Brief an tagesschau.de
Als Antwort auf: Interessanter Artikel über Al Dschasira von Andreas am 11. Mai 2004 22:17:15:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe mir gerade auf Ihrer Website das Interview mit dem
Chefredakteur von "Al Dschasira" Al Scheik durchgelesen.
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3263076_TYP6_THE_NAVSPM1_REF1_BAB,...
Vielen Dank für diesen Beitrag! Hier zeigt sich wieder einmal
hervorragend, welchen Stellenwert das Leben von Männern in unserer
Gesellschaft, in den Medien und der Menschenrechtsdiskussion
einnimmt. Besonders interessant sind folgende Passagen:
---
tagesschau.de: Trotzdem gehen die Berichte von Ihren Mitarbeitern und
US-Militärsprechern weit auseinander - etwa bei der Belagerung der
Stadt Falludscha. In einem Bericht der britischen Nachrichtenagentur
AP wird ein Militärsprecher zitiert mit den Worten, es handele sich
bei 95 Prozent der zivilen Opfer um "Männer im wehrfähigen
Alter". Ihr Korrespondent sprach von Frauen und Kindern.
...
Al Scheik: Ich habe mich auf die Darstellung der US-Armee bezogen,
die durchweg den Anschein erwecken will, dass es sich in Irak um
militärische Auseinandersetzungen handelt. Unser Bild ist das eines
Krieges der martialisch ausgerüsteten US-Armee gegen die Bevölkerung.
Die dokumentierten Konsequenzen geben uns Recht. Wenn unsere
Kamerateams in Krankenhäusern filmen, dann zeigen sie unter den
Opfern eine erhebliche Anzahl von verletzten Kindern, Frauen und
alten Menschen mit Schuss- oder Splitterverletzungen. Ich frage mich,
ob das die Männer im wehrfähigen Alter sind, von denen die AP-Meldung
berichtet. Ich frage mich, ob diese Frauen, Kinder und alten Menschen
militärische Ziele für die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika
sind.
---
Folgende Formulierung ist dabei im Zusammenhang mit der Aussage des
US-Militärs besonders aufschlußreich:
"Ich frage mich, ob das die Männer im wehrfähigen Alter sind,
von denen die AP-Meldung berichtet. Ich frage mich, ob diese Frauen,
Kinder und alten Menschen militärische Ziele für die Armee der
Vereinigten Staaten von Amerika sind."
Wohlgemerkt: es soll sich bei diesen Männern um zivile Opfer handeln!
Ich frage mich: Was will mir Al Scheik damit eigentlich sagen?
Offensichtlich ist er der Ansicht, daß jeder Mann im wehrfähigen
Alter ein legitimes Ziel darstellt, das einfach erschossen werden
kann. Und wenn er die Behauptung des US-Militärs kritisiert, 95% der
zivilen Opfer seien Männer im wehrfähigen Alter gewesen, dann doch
nur unter der Voraussetzung, daß eben durch die Nennung von Männern
als (Haupt)Opfer die Auseinandersetzung um Falludscha in den Medien
und der internationalen Diskussion keine große Gewichtung erhält - es
wurden ja schließlich nur Männer getötet! Sonst macht seine Kritik
überhaupt keinen Sinn. Er geht also von einem international gültigen,
impliziten Codex aus, der die gewaltsame Vernichtung von Männern im
Krieg gewissermaßen zur vernachlässigbaren
"Ordnungswidrigkeit" herabstuft - zumindest solange diese
Männer im "wehrfähigen Alter" sind. Hier zeigt sich vor
allem deutlich, was allgemeinhin unter "Menschenrechten"
verstanden wird - und daß Männer in Kriegszeiten offensichtlich von
diesen Rechten ausgenommen sind. Tote Männer? Wen kümmern die schon?
Ihnen kann ich natürlich in dieser Hinsicht keinen Vorwurf machen,
Sie haben das Interview schließlich nur wiedergegeben. Allerdings
zeigt mir das Gespräch mit Al Scheik, daß es in dieser Welt trotz
aller trennenden Unterschiede zwischen den Völkern doch ein
universelles Kulturgut gibt: den Wahnsinn!
gesamter Thread:
- Interessanter Artikel über Al Dschasira
-
Andreas,
12.05.2004, 01:17
- Brief an tagesschau.de - Andreas, 12.05.2004, 01:53