Rechenkünste
Eugen Prinz, Friday, 28.05.2004, 01:01 (vor 7963 Tagen)
In der Zeitung fand ich Leserbriefe zum Thema Kinder/Kinderlosigkeit.
Ein Verfasser schreibt:
"Eine Familie wird für ein Kind bis zu dessen 18. Lebensjahr mit rund 350 000 Euro belastet. Der Staat beteiligt sich daran zu rund 30 Prozent. (Diese Angaben können leicht im Internet durch statistische Infos seriöser Datenanbieter nchvollzogen werden)."
Ein anderer schreibt:
"Angesichts einer wissenschaftlich nachgewiesenen "Transferausbeutung" der Familien durch die Kinderlosen in Höhe von etwa 100 Milliarden Euro jährlich ist es unerträglich..."
Solche Rechenkünste scheinen sehr populär zur Zeit. Dass sie absurd sind, weiß ich selbst. Aber wie kann man damit umgehen?
Eugen Ratlos
Re: Rechenkünste
Manfred, Friday, 28.05.2004, 01:27 (vor 7963 Tagen) @ Eugen Prinz
Als Antwort auf: Rechenkünste von Eugen Prinz am 27. Mai 2004 22:01:39:
Solche Rechenkünste scheinen sehr populär zur Zeit. Dass sie absurd sind, weiß ich selbst. Aber wie kann man damit umgehen?<
Indem wir auf die Mündigkeit des potentiellen Lesers vertrauen?
Hm, jetzt bin ich ratlos und deprimiert.
Im Ernst: nur durch nüchterne Sachlichkeit glaube ich. Und vorrechnen lassen! Aber es ist klar, wer sich mit seinen Hirngespinsten hinter kaum noch durchschaubarem Argumentationsdickicht verbirgt, dessen Glaubwürdigkeit hängt dann beinahe nur noch davon ab, wie souverän die Lüge ins Volk transportiert wird.
Deswegen: wer das UFO gesehen hat muß den Beweis dafür erbringen, nicht der Rest der Welt den Gegenbeweis!
Gruß,
Manfred
Re: Rechenkünste
Eugen Prinz, Friday, 28.05.2004, 01:54 (vor 7963 Tagen) @ Manfred
Als Antwort auf: Re: Rechenkünste von Manfred am 27. Mai 2004 22:27:51:
Deswegen: wer das UFO gesehen hat muß den Beweis dafür erbringen, nicht der Rest der Welt den Gegenbeweis!
Sehr treffend!
Diese Rechenkünste werden z.B. von der Familienpartei unters Volk gebracht - ein Dokument der Dummgierigkeit. Was ein Säugling oder auch ein Schüler mit ca. 1500 Euro im Monat anfängt, muss man mir erstmal erklären
Bemerkenswert der Satz: 30 Prozent werden vom Staat beigesteuert. "Vom Staat"...
Der Staat zahlt garnichts. Er verteilt nur um. Wem nimmt er es weg, wenn er den Familien was dazu gibt? Eben!
Oh Jesses, es werden jeden Tag mehr Baustellen.
Auch ratlos, auch deprimiert.
Eugen
Re: Rechenkünste
Garfield, Friday, 28.05.2004, 16:19 (vor 7963 Tagen) @ Eugen Prinz
Als Antwort auf: Re: Rechenkünste von Eugen Prinz am 27. Mai 2004 22:54:31:
Hallo Eugen!
Ja, das ist eben die allgegenwärtige Dummheit, gepaart mit Egoismus. Also eben das typische Gutmenschentum. Der klassische Gutmensch denkt und handelt nach folgendem Motto: "Ich bin gut; wer nicht ist wie ich, der ist böse. Daraus folgt - den Bösen muß man etwas wegnehmen, um es mir zu geben und damit die Welt besser zu machen."
Wenn sowas in die Politik hineintrieft, dann ist das natürlich fatal, weil Dummheit und Egoismus selten etwas Gutes bewirken. Diese "Familienpartei" ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn die an die Macht kämen, würden sie dafür sorgen, daß Eltern noch weitaus mehr alimentiert werden, und das könnte nur auf Kosten derer geschehen, die keine Eltern sind oder deren Kinder schon erwachsen sind. Die würden also am Monatsende immer weniger bekommen und so jegliche Motivation zu legaler Arbeit bald verlieren.
Vielleicht würde das tatsächlich einen Anstieg der Geburtenzahlen bewirken, aber die zusätzlichen Kinder würden die öffentlichen Kassen auch zusätzlich belasten. Um die Alimentierung der Eltern weiter zu finanzieren, müßte man also die Steuern noch weiter erhöhen, was noch mehr Menschen in die Schwarzarbeit treiben würde. Damit würde eine sinkende Zahl von Netto-Zahlern einer steigenden Zahl von Netto-Nehmern gegenüber stehen. Verschärfen würde sich das noch dadurch, daß viele Schwarzarbeiter natürlich auch noch Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe beziehen würden.
Schnell wäre dann der Punkt erreicht, wo der ganze Unsinn nicht mehr finanzierbar wäre. Man müßte also die Leistungen für Eltern rigoros kürzen oder gar ganz abschaffen. Das würde gerade kinderreiche Familien in unlösbare finanzielle Probleme treiben. Der bereits angerichtete Schaden in unserer Gesellschaft ließe sich aber so auch nicht mehr rückgängig machen.
