultat betont die Notwendigkeit<br />
solcher Praktiken, um Frauen zu gewinnen, wobei<br />
sie allerdings darauf hinweist, dass dies sich<br />
jenseits der „offiziellen Gleichstellungsgeschichte“<br />
(Wiss MA TechFak) abspielt. Die anscheinend<br />
ubliche Praxis, Stellen mit Blick auf bestimmte<br />
BewerberInnen auszuschreiben, kann also im<br />
Kontext der gegebenen Bedingungen in den Einheiten<br />
durchaus vollig kontrar gedeutet werden:<br />
als Hurde fur die Gleichstellung oder als Frauenfordermasnahme.<br />
In den Erzahlungen wird erkennbar, dass Frauenforderung<br />
und Gleichstellung als unterschiedliche<br />
Dinge wahrgenommen werden, wobei Frauenforderung<br />
als sinnvoll und notwendig, Gleichstellung<br />
dagegen als burokratische Belastung angesehen<br />
wird, die im schlimmsten Fall Frauenforderung<br />
sogar verhindern kann, wenn etwa Professorinnen<br />
uber Gebuhr durch die Mitwirkung in Gremien<br />
belastet werden.<br />
2.4 Einschätzung des Gleichstellungsplans<br />
Der Erstellung und Fortschreibung von Gleichstellungsplanen<br />
sowohl auf Hochschul- als auch auf<br />
Fakultatsebene wird im nordrhein-westfalischen<br />
LGG ein breiter Raum gewidmet, der auf eine<br />
hohe Relevanz dieses Instruments aus Sicht der<br />
Politik hinweist. Der Gender-Report 2010 hat allerdings<br />
gezeigt, dass dies nicht unbedingt einen<br />
Niederschlag in den Einheiten der Hochschulen<br />
findet, da etliche Einheiten keine bzw. keine gultigen<br />
Gleichstellungsplane vorweisen konnten<br />
(Gender-Report 2010: 142f.).<br />
Auch den Befragten aus der Abteilung Psychologie<br />
und der Technischen Fakultat der Universitat<br />
Bielefeld fallt zum Thema Gleichstellungsplan nur<br />
wenig ein, obwohl beide Einheiten uber gultige<br />
Plane verfugen. Einige der Befragten aus beiden<br />
Hochschuleinheiten waren in der Vergangenheit<br />
auf verschiedene Weisen mit Gleichstellungsplanen<br />
beschaftigt, dennoch sind die Darstellungen<br />
von deren Erstellung und Fortschreibung eher<br />
kursorisch. In der Regel werden die Plane offenbar<br />
in einer Zusammenarbeit von Gleichstellungskommission<br />
bzw. Gleichstellungsbeauftragter mit<br />
dem jeweiligen Dekan erstellt. Danach erfolgt die<br />
Verabschiedung im Abteilungsausschuss bzw. der<br />
Fakultatskonferenz, die als einvernehmlich beschrieben<br />
wird.<br />
Die Befragten weisen darauf hin, dass die Gleichstellungsplane<br />
vor allem dann prasent sind,<br />
wenn sie fortgeschrieben bzw. evaluiert werden<br />
und dass sie noch am ehesten bei Personalangelegenheiten,<br />
insbesondere bei Berufungsverfahren,<br />
genutzt werden, um sich uber das gleich-<br />
34 Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 30/2012<br />
Beiträge<br />
stellungsbezogene Prozedere zu informieren.<br />
Sie sind sich weitgehend einig, dass der Nutzen<br />
des Gleichstellungsplans auf Fakultats- bzw. Abteilungsebene<br />
begrenzt ist, insbesondere weil<br />
er in der Regel den Angehorigen der Einheiten<br />
kaum bekannt und prasent ist. Als wirksames<br />
Steuerungsinstrument, das dazu beitragt, Frauenanteile<br />
zu erhohen oder ein entsprechendes<br />
Commitment zu starken, wird er jedenfalls nicht<br />
wahrgenommen, und auch als Anreiz zur Reflexion<br />
der Geschlechterverhaltnisse in der jeweiligen<br />
Einheit scheint sein Nutzen gering zu sein. Die<br />
Nichtwissenschaftliche Mitarbeiterin der Technischen<br />
Fakultat bringt es so auf den Punkt: „Den<br />
[Plan] gibt es, weil wir den haben müssen.“<br />
3. Schlussfolgerungen und Ausblick<br />
Der vorliegende Beitrag liefert einen ersten kursorischen<br />
Einblick in das Zusammenspiel von organisatorischen<br />
Gegebenheiten und Denk-, Wahrnehmungs-<br />
und Handlungsmustern der AkteurInnen<br />
in zwei wissenschaftlichen Einheiten in Bezug auf<br />
Gleichstellung und einige sich daraus ergebende<br />
Effekte. So geht in der Abteilung Psychologie die<br />
