Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: @Emmalein

Ekki, Wednesday, 11.02.2004, 21:00 (vor 8068 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: @Emmalein von Emmalein am 11. Februar 2004 09:56:34:

Liebes Emmalein!

<blockquote><p align="justify[/link]>Hi, Ekki,
[quote]schön, dass ich jetzt Deine Antwort doch noch finde, sie ist irgendwie in diesm Gewühl hier untergegangen. Dann kann ich Dir ja auch endlich antworten.
</blockquote></p>[/quote]
<p align="justify[/link]Ich freue mich auch, von Dir zu hören. Manchmal erlebt man es ja, daß Diskutanten ohne Angabe von Gründen aus der Diskussion aussteigen. Bei uns geht's weiter - und das ist gut so!</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Du schreibst, dass Frauen meistens sehr genau wüssten, worauf sie sich einliessen,wenn sie Kinder hätten, Männer dagegen nicht. Hm. In meinem Bekanntenkreis erlebe ich jetzt sehr häufig,dass das auch Frauen nicht so genau wissen, sondern einfach auf ihre tickende biologische Uhr hören. Meine Freundin beispielsweise kennt ihren neuen Partner erst ein Jahr, vor einem halben sind sie zusammengezogen. Sie ist in meinem Alter, also 32. Ein Alter, in dem die biologische Uhr teilweise schon anfängt, zu ticken.
[quote]Ihr jetziger Freund kommt gerade von der Bundeswehr, hatte sich verpflichtet, ist arbeitslos. Sie wird ja zunächst auch ihre Arbeitszeit reduzieren müssen, es wird weniger Geld da sein. Meine Freundin macht sich nicht die geringsten Gedanken darüber! Auch ihre Gedanken, wie sie Beruf und Familie vereinbaren will, sind sehr unausgereift und unausgegoren.. Da wird sie, prophezeihe ich mal, böse Überraschungen erleben.
</blockquote></p>[/quote]
<p align="justify[/link]Das habe ich auch schon gehört. In dem Buch "Männer - eine Spezies wird besichtigt" von Dietrich Schwanitz[/i] wird die These aufgestellt, daß - ich zitiere jetzt sinngemäß - der Fortpflanzungstrieb bei der Frau genauso stark ist wie beim Mann der Geschlechtstrieb und auch dieselben Folgen zeitigt, nämlich Familiengründung ohne vorheriges Durchdenken dessen worauf man sich da einläßt. Das entsprechende Kapitel stelle ich an den Schluß dieses Postings.[/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Ein anderes Beispiel: Meine Schwester, die darauf vertraut hat, dass bis zum Schuleintritt ihrer Kinder verlässliche Grundschulen durchgesetzt sind. Wie naiv kann mensch eigentlich sein? Ich mag meine Schwester, aber zu glauben, dass sich in unserer Republik in der Richtung mal irgendwas bewegt, da muss man schon eine ziemliche Träumerin sein.</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Mich würde wirklich interessieren, was Du unter einer "verläßlichen Grundschule"[/i] verstehst. Offenbar verbindest Du sehr konkrete Vorstellungen mit diesem mir unbekannten Begriff.</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>(Ich denke deswegen ernsthaft darüber nach, in ein skandinavisches Land auszuwandern oder nach Frankreich zu gehen, wobei mein Freund eher von Skandinavien als von Frankreich zu überzeugen zu sein scheint).