Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

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Liste Femanzen Kategorie Journalie7 (Liste Femanzen)

verfasst von Oberkellner(R), 28.12.2011, 11:03

Karin Fagetti (CH, Tagblatt)

Richterinnen im Spiegel der Zeit: Das Thema haben drei Frauen der Universität St. Gallen untersucht. Vom Kampf um Geschlechtergerechtigkeit profitieren alle, heisst ihr Fazit. Frauen sind logisch und Männer sensibel, auch auf dem Richterstuhl.
karin Fagetti
Justitia ist zwar eine Frau, mütterlich und blind und dazu da, die kriegerischen Männer zur Raison zu bringen. Aber auf dem Richterstuhl sassen in der Schweiz bis Anfang der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts fast ausschliesslich Männer, die «logischen, sachlichen und objektiven» Männer.
Erst als 1972 die Ostschweizerin Margrith Bigler-Eggenberger erste Richterin auf Bundesebene wurde, begann ein neuer Zeitabschnitt in der schweizerischen Rechtsprechung. «Ich hielt es wie die erste Bundesrichterin am Verwaltungsgericht in Berlin: Wie diese wollte ich auf keinen Fall der 28. und später der 30. Mann im Bundesgericht sein und habe bewusst mein <So-Sein> als Frau gepflegt und – glaube ich – auch weitgehend durchgesetzt», sagt Bigler-Eggenberger in dem ihr gewidmeten Buch rückblickend.
Richterinnen sind anders
Urteilen Frauen anders? Erleben Richterinnen Moraldilemmata oder Konflikte anders? Wie empfinden Frauen das Spannungsverhältnis von Recht und Gerechtigkeit? Solche Fragen drängten sich nach dem Amtsantritt der ersten Richterinnen auf.
Jetzt suchten Revital Ludewig, Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen für Rechts- und Organisationspsychologe, und die HSG-Juristinnen Kathleen Weislehner und Evelyne Angehrn Antworten auf diese Fragen. Sie kommen bei ihren Untersuchungen, wie auch andere Bereiche der Genderforschung, zum Schluss, dass die Emanzipation der Frauen letztlich beiden Geschlechtern nützt. Geschlechterstereotypen verschwinden oder schwächen sich ab, vielfältigere und unterschiedliche Frauen- und Männerleben werden nicht nur am Rande toleriert, sondern etablieren sich mittendrin.
Margrit Bigler-Eggenberger bilanziert 74-jährig: «Es ist schwer zu ertragen, das Gefühl, nie völlig ernst genommen oder gar versteckt oder offen abgelehnt zu werden. Frau hat stets anzukämpfen gegen mehr oder weniger starke Zweifel, ob sie es denn auch wirklich schaffe.» Während demnach die erste Richterinnen-Generation noch mit harten Vorurteilen konfrontiert war, lösten sich die Probleme später zwar nicht in Luft auf, aber die Geschlechterfrage wandelte sich zumindest um in die pragmatischere «Wie organisiere ich Familie und Beruf»-Frage. Angela Marfurt-Jahn, 44 Jahre, sagt: «Wir müssen nicht mehr besser sein als unsere männlichen Kollegen. Wir dürfen weiblich kommunizieren, müssen aber akzeptieren, dass es nicht das Vorrecht der Frauen ist, sensibel zu sein.» So ist auch die Frage nach unterschiedlicher Wahrnehmung von Moraldilemmata keine Geschlechterfrage, sondern eine Frage des individuellen Wertebildes.
Und entgegen der vielleicht landläufigen Meinung entscheiden Richterinnen nicht automatisch frauenfreundlicher als Männer. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass Richter Frauen milder bestrafen als Richterinnen.
Erst Frauen, dann Richterinnen
Das Buch der drei HSG-Frauen verdeutlicht vor allem, dass auch Richterinnen in erster Linie Frauen sind, die mit den üblichen Problemen in «Männerberufen» konfrontiert waren oder sind.
Zwar geben weit mehr Richterinnen als Richter an, aufgrund des Geschlechts schon benachteiligt gewesen zu sein, aber nicht nur Richterinnen erleben, dass Männer ihre Sessel nicht freiwillig räumen. Nicht nur sie arbeiten ab und zu in einem Umfeld, das mit vielen schön klingenden Worten den Unterschied von herausfordernder Komplexität und bequemem Formalismus vernebeln will. Und nicht nur Justitia war lange Zeit von Männern umgeben, die (Schein)rationalität für echte Logik hielten.
Aber wenn Justitia, und das ist vielleicht das Wesentliche in diesem Buch, weiblicher wird, führt gerade diese hart erkämpfte Vielfalt zu mehr Gerechtigkeit – für alle. Eben weil auf dem Richterstuhl heute Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen sitzen und versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Ludewig, Weislehner und Angehrn arbeiten das schön heraus. Und vergessen nicht zu erklären, warum es Frauen wie Margrith Bigler-Eggenberger dazu brauchte und braucht. Risikobereite Frauen, die ihr Frausein schätzen und trotzdem bei Beleidigungen und Schwierigkeiten nicht einfach zu den «Waffen der Frau» greifen und sich heulend ins Privée zurückziehen.
Zwischen Recht und Gerechtigkeit, Richterinnen im Spiegel der Zeit. Herausgeberinnen: Revital Ludewig, Kathleen Weislehner, Evelyne Angehrn. Stämpfli Verlag AG, Bern 2007, Fr. 58.90.