Annahme, dass Frauen starker auf eine berufliche<br />
Tatigkeit in der Praxis orientiert sind, und die Zuweisung<br />
der Verantwortung fur die Geschlechterverhaltnisse<br />
in der Abteilung an gesellschaftliche<br />
Institutionen auserhalb der Abteilung einher mit<br />
dem Eindruck, dass der Gestaltungsspielraum fur<br />
Gleichstellung nur sehr begrenzt ist. In der Technischen<br />
Fakultat dagegen wurden Gestaltungsspielraume,<br />
die sich durch Wachstumsprozesse ergeben<br />
haben, auch dazu genutzt, die Fakultat fur<br />
andere Disziplinen zu offnen und dadurch Frauen<br />
anzuziehen und fur die Informatik zu gewinnen.<br />
Da diese Form der Frauenforderung jedoch offensichtlich<br />
sehr abhangig von den herrschenden<br />
organisationalen Bedingungen und Personen in<br />
leitenden Positionen ist, stellt sich die Frage, was<br />
passiert, wenn die Fakultat keine zusatzlichen<br />
Professuren zu besetzen hat, sondern es darum<br />
geht, vorhandene Ressourcen neu zu verteilen,<br />
oder wenn wichtige Unterstutzer fehlen.<br />
Hier wird eine Diskrepanz zwischen Masnahmen<br />
der Frauenforderung und Gleichstellungsmasnahmen<br />
deutlich, die in Bezug auf die Gleichstellungsinstrumente<br />
in Berufungsverfahren und<br />
den Gleichstellungsplan von den Befragten z. T.<br />
deutlich artikuliert werden. Dass Frauenforderung<br />
notwendig ist, um mehr Frauen in fuhrende Positionen<br />
zu berufen, gehort mittlerweile offenbar<br />
zum ‚common sense‘. Was Gleichstellung ist und<br />
welche Instrumente wann, wo und unter welchen<br />
Bedingungen wirken, bleibt dagegen fur die Befragten<br />
aus den Hochschuleinrichtungen eher im<br />
Dunkeln. So kann man in einem Feld wie der Psychologie,<br />
das auf den unteren wissenschaftlichen<br />
Statusgruppen sehr stark von Frauen dominiert<br />
wird, aber trotzdem nur vergleichsweise wenige<br />
Professorinnen hat, wohl kaum von einem (zahlenmasigen)<br />
Frauenproblem sprechen. Aber es<br />
scheint dort trotzdem ein Gleichstellungsproblem<br />
vorzuliegen. Und dieses Problem gibt es moglicherweise<br />
auch in anderen auf Studierendenebene<br />
sehr stark von Frauen dominierten Fakultaten<br />
und Disziplinen. Mit den Mitteln der Frauenforderung<br />
ist hier womoglich nicht viel zu erreichen,<br />
denn Frauen sind auf den ersten Blick ja ausreichend<br />
vorhanden. Wirksame Mittel der Gleichstellungsarbeit<br />
mussen moglicherweise erst noch<br />
gefunden werden, denn die vorhandenen Instrumente,<br />
wie die Vorgaben zu Berufungsverfahren<br />
oder die Gleichstellungsplane, scheinen in der alltaglichen<br />
Praxis von Fakultaten kaum zu greifen.<br />
Das reichhaltige Datenmaterial der Studie<br />
„Gleichstellung im Fakultatsalltag“ bietet Anknupfungspunkte<br />
in mehrere Richtungen: Zum<br />
einen soll es in den Kontext der Fachkulturforschung<br />
gestellt werden, um die Gegebenheiten in<br />
der Fakultat oder Abteilung aus der Perspektive<br />
des disziplinaren Feldes besser zu verstehen. Zum<br />
zweiten sollen die Spezifika der verschiedenen<br />
Statusgruppen herausgearbeitet werden, um die<br />
Wechselwirkungen von Gleichstellungsmasnahmen<br />
mit den Strukturen der Hochschulorganisation<br />
genauer in den Blick zu nehmen. Drittens<br />
sollen die Vorstellungen der AkteurInnen uber<br />
verschiedene gleichstellungspolitische Strategien,<br />
insbesondere die Diskrepanz zwischen den<br />
Konzeptionen von Frauenforderung und Gleichstellung,<br />
genauer beleuchtet werden, um die<br />
Erarbeitung und Umsetzung von Gleichstellungsmasnahmen<br />
konzeptionell zu starken und damit<br />
auch Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung<br />
zu integrieren.<br />
4. Literatur<br />
- Becker, Ruth/Casprig, Anne/Kortendiek, Beate/<br />
Munst, A. Senganata/Schafer, Sabine (2010):<br />
Gender-Report 2010: Geschlechter(un)gerechtigkeit<br />
an nordrhein-westfalischen Hochschulen.<br />