</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Ich bin ausgewandert - nach Polen. Dazu habe ich übrigens bei "Max und Moni" mehrere Postings reingestellt. Heute bin ich etwas knapp in der Zeit, aber wenn Du willst, such' ich Dir die Links raus. Erinnere mich gegebenenfalls daran![/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Du siehst also, auf Männer wie auf Frauen kommen da Sachen zu, die sich beide nicht wirklich klarmachen. Aber ich denke, dass Frauen stärker auf Familie und Kinder hinlenken, hat mit der Biologie zu tun. Männer können sich immer noch sagen, was solls, wenn ich irgendwann mal, mit 80 oder so, Lust habe, Vater zu werden, kann ich das immer noch.</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Das kann bös' in die Hose gehen! Erstens[/i] nimmt die Zeugungsfähigkeit bei Männern sehr viel früher und schneller ab, als Männer sich dies eingestehen wollen. Und zweitens[/i] ist die Verschlechterung der Spermien und der Gene mit zunehmendem Alter auch bei Männern ein nicht zu unterschätzender Faktor.</p>
<p align="justify[/link]Und um einen anderen Aspekt des Themas aufzugreifen: Wenn ich sehe, wie viele junge Frauen aus gutem Hause sich mit älteren Männern zusammentun, und wenn ich mir dann betrachte, mit welcher Konsequenz hierfür nur ältere Männer mit dicken Bankkonto ausgewählt werden, dann wird mir ganz, ganz schlecht - in jeder Hinsicht.[/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Dass sich Frauen oft in den ersten Lebensjahren mit den Kindern intensiv beschäftigen, halte ich für natürlich. Wie würdest Du das denn ändern wollen? Wenn ein Kind gestillt wird, macht das nun mal die Frau. Gut, in Ordnung, der Mann kann sie unterstützen, aber die Arbeit muss gemacht werden.</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Eine lobenswerte Einstellung - ohne jede Ironie! Man kann Deinen Freund nur beglückwünschen. Gängig ist jedoch heute etwas anderes - dem Mann wird gezielt dasselbe zeitliche und emotionale Engagement für das Kleinkind abverlangt, das für die Frau natürlich und selbstverständlich ist. Das kann nicht gutgehen - siehe erstes Schwanitz-Kapitel![/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Wie willst Du das denn mit dem Ausgehen regeln? Irgendwer muss, während die Eltern ausgehen, auf das Kind aufpassen. Es ist nicht unbedingt leicht, verlässliche Babysitter zu bekommen. Und Ganztagsbetreuungseinrichtungen arbeiten AM TAG, nicht abends, wenn man mal zusammen ausgehen will. Ausserdem kostet Ausgehen meist Geld. Und Geld ist mit Kind weniger vorhanden. Gut, da könnte helfen, wenn die Frauen durch verbesserte Kinderbetreuung von aussen wieder voll in den Beruf einsteigen könnten. Aber das Betreuungsproblem abends ist so nicht gelöst.</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Ein echtes Problem. Ich habe, wenn ich mich recht erinnere, diesbezüglich schon auf das französische Modell verwiesen. Alle Maßnahmen zur Gewährleistung einer Ganztagsbetreuung haben meine volle Unterstützung![/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Wenn jemand gern monogam leben möchte, ist das doch nicht schlimm, oder? Und woher sollen Kinder dann männliche Bezugspersonen kriegen, wenn die Väter keine Väter mehr sind oder sich nur noch als Zahlväter verstehen können, weil die Frauen ja nicht monogam leben wollen und der Kindsvater per Vaterschaftstest allein feststellbar ist? In der Frühphase haben sie dann gar keine männlichen Bezugspersonen (Es gibt kaum Grundschullehrer und männliche Erzieher) und in der Spätphase bleiben ihnen dann nur oberflächliche Bezugspersonen (TAgesbetreuer).</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Mein Problem mit der Monogamie besteht darin, daß ich sie z.B. für mich nicht will und deshalb Schwierigkeiten habe, Frauen zu finden, die ebenso denken. Es ist meiner Meinung nach sehr die Frage, ob es überhaupt möglich ist, daß Menschen, die polygam leben wollen, dies in einer monogam geprägten Gesellschaft verwirklichen können - und umgekehrt.</p>