http://www.tagblatt.ch/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/kultur/tb-bu/art885,120202

Melanie Mühl (faz)

Eine ganze Generation junger Frauen findet, sie brauche den Feminismus nicht mehr. Vergnügt genießt sie die Illusion, sie hätte ihre Lebensumstände frei gewählt. Das ist naiv.
Hoffentlich wird es ein Junge.“ Diesen Satz sagte neulich eine Freundin am Telefon, sie klang gehetzt, denn sie hatte es eilig, sie war unterwegs zum Frauenarzt und würde dort erfahren, ob sie bald rosafarbene oder blaue Strampelanzüge besorgen muss. Sie sagte noch: „Für Jungs ist das Leben viel leichter.“ Dann legte sie auf, doch ihr Satz hallte nach.
Drei Tage später lag auf dem Schreibtisch ein Buch. Der Titel: „Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung“. Geschrieben hatte das Buch eine Frau Anfang dreißig, ihr Name ist Michèle Roten, sie ist verheiratet, Mutter eines kleinen Sohnes und Kolumnistin beim Magazin des „Tages-Anzeiger“. Man könnte auch sagen, Michèle Roten ist eine erfolgreiche Frau. Woher also kommt ihre Verwirrung? Kokettiert sie? Ist ihr womöglich trotz Kind langweilig, und sie wollte einfach nur ein Buch schreiben? Befindet sie sich inmitten einer Sinnsuche?
Die erfolgreiche Frau mit der perfekt sitzenden Frisur
Nichts davon trifft zu. Michèle Roten ist nur wie die meisten Frauen ihrer Generation in dem festen Glauben aufgewachsen, dass Männer und Frauen dieselben Rechte und Pflichten haben, dass zwischen den Geschlechtern alles eine Frage des geschickten Verhandelns ist und die gesellschaftlichen Strukturen Frauen nicht von vornherein diskriminieren. Frauen können studieren, zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung wählen oder gar nicht arbeiten, Kinder kriegen oder nicht, sie selbst aufziehen oder außer Haus betreuen lassen. Sie können die Scheidung einreichen und eine Frau heiraten. Frauen sind die Autorinnen ihrer eigenen Biographie. Wozu also noch Feminismus? Oder, wie Roten es ausdrückt: „Warum sollte ich Unterstützung brauchen, wenn ich meinen Weg doch gänzlich unbehindert gehen kann! Für mich lief alles super! Dank Alice Schwarzer und ihren Frauen! Sie haben ihr Ziel erreicht: für mich eine bessere Welt zu schaffen! Et voilà! Merci! Und jetzt abtreten, bitte.“
Fragt man junge Frauen, was sie unter einer Feministin verstehen, fallen Wörter wie alt, verbittert, hässlich, frigide und uncool. Rotens weibliches Rollenverständnis prägte die Frau aus der 3-Wetter-Taft-Haarspray-Werbung. Erinnern wir uns kurz: Der Spot zeigt eine dunkelblonde, aufwendig geföhnte Frau im Kostüm, die in Hamburg, wo es regnet, einen Privatjet besteigt und im windigen München einen Zwischenstopp einlegt, bevor es weiter nach Rom geht. Dort brennt die Sonne. Die Frau steigt aus, in der Hand eine Aktentasche. Sie ist bester