Fakten – Analysen – Profile. Studien Netzwerk<br />
Frauen- und Geschlechterforschung NRW<br />
Nr. 9. Essen.<br />
- Bourdieu, Pierre/Wacquant, Loic J. D. (1996):<br />
Die Ziele der reflexiven Soziologie. Chicago-<br />
Seminar, Winter 1987. In: Bourdieu, Pierre/<br />
Wacquant, Loic: Reflexive Anthropologie.<br />
Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 95–249.<br />
- Farber, Christine/Spangenberg, Ulrike (2008):<br />
Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit<br />
in Berufungsverfahren. Frankfurt/M.:<br />
Campus.<br />
Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 30/2012 35<br />
Beiträge<br />
- Junghans, Lea (2012): Die Berufung von ProfessorInnen.<br />
Das geschlechtergerechte Berufungsverfahren<br />
und seine gerichtliche Uberprufung.<br />
In: GENDER. Zeitschrift fur Geschlecht, Kultur<br />
und Gesellschaft 4, 1: S. 141–148.<br />
- Kahlert, Heike (2007): Qualitatssteigerung<br />
oder Qualitatsverlust? Wie hochschulische Fuhrungskrafte<br />
den Beitrag von Gender Mainstreaming<br />
zum Change Management sehen. In: die<br />
hochschule 6, 1: S. 132–147.<br />
- Krais, Beate (2010): Das Projekt „Gleichstellung<br />
in der Wissenschaft“: Anmerkungen zu<br />
den Muhen der Ebenen. In: Bauschke-Urban,<br />
Carola/Kamphans, Marion/Sagebiel, Felizitas<br />
(Hg.): Subversion und Intervention. Wissenschaft<br />
und Geschlechter(un)ordnung. Opladen:<br />
Barbara Budrich Verlag: S. 23–45.<br />
- Macha, Hildegard/Struthmann, Sandra (2011):<br />
Controlling von Gleichstellungspolitik als Organisationsentwicklung<br />
der Hochschule: die Gender<br />
Balanced Scorecard. In: GENDER. Zeitschrift<br />
fur Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 3, 1:<br />
S. 126–135.<br />
- Mayring, Philipp (2010): Qualitative Inhaltsanalyse.<br />
Grundlagen und Techniken. 11., aktualisierte<br />
und uberarbeitete Auflage. Weinheim<br />
u. a.: Beltz.<br />
- Metz-Gockel, Sigrid (2011): Differenzierung<br />
im tertiaren Bereich und geschlechtergerechte<br />
Hochschule. In: Journal Netzwerk Frauen- und<br />
Geschlechterforschung NRW 29: S. 39–43<br />
- Metz-Gockel, Sigrid/Kamphans, Marion (2002):<br />
Gender Mainstreaming in Hochschulleitungen<br />
von NRW. Mit gebremstem Schwung und alter<br />
Skepsis. Gesprache mit der Hochschulleitung.<br />
Projektbericht. Verfugbar unter: <a href="http://www.">http://www.</a><br />
hdz.uni-dortmund.de/fileadmin/Veroeffentlichungen/<br />
Kamphans/GM_Hochschulleitungen_<br />
komplett.pdf.<br />
- Roloff, Christine (2002): Der Zusammenhang<br />
von Personalentwicklung, Geschlechtergerechtigkeit<br />
und Qualitatsmanagement. In:<br />
Roloff, Christine (Hg.): Personalentwicklung,<br />
Geschlechtergerechtigkeit und Qualitatsmanagement<br />
an der Hochschule. Bielefeld: Kleine<br />
Verlag, S. 11–33.<br />
- Schluter, Anne (2011): Auf dem Weg zur<br />
geschlechtergerechten Hochschule – Bedingungen,<br />
Potentiale und Instrumente der<br />
Entwicklung. Gutachten im Auftrag der Hans-<br />
Bockler-Stiftung, Dusseldorf. Verfugbar unter:<br />
<a href="http://www.boeckler.de/pdf/gutachten_schlueter.pdf.">www.boeckler.de/pdf/gutachten_schlueter.pdf.</a><br />
- Selent, Petra (2002): Von der Analyse zur Aktivitat<br />
– Geschlechtergerechte Entwicklungsprozesse<br />
in Fachbereichen. In: Roloff, Christine<br />
(Hg.): Personalentwicklung, Geschlechtergerechtigkeit<br />
und Qualitatsmanagement an der<br />
Hochschule. Bielefeld: Kleine Verlag, S. 99–115.</p>
<p><a href="http://www.netzwerk-fgf.nrw.de/fileadmin/media/media-fgf/download/publikationen/Journal_30_2012.pdf">http://www.netzwerk-fgf.nrw.de/fileadmin/media/media-fgf/download/publikationen/Journal_30_2012.pdf</a></p>
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<pubDate>Sun, 14 Dec 2014 09:26:36 +0000</pubDate>
<category>Liste Femanzen</category><dc:creator>Oberkellner</dc:creator>
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