<p align="justify[/link]Was das Problem mit den Bezugspersonen betrifft: Mir - und den meisten meiner männlichen Gesinnungsgenossen wohl ebenso - käme es nicht in den Sinn, einer verheirateten Frau, mit der sie ein Verhältnis haben, den Mann ausspannen zu wollen. Und da ticken viele Frauen wieder genau umgekehrt: Wenn sie sich auf eine außereheliche Beziehung einlassen, so deshalb, weil sie den "Fremdgeh-Partner" gegen den gegenwärtigen Ehemann austauschen wollen.</p>
<p align="justify[/link]Böses Dilemma: Selbst wenn ein Mann eine Frau findet, die mit ihm fremdgeht, so sind doch auf beiden Seiten jeweils völlig unterschiedliche Motivationen und Erwartungshaltungen vorhanden.[/i]</p>
<p align="justify[/link]Hierzu übrigens am Schluß des Postings ein weiteres Kapitel aus dem Buch von Schwanitz.[/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Und Du sagst, mehr Grundschullehrer bringen nichts, um Jungen vor einem stärkeren Abdriften in Richtung Hauptschule zu bewahren. Was kann man denn stattdessen tun? Oder soll man die Entwicklung einfach so hinnehmen, weil die Jungen ja offensichtlich zu wenig Interesse am Schulstoff zeigen?</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Hier fühle ich mich mißverstanden. Ich habe bisher noch nicht Stellung genommen zu der Frage, ob ein größerer Männeranteil unter den Grundschullehrern zu einer Reduzierung der Gewaltbereitschaft unter männlichen Jugendlichen führen könnte.</p>
<p align="justify[/link]Da Du die Frage aber aufgeworfen hast: Ich weiß nicht, ob ein solcher Zusammenhang besteht. Das Thema Gewalttätigkeit unter Jungendlichen, ihre Ursachen und mögliche Besserungsmethoden, ist derart vielschichtig, daß man dafür m.E. nicht nur einen eigenen Thread, sondern ein eigenes Forum aufmachen könnte (wird's auch garantiert irgendwo schon geben). Falls Du Dich mit mir darüber hier im Forum austauschen möchtest - sehr gerne![/i]</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Thommys Forum habe ich noch nicht gelesen, ich werde es mir mal demnächst ansehen.</blockquote></p>
<p align="justify[/link]Es stimmt, was XRay schreibt, daß Tommy durch sein Insistieren auf "Weiber" als Bezeichnung für Frauen vielen Foren-Teilnehmern das Leben schwer gemacht hat. Dennoch bedauere ich, daß das Forum eingeschlafen zu sein scheint. Es hat dort sehr wohl höchst interessante Diskussionen gegeben - auf eine davon, die ich angezettelt hatte, hatte ich ja in meinem vorvorigen Posting an Dich verlinkt.</p>
<p align="justify[/link]So, und nun zum Abschluß die beiden Schwanitz-Kapitel. Und dann muß ich ganz schnell sehen, daß ich zur Probe des Oratorien-Chores komme, in dem ich hier in Polen mitsinge.</p>
<blockquote><p align="justify[/link]>Bis dahin grüsst höchst freundlich
[quote]das Emmalein
</blockquote></p>[/quote]

Auch an Dich ganz liebe Grüße und bis zum nächsten Mal!

