Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: volle Zustimmung

Anti-Sexistin, Saturday, 05.06.2004, 14:32 (vor 7955 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Re: volle Zustimmung von Arne Hoffmann am 04. Juni 2004 21:23:15:

Hi susu,

J.Butler.

Argl! Naheliegend, aber: Nee, nicht erkannt.
Hey, wir könnten ja mal Feministinnen-Raten machen. ;-)
Wobei ich von Französinnen so wenig Ahnung hätte wie umgekehrt Schwarzer von Amis.

Die Positionen in Deutschland sind alt und es gibt auch personell kaum Nachwuchs. AS beklagt das, ist aber eine der Verursacherinnen.

Stimmt vermutlich beides. Wobei man andererseits fragen könnte: Was hätte AS tun können, damit solcher Nachwuchs entsteht?

Letztes Jahr war in der EMMA ein Artikel zum Poststrukturalismus. Da stand ungefähr folgendes: "Alles Quark" als Begründung folgte ein Artikel, den die EMMA erstmalig 84 gedruckt hatte. Also 6 Jahre bevor "Gender Trouble" erschien und die ganze Sache erst richtig anfing. Damit stoßen sie natürlich der ganzen Generation vor den Kopf, die sich nicht mehr auf De Bauvoirs Buch von 49 bezog, sondern auf das, was in den frühen 90ern durch Butler, etc. hervorgebracht wurde. Nach dem Motto: Wir wusten schon vorher, daß das nix werden würde. Und damit zeigten die Macherinnen der EMMA, daß sie nach 12 Jahren potentieller Rezeption noch immer nichts begriffen hatten.

Hm, ja, Schwarzer recycelt ja auch in ihren Büchern vorwiegend alte Texte und meint dazu: "Seht ihr, haben wir damals schon gesehen, stimmt immer noch." Kein Wunder, dass sie mit maskulistischen Thesen erst recht nichts anfangen kann. Oder mit der Entwicklung in der Pornographiedebatte, SM, Postgender, weibliche Sexualgewalt etc. Werden wir auch mal so, wenn wir alt sind? Dann hätte Marie Juana keinen Grund, auf mein "Alterswerk" zu warten.
Gott, wir bräuchten wirklich mal eine prominente Nachwuchs-Feministin mit neuen Ansätzen ... Wobei die meisten hier vermutlich finden, wir bräuchten vor allem mehr Nachwuchs-Maskulisten, aber das eine schließt das andere ja nicht aus.
Herzlicher Gruß
Arne

Hi nochmals,

Poststrukturalismus ist Quatsch. Klar, Elementarteilchenforschung ist vor dem Hintergrund der Festkörperphysik auch Quatsch.

Das Schlimme an Journalisten und Kolumnisten ist oft, daß sie meinen, für ihre Leser wissenschaftliche Ergebnisse beurteilen zu müssen. Dies traue ich nur einem langjährigen und gut spezialisierten Fachjournalisten zu.

Schwarzer war immer - gibt sie auch zu - Autodidaktin. Eine wissenschaftliche Ausbildung hat sie nie genossen. In die Theorien Sartres und Beauvoirs hat sie sich so durchgelesen, was ja auch okay ist, obwohl Franzosen dabei das Kotzen bekämen, da der Philosophieunterricht in Frankreich nur was für harte Nerven ist, während in Deutschland fast an allen Universitäten ebenfalls autodidaktisch vorgegangen wird. Also nicht anders als Schwarzer. Sie hat ebenfalls Sartre und Beauvoir interviewt, hatte auch Kontakt zu Monique Wittig. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie jemals den "Lesbischen Phallus" gelesen hat.

Ich schließe mich susu an. Schwarzer ist nun völlig überholt, genauso wie der alte Feminismus. Allerdings habe ich letztlich mal wieder in Beauvoirs "Anderes Geschlecht hineingelesen". Mir scheint, selbst für Gender-Theorie ist es nicht vollständig überholt. Die EMMA lese ich nur beim Frauenarzt. Aber auch nur, weil ich nicht auf das "Goldene Blatt" stehe, das da sonst noch herumliegt.