Und wenn die vielen Kinder dann erwachsen wären, dann würden sie massenweise entweder arbeitslos sein oder ebenfalls schwarz arbeiten. In beiden Fällen würden sie netto keine Rentenbeiträge zahlen (denn auch die vom Arbeitsamt gezahlten Beiträge kommen ja aus den öffentlichen Kassen, müssen also durch Sozialabgaben und Steuern finanziert werden). Somit wäre noch nicht einmal das Rentenproblem gelöst, sondern es würde sich durch diese zusätzliche Belastung der öffentlichen Kassen sogar noch verschärfen.
Wenn jemand behauptet, er oder sie würde durch Kindererziehung einen heroischen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten, der gar nicht hoch genug bezahlt werden könne, dann ist das schlichtweg Unsinn. Mit mindestens dem gleichen Recht könnte jeder auf Vollzeit Berufstätige ohne Kinderfreibeträge und ähnliches darauf verweisen, daß er zu denjenigen gehört, die die meisten Steuern zahlen und damit unsere Gesellschaft finanzieren, und daß er deshalb dringend Steuererleichterungen braucht. Oder daß man ihm zumindest die Kfz-Steuern erlassen müsse, wenn er ohne Auto seine Arbeitsstelle nicht oder nur sehr umständlich erreichen kann.
Tatsächlich arbeitet aber niemand nur deshalb, um möglichst viel Steuern zahlen zu können. Und niemand bekommt ein Kind, um damit irgendwelche Renten- oder sonstigen Probleme zu lösen. Wer Kinder in die Welt setzt, tut das für sich selbst und nicht für die Gesellschaft. Da unsere Gesellschaft nun einmal Nachwuchs braucht, um weiter existieren zu können, ist es durchaus angemessen, Eltern steuerlich nicht so stark zu belasten. Aber man sollte dabei immer sehen, daß diese Entlastungen ja bereits von denjenigen finanziert werden, die keine Kinder haben oder deren Kinder bereits erwachsen sind. Angesichts dessen ist es nicht gerade fair, immer noch mehr zu fordern.
Interessant ist auch: Wenn Kinder für ihre Eltern eine finanzielle oder sonstige Belastung darstellen, wird immer nach Entlastung gerufen. Wenn Kinder aber zur Belastung für andere werden, dann muß das auf einmal akzeptiert werden. Während Katzenbesitzer schon gerichtlich dazu verdonnert wurden, ihren Katzen beizubringen, das Nachbargrundstück nicht zu betreten und so mancher Hundebesitzer darüber nachdenken muß, wie er seinem Hund klar macht, daß er maximal 50mal am Tag bellen darf, haben Kinder jegliche Narrenfreiheit. Obwohl man Kindern im Gegensatz zu Tieren sehr wohl Rücksichtnahme beibringen kann und sogar muß. Trotzdem muß beispielweise ein Schichtarbeiter, der nachts arbeiten und tagsüber schlafen muß, hinnehmen, wenn Kinder direkt neben seinem Schlafzimmerfenster aus Leibeskräften brüllen. Und ich habe es noch nie erlebt, daß in Mietshäusern Eltern mal zu Mietern ohne Kinder sowas gesagt haben wie: "Unsere Kinder machen ja im Flur den meisten Dreck, also wäre es doch fair, wenn ihr nur noch alle drei Wochen den Flur putzt und wir die übrige Zeit putzen." Daß Kinderlose mit ihren Steuern aber Kinderfreibeträge, Kindergeld usw. zu finanzieren haben, um Eltern finanziell zu entlasten, gilt natürlich als selbstverständlich.
Wenn sich also mal jemand über Kinder anderer Leute beschwert, dann heißt es, daß es doch nur Kinder wären, man müsse doch ein Herz für Kinder haben, sie wären doch unsere Zukunft, und da müsse man eben Beeinträchtigungen in Kauf nehmen... Für Eltern dagegen gilt das nicht so unbedingt. Da müssen Beeinträchtigungen durch Kinder plötzlich nicht in Kauf genommen werden, sondern werden immer wieder als Anlaß genommen, um neue Forderungen nach Entlastung zu stellen.
Freundliche Grüße
von Garfield
Re: Rechenkünste
Eugen Prinz, Friday, 28.05.2004, 18:42 (vor 7963 Tagen) @ Garfield
Als Antwort auf: Re: Rechenkünste von Garfield am 28. Mai 2004 13:19:48:
Und ich habe es noch nie erlebt, daß in Mietshäusern Eltern mal zu Mietern ohne Kinder sowas gesagt haben wie: "Unsere Kinder machen ja im Flur den meisten Dreck, also wäre es doch fair, wenn ihr nur noch alle drei Wochen den Flur putzt und wir die übrige Zeit putzen."
Hallo Garfield,
gutes Beispiel! Das Gerechtigkeitsempfinden scheint tatsächlich meist nur in eine Richtung zu funktionieren.
Ich habe garnichts gegen Kinder, ich liebe sie sogar, die kleinen Rotznasen (aber ganz unter uns - sie sind natürlich eine Art Umweltverschmutzung
Die Heiligen hier mögen bitte darüber hinweg lesen, die anderen wissen wovon ich rede).
Nein, im Ernst, mein Vorwurf geht nicht an die Kinder. Er geht schließlich auch nicht an die Hunde, die auf den Bürgersteig scheißen, sondern an deren Besitzer.
"Transferausbeutung der Familien durch die Kinderlosen..." solche abstruse Poesie sogenannter Familienparteigänger ist nichts anderes als die verquere Mengenlehre lobbyistischer Gier.
Gruß von Eugen