Ekki

<hr>

<p align="center[/link]Väter sind keine männlichen Mütter</p>

<p align="justify[/link]Die Vaterschaft begründet das Patriarchat, aber sie zivilisiert auch die Männer. Allerdings hat das väterliche Familienoberhaupt in der letzten Generation seine Abschiedsvorstellung gegeben und ist unter Buh-Rufen von der Bühne gejagt worden. Die Frau hat ihre Gleichberechtigung errungen. Und die Anti-Baby-Pille hat die Keuschheitsmoral mit der Hilfe von Freud zum Tempel hinausgejagt Die Kontrolle der weiblichen Sexualität ist dem Mann aus der Hand gewunden worden. Die Frau entscheidet nun selbst, wann und mit wem. Und sie entscheidet auch, ob sie ein Kind haben will oder nicht. Als letztes Stück, das ihr zur vollen Souveränität noch gefehlt hat, hat sie das Recht auf Abtreibung erkämpft. Was soll da noch der Vater?</p>
<p align="justify[/link]Nun, die Frau weiß, was er soll: Er soll mithelfen, das Kind großzuziehen. Sie wundert sich, daß er sich dabei so schwertut. Daß er Ausflüchte sucht, sich nur zögerlich, wenn überhaupt, an der Babypflege beteiligt, daß er sich dumm anstellt, daß er es an der richtigen Begeisterung fehlen läßt, ja, daß er manchmal sogar den Eindruck erweckt, als sei ihm die Sache zuwider, und sich in vielen Fallen direkt drückt oder gar ganz Reißaus nimmt. Sie kann sich das nicht erklären. Die natürlichsten Gefühle scheinen ihm zu fehlen. »Sieh doch, wie süß das Baby lächelt!« Es hat sogar seine Augen, wie kann er da widerstehen? Er ist ein Ungeheuer, ein kaltherziges Monster und eine große Enttäuschung.</p>
<p align="justify[/link]Weil in der alten Gesellschaft die Vaterschaft mit der Mutterschaft parallelisiert wurde, haben wir vergessen, daß das künstlich geschah, und glauben, sie habe dieselbe Grundlage wie die Mutterschaft: die natürliche, spontane, instinktive Liebe zu dem neugeborenen Kind. Wir halten den Vater für eine Art männliche Mutter Weil die Mutter die Liebe zu ihrem Kind als so natürlich und fraglos erlebt, unterstellt sie das auch dem Vater. Und da er weiß, daß das von ihm erwartet wird, heuchelt er die Vaterliebe so wie seine Frau den Orgasmus.</p>
<p align="justify[/link]Aber ohne die Vorteile des Patriarchats brechen wieder die alten, natürlichen Abneigungen hervor. Das Kind ist nicht nur eine bedrohliche Last, die ihn dreißig Jahre lang finanziell niederdrücken wird, es raubt ihm auch den ersten Rang in der Liebe und Aufmerksamkeit seiner Frau Plötzlich ist er abgemeldet. Mit dem Kind kann er nicht konkurrieren. Es ist nicht zu leugnen: die Frau zieht es ihm vor.</p>
<p align="justify[/link]Außerdem ist es ihm just in den Bereichen überlegen, in dem sich bisher seine Männlichkeit entfaltet hat: das Kind brüllt lauter und dringlicher als er; es sauft häufiger und monopolisiert die Mutterbrust. Es hält den ganzen Körper seiner Frau besetzt, so daß seine Zugangsberechtigung erlischt. Es ist egoistischer und angeberischer als er. Und das Üble ist, es erntet mit dieser Hemmungslosigkeit auch noch das permanente Entzücken seiner Mutter. Kurzum, es ist richtig unfair. Man hat gegen es nicht die geringste Chance.</p>