Daß es keine guten Nachwuchs-Feministinnen gibt, ist allerdings nicht allein die Schuld von Alice Schwarzer. Der Journalismus ist nicht die einzige Instanz, in der Feminismus und Maskulismus auftauchen können. Ein Blick in die Universitäten zeigt da noch mehr. Klar, es gibt feministische Lehrstühle in Deutschland. Auffällig ist hierbei, daß sie oft mit Frauen besetzt sind, die über Lessings Nathan oder die Droste eine zahme Habil geschrieben haben. Sozial-verträglich verträglich, nett, lieb, fernab jeder feministischen Theorie oder solcher Kenntnisse in diesem Bereich. Dies hat nicht unbedingt damit was zu tun, daß unsere Männerdomäne Geisteswissenschaften keine Feministin auf einem feministischen Lehrstuhl ertragen könnte. Keineswegs! Die Gründe liegen vielmehr - wenn ich es richtig sehe - darin, daß die meisten neueren feministischen und postfeministischen Theorien sehr stark von der Dekonstruktion beeinflußt sind (Derrida lehnt das Wort "Poststrukturalismus" für sich ab, er spricht ausschließlich von Dekonstruktion. Ismen sind zutiefst metaphysisch und jemand, der Metaphysik dekonstruiert - hierfür steht Derridas gesamtes Frühwerk - sieht in einem solchen Begriff das absolute Gegenteil dessen, was er tut und damit will), kriegen hier die Profs, die fast alle gewendete und vom Establishment bestochene Alt-68er sind (deshalb mögen sie Goethe, der war im Grunde auch so einer:-)) die Krise mit der Dekonstruktion. Erst mal ist sie schwer verständlich. Sie liegt weitab dessen, was in Deutschland zum geisteswissenschaftlichen Kanon gehört(e) (z.B. die Schrifttheorie). Dann kommen diese Philosophen alle aus der französischen 68er-Bewegung, sind allerdings theoretisch anders gestrickt: keine sinnsuchende hermeneutische Lektüre mehr von Texten, sondern - die Linguistik einbeziehend - eine Dekonstruktion aufgrund der "Flüssigkeit" des Signifikanten. Als Lektüre ist Dekontruktion etwas, was die Adern der Sinnstiftung im linguistischen Feld aufspürt, indem sie Texte gegen den Strich liest. Die Ergebnisse - soweit man sie versteht - waren völlig kritische und hochinnovative Interpretationen von Texten, doch keineswegs deren Zerstörung (dummerweise verwechseln viele, die sich nie gründlich damit befaßt haben, Dekonstruktion mit Destruktion, auch wenn Derrida zweifellos jede Form der Analyse/Interpretation für einen Akt der Gewalt und Vergewaltigung hält, aber dies ist noch anders gemeint, als seine Nicht-Versteher es gerne haben wollen). Als Beispiel möchte ich nur anführen, was für platte und relativ dünne Interpretionen in der Folge Diltheys "Das Erlebnis und die Dichtung" ("Ein Geier war bei Goethe ein Adler, ach, und dieses herrliche Gedicht, ja, so habe ich mich auch schon mal gefühlt" - dafür muß man nicht mal studiert haben), und welche Interpretationen Derrida z.B. auf dekonstruktiv-linguistischer Basis aus Nietzsche, Freud etc. herausholt.

Nun, haben hier deutsche Professoren ein gewaltiges Problem a) mit ihrer 68er Vergangenheit b) mit der Dekonstruktion.

Dekonstruteure sind auch Alt-68er. Sie wollen nicht die Revolution, sie wollen die Subversion. Sie haben einen Machtbegriff, den Marx so nie gekannt hat. Das alles läuft auf die Frage hinaus: wie revoltiert man gegen gescheiterte Ex-Revoluzzer? Hierin sehe ich das Hauptproblem, daß es in Deutschland keinen guten feministischen Nachwuchs gibt. Ein Problem, daß sich sicherlich auch mal dem Maskulismus stellen wird, sobald auch die Basis besseren Kontakt mit den Akademikern hat.

Und was mich noch vielmehr wundert ist: ich kenne zig Profs aus den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Gleiche Altersstruktur, doch nur den Geisteswissenschaftlern gelingt es nicht, auf dem aktuellen Forschungsstand zu bleiben. Sehr sehr seltsam. Diese Fachbereiche sind ausgesprochen reformbedürftig. Erst dann wäre der Boden geschaffen, für akademischen Maskulismus und Feminismus.

Gruß

Anti-Sexistin


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