<p align="justify[/link]Und dabei darf er seine Abneigung noch nicht einmal zeigen! Sie wurde ihm übelgenommen. Statt dessen wird er zum Laufburschen dieses kleinen Monsters degradiert. Diese Sklaverei ist schlimmer als die des letzten Aushilfskellners. Er muß Brei besorgen und ihn ihm mühselig in den schmierigen Mund stopfen Statt ein Trinkgeld zu kassieren, wird er dafür angespuckt. Er muß Windeln wechseln und Popos säubern, er muß sich tagsüber ein Höllengeschrei anhören und sich des Nachts durch eine verstärkte Version des gleichen Geschreis aus dem Schlaf reißen lassen. Was hat er mit diesem Monster zu tun, das ihn anschreit, wenn er sich vorsichtig nähert? Rein gar nichts. Die einzige Verbindung zu diesem Schreihals stellt nur jener Akt vor neun Monaten dar. Und selbst dafür hat er nur das Wort seiner Mutter. Wie sagt doch Lord Chesterfield über diesen Akt: »Das Vergnügen ist flüchtig, die Stellung lächerlich, und die Folgekosten sind monströs.« Das alles läßt ihn seine Ehe langsam in einem neuen Licht erscheinen. Ihm kommt der Verdacht, daß dieses Kind das eigentliche Ziel seiner Frau gewesen sei. Sie ist so absorbiert, so strahlend glücklich und so altruistisch und selbstlos, wie er sie bisher gar nicht gekannt hat. Sie scheint die Bestimmung ihres Lebens gefunden zu haben. Und er erinnert sich an die frühen Gespräche mit ihr: »Na, sicher möchte ich einmal Kinder haben!« Damals hatte er sich nichts dabei gedacht. Sie hatte das so leichthin gesagt. Doch dann fallen ihm die vielen Frauen ein, die in dem gleichen Ton das gleiche gesagt hatten. Überall hatte er diesen Satz irgendwann gehört. Aus vielen Mündern war er an sein Ohr gedrungen. Alle Typen von Frauen hatten ihn früher oder später geäußert. Ob Karrierefrauen oder Hausmuttertypen, ob Studentinnen oder Friseurinnen, alle wollten sie mal Kinder haben. Warum nur? Was trieb sie? Denn eine Art Trieb mußte es sein, weil es da etwas gab, das stärker wurde, wenn Frauen sich den Mittdreißigern näherten. Sie sprachen dann vom Ticken der biologischen Uhr. Sie konnten es wohl nicht ertragen, daß da eine Möglichkeit aus dem oberen Teil der Sanduhr rann, die Möglichkeit, ein Kind zu kriegen und Mutter zu werden. Vor die Wahl gestellt, ob sie auf diese Möglichkeit verzichten oder einen Haufen Belastungen auf sich nehmen wollten, wählten sie die Belastung.</p>
<p align="justify[/link]Und dabei setzten sie auf seine Hilfe. Was hatte er damit zu tun? Er konnte nicht Mutter werden. Bei ihm war die biologische Uhr schon bei der Geburt abgelaufen. Er mußte Karriere machen oder es wenigstens versuchen. Das sollte sich seine Frau mal vor Augen halten! Sollte sie sich doch mal vorstellen, was es für sie bedeuten würde, Vater zu werden! Und langsam wuchs in ihm der Verdacht, daß sie ihn ausgenutzt hatte. Er war als Erzeuger und Ernährer dieses kleinen, gefräßigen Monsters willkommen, aber nur insoweit er diese Funktion erfüllte. Sie hatte ihn in den Dienst ihres Mutterinstinkts gestellt. Er war verheizt worden, reines Kanonenfutter, mit dem der kleine Dauerfresser gemästet wurde. Plötzlich empfand er einen tiefen Groll gegen den Schreihals.</p>
<p align="justify[/link]Dieses Konkurrenzgefühl hat auch damit zu tun, daß ein Kind die Form von sinnloser und unverdienter Anbetung erntet, nach dem sein eigenes Ego ständig giert. Bewunderung ohne Grund, Liebe, ohne sich anstrengen zu müssen, bedient zu werden wie ein Pascha und herrisch sein zu können bis zur Absurdität - das alles mochte er auch. Das Kleinkind zeigt ihm das Leben, das er selbst heimlich führen möchte. Und so fühlt der Mann, wie leise Rivalitatsgefühle in ihm aufsteigen. Er erlebt einen Konkurrenten, der immer starker werden wird. Er wird ihm die Haare vom Kopf fressen. Zum Schluß wird dieses Monster im vollen Saft stehen, gemästet mit seinem Fleische, wahrend er selbst sich zum Sterben hinlegt. Das kleine Biest erinnert ihn an seine Sterblichkeit. Seitdem es da ist, hat er das Gefühl, daß es nur noch abwärts geht.</p>
<p align="justify[/link]Im Grunde hat er einen Widerwillen gegen das ganze Szenario. Aber das darf er nicht zeigen, denn die Rolle der Vater wird nicht mehr wie früher durch die Gesellschaft und die ganze symbolische Ordnung abgestützt. Sie wird allein aus dem moralisch-korrekten Gefühl der Väterlichkeit gerechtfertigt.</p>
<p align="justify[/link]Das aber kann nur wahrend einer gewissen Übergangszeit funktionieren. Denn wir erleben gerade eine der tiefstgreifenden sozialen Revolutionen, die es je gegeben hat: die Auflösung der Familie, wie wir sie bisher kannten. Danach wird wieder, wie am Anfang unserer Zivilisation, ein Anreiz dafür gefunden werden müssen, daß Männer die Väter spielen. Oder man verzichtet ganz auf ihre Rolle. Dafür gibt es schon etliche Anzeichen. Die Versorgerrolle wird durch die Leistungen der Gesellschaft ersetzt. Was früher die Familie tat, tun jetzt die Sozialhilfe, das Kindergeld, die Rentenzahlung und die behördliche Aufsicht. Eine ganze Bürokratie ist aus der Notwendigkeit entstanden, die fehlenden Vater durch die Verwaltung zu ersetzen. Schon die Sozialreformer im Kielwasser des Sozialismus und des Darwinismus haben gefordert, Mutterschaft solle als eine Art Beruf behandelt werden, den Frauen ergreifen könnten, um für die Reproduktion der Gattung von der Gesellschaft bezahlt zu werden.</p>
<p align="justify[/link]Werden nicht neue Prämien für die Vaterschaft gefunden, werden sich die Vater aus dem Staube machen. Das gilt um so mehr, als die wichtigste Gratifikation, die die Bindung des Mannes an die Familie bisher lohnend machte, inzwischen entwertet worden ist: die dauernde sexuelle Bereitschaft der Frau. Daß das nicht selbstverständlich ist, zeigen die zahlreichen Tiere, die die Sexualität auf Brunft und Paarungszeiten einschränken: Pferde werden rossig, Kühe stierig, Hunde läufig und Katzen rollig Der Mensch dagegen ist immer paarungsbereit. Wenn die soziale Struktur vorsieht, daß für jeden Mann nur eine Frau zugänglich ist, hält ihn das bei der Stange.</p>
<p align="justify[/link]Mit der sexuellen Revolution ist aber diese Beschrankung entfallen. Der Sex, früher ein knappes Gut, ist frei verfügbar. Stand einst am Ende der Liebesgeschichte die Gewährung der letzten Gunst, steht sie jetzt am Anfang. Das hat die Dramaturgie der Liebesgeschichte stark beschädigt. Ihre Dramatik diente ja dem Zweck, das Paar dem Erlebnis einer emotionalen Wildwasserfahrt auszusetzen, das sie nur miteinander und mit niemandem sonst teilten. Dramatisch aber wurde die Geschichte nur, wenn sie mit Hindernissen durchsetzt war, gleichwohl aber auf ein attraktives Ziel zusteuerte. Dann wurde die Liebesgeschichte zu einem gemeinsamen Initiationsritus, der das Paar aneinanderband. Die Sexualität wurde gewissermaßen in diese Intimität verwoben und persönlich eingefärbt. Liebe machte Sex persönlich. Er wurde dann als eine Form der Kommunikation neu stilisiert, und die Geschichte testete, ob die Partner im Stile ihrer Kommunikationsfähigkeit zueinander paßten.</p>
<p align="justify[/link]Heute ist der Sex eine Einstiegsdroge geworden. Damit wird getestet, ob sich die Fortsetzung der Beziehung überhaupt lohnt. Und da der Einstieg leicht ist, ist auch der Ausstieg leicht. Sex als Belohnung für väterliche Treue fallt damit weg.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]Hier kann ich mir einen kommentierenden Einschub nicht verkneifen: An dieser Stelle urteilt Schwanitz aus der Sicht seiner Generation, die die sexuelle Befreiung ausleben konnte. Heute dagegen sind wir längst wieder zurück in einer neuen Prüderie, die meiner Meinung nach keinesfalls nur durch Aids bedingt ist.</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Die Frauen haben in dieser Lage getan, was man immer tut, wenn man eine Erwartung durchhalten muß, die unrealistisch ist: sie haben die gefühlsmäßig begründete Vaterliebe zur Norm erhoben. Sie hegen die Vorstellung, daß die Väter an sich schon verhinderte Mütter seien. Daß sie die gleichen Emotionen gegenüber ihren Kindern empfänden wie sie, daß man sie nur von ihren notorischen Hemmungen befreien müsse, daß sie ihre verleugneten Gefühle herauslassen müßten und daß vermehrtes Training und ständiger Umgang mit den Kleinkindern schon die richtige Vaterliebe wecken wurden.</p>
<p align="justify[/link]Würden die sozialen Erwartungen in dieser Hinsicht erst einmal normalisiert — so glauben viele Frauen — und würde der Arbeitsmarkt darauf Rücksicht nehmen, würden die Hausarbeit und die Kinderaufzucht gleichberechtigt zwischen Mann und Frau geteilt.</p>
<p align="justify[/link]Zweifellos wäre das gerecht, und es wäre wünschenswert Aber eine moralische Norm schafft nur Sünder, leistet aber für die Erkenntnis wenig.</p>

<hr>

<p align="center[/link]Die Affaire hat nichts zu bedeuten</p>

<p align="justify[/link]Die radikalste Herausforderung an die symbolische Platzierung der Körper in der Kultur stellen aber sexuelle Beziehungen dar. Dabei geben zwei Menschen ihre Hoheitsrechte auf und eröffnen dem anderen eine generelle Zugangsberechtigung zu ihrem Körper. Deshalb ist der erste sexuelle Kontakt immer ein besonderes Ereignis. In ihm vollzieht sich die Auslieferung an einen bisher Fremden. Jeder der beiden erhält ein Privileg. Aber: Die Beziehung der Geschlechter in diesem Punkt ist ebenfalls wieder asymmetrisch. Das symbolisch wertvollere Territorium war und ist immer noch der Körper der Frauen. Hier entscheidet sich der Liebeskrieg. Daß der Mann bei der Eroberung seinen Körper miteinsetzt und zur Verfügung stellt, versteht sich von selbst. Weil er nicht als gefährdet gilt, ist er auch nicht schützenswert.</p>
<p align="justify[/link]Zwar ist weibliche Keuschheit heute keine Tugend mehr. Aber die Asymmetrie bleibt trotzdem erhalten: Ein Mann, der auf sexuelle Avancen nicht eingeht, bringt sich in den Verdacht der Unmännlichkeit. Und verteidigt er gar seine Keuschheit, ist er kein Mann, sondern ein Trottel. Bei der Frau ist zwar die moralische Begründung weggefallen, aber bei aller Promiskuität bewirtschaftet sie den Zugang zu ihrem Körper nach wie vor als knappes Gut. Sonst kann sie ihn nicht als Privileg vergeben. Würde sie ihn jedem anbieten, wäre ihre Sexualität nichts mehr wert. Das aber hieße, sie würde auf die Anerkennung als Person verzichten und sich in der Sexualität als Ding behandeln lassen.</p>
<p align="justify[/link]Beim Sex wird nämlich die Dinghaftigkeit des Körpers unübersehbar. Man gebraucht den Körper des anderen, um ihn zu genießen. Aber nur, weil der andere das erlaubt, ist er, obwohl er als Ding behandelt wird, in der Sexualität doch als Person gemeint. Dies wird dann als Paradox erlebt: man spürt den Körper des anderen und erlebt ihn gerade darin als Person. Denn es ist die Person allein, die einem die Zugangsberechtigung zu ihrem Körper einräumt Und nur eine Person kann handeln Die Exklusivität sorgt dafür, daß dieser Bezug auf die Person deutlich gemacht wird Und so ist die Exklusivität also das Mittel, mit dem die Sexualität in die kulturelle Ordnung integriert wird.</p>
<p align="justify[/link]Darum bedarf es im Verhältnis von Mann und Frau einer grundsätzlichen Asymmetrie. Sie begründet die für Frauen so schwer verständliche Leichtfertigkeit der Männer in puncto Treue. Nach einem Seitensprung erklären die meisten der Ertappten, der Ausrutscher »bedeute gar nichts«. Sie liebten ihre Ehegefährtinnen weiterhin tief, innig und aufrichtig. Die ganze Sache habe mit ihnen gar nichts zu tun. Und sie erwarten, daß ihnen das geglaubt wird. Die Frauen aber halten diese Erklärungen für den Gipfel der Heuchelei. Und sie wundern sich über die Dreistigkeit, mit der sie vorgebracht werden. Sie übersetzen das männliche Verhalten nämlich in ihren eigenen Treuecode, und da hat die Erlaubnis, das Grundstuck ihrer Intimzone zu betreten, eine erhebliche Bedeutung.</p>
<p align="justify[/link]Für den Mann dagegen bedeutet die Preisgabe seiner Intimregionen sehr wenig. Geht er fremd, bleibt sein Körper unbetroffen. Die symbolisch bedeutsame Handlung vollzieht sich anderswo. Männer sind also ehrlich, wenn sie behaupten, es habe nichts zu bedeuten. Für sie ist Promiskuität eine Bestätigung ihrer Männlichkeit. Sie haben nicht das Gefühl, ihre Frauen oder Geliebten zu berauben. Es ist ja nicht ihr Körper, der erobert wird. Vielmehr erobert er selbst. Und der Mann braucht hin und wieder dieses Invasionsgefühl. Das Empfinden, daß ihm ein Privileg zuerkannt wird. Seine eigene Gattin hat das symbolische Kapital der Exklusivität langst ausgegeben. Ihr Portemonnaie ist leer. Sie muß Verständnis dafür haben, daß er eine kleine Erfrischung braucht. Natürlich liebt er sie weiterhin. Das versteht sich ja von selbst. Aber so eine kleine, winzige Prise Testosteron wird ja noch erlaubt sein.</p>
<p align="justify[/link]Sie aber glaubt, er begehre sie nicht mehr. Sie rechnet sich die Unattraktivität als Eigenschaft zu. Sie bezieht das auf ihr Aussehen, auf die zu breiten Hüften, den schlaffen Bauch und die hangenden Brüste. Und damit rennt sie in die Falle des Irrtums. Mit ihrem Aussehen hat das alles nichts zu tun. Sie konnte sich die Diäten und Kuren und Abmagerungstorturen, all die Fitness- und Muskelaufbauprogramme sparen. Die Vorstellung, daß Männer sich vor Fettmassen ekeln, ist eine weibliche Zwangsidee; sie selbst ekeln sich wahrscheinlich davor. Männer dagegen lieben alles Schwabbelige. Schließlich ist es ein Geschlechtsmerkmal.</p>
<p align="justify[/link]Die Erklärung für die Affairen der Männer findet man nicht im Aussehen der Frauen, sondern m einem dramaturgischen Muster. Ein Mann wird durch den sexuellen Kontakt mit einer Frau nicht befleckt und besudelt. Auf seinem Körper bleibt keine Spur zurück. Und er verschleudert auch nichts, was eigentlich seiner Frau gehört. Wo diese Schätze herkommen, so denkt er, ist noch mehr. Das ist wahrhaftig kein knappes Gut. Das Ovum einer Frau ist vergleichsweise selten. Die Spermatozoen des Mannes zahlen in die Millionen. Was macht es da aus, wenn er von dem Reichtum etwas verschenkt? Die gute Luise, soll man ihr nicht auch etwas gönnen? Er ist ein Samariter, ein Schenkender und Wohltäter. Und er erwartet von seiner Frau, daß sie das auch so sieht.</p>
<p align="justify[/link]In der Symbolik des erotischen Szenarios ist der Körper der Frau dramatisch so viel bedeutender, daß der Zugang zu ihm sehr viel mehr zahlt als der zum Körper des Mannes. Und deshalb geht er leichter und mit gutem Gewissen fremd.</p>


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