Dinge: Ihre Frisur sitzt. Was für ein naives Frauenbild, denkt man. Aber ist es das wirklich? Schließlich wird schon Mädchen vermittelt, dass die Welt keine Männerwelt mehr ist, dass auch ihnen alles offensteht, sie müssen nur Fleiß, Talent und Ehrgeiz mitbringen. Mädchen spielen auf dem Schulhof Fußball mit den Jungs, besuchen den Werkunterricht, schreiben die besseren Noten in naturwissenschaftlichen Fächern, studieren erfolgreicher. Überall ist von der Krise des Mannes und den großartigen Zukunftsaussichten der Frauen die Rede.
Es siegt doch die Macht des Faktischen
Dazu ein paar hässliche Fakten: Frauen verdienen im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer, sie arbeiten häufiger Teilzeit, da sie häufiger als Männer auf ihre Karriere verzichten und damit auf einen erheblichen Teil ihrer Altersabsicherung. Die gläserne Decke ist keine Erfindung: Frauen scheitern in der Regel an der mittleren Managementebene, was ganz sicher nichts mit Feigheit zu tun hat, wie Bascha Mika behauptet. Die Männer sichern nur das Erreichte. Nicht zufällig werden Frauen nach der Babypause oft mit unwichtigen Aufgaben betraut. Anders ausgedrückt: Sie werden abgeschoben. Der Vereinbarkeitsbegriff ist demnach nichts weiter als ein Euphemismus. Und die „neuen Väter“? Nach drei Monaten Elternzeit ist die Rollenverteilung meist wieder wie gehabt. Mehr als neunzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Das Bundesverfassungsgericht entschied vor einiger Zeit, dass alleinerziehende Frauen, sofern sie einen Krippenplatz für ihr Kind haben, von dessen drittem Lebensjahr an Vollzeit arbeiten müssen.
Mit dem verheißungsvollen Bild der Taft-Frau hat das wenig zu tun. Letzten Endes siegt die Macht des Faktischen. Das ist ein Schock, auch für Roten, dabei wurde sie nie diskriminiert, sie hatte kein böses Erweckungserlebnis. Es ist der gesellschaftliche Subtext, es sind diese Alltagsbeobachtungen, die ihr düsteres Bild formen.
Auf zum Brazilian-Waxing
Entscheidend ist aber etwas anderes: Michèle Roten entlarvt in ihrem bemerkenswerten Buch die eigene Generation. Und sie ist entsetzt. Diese Generation poche so extrem wie keine andere darauf, dass sie nicht diskriminiert werde. Ihr Leitspruch lautet: Wir sind emanzipiert und tun, was wir wollen! „Wir Frauen sind inzwischen verdammt gut geworden darin, jede Entscheidung, die wir treffen, mit der freien Wahl zu rechtfertigen.“ Dass ich zu Hause bleibe bei den Kindern, trotz Studium und vielversprechender Berufsaussichten? „Meine freie Wahl“ („Es gibt mir einfach mehr als die Arbeit“). Die Brustvergrößerung auf Doppel-D? „Meine freie Wahl.“ („Mir ganz persönlich gefällt’s einfach.“) Den Namen des Ehemanns anzunehmen? „Meine freie Wahl.“ („Ihm war es einfach wichtiger, seinen zu behalten, mir kommt’s nicht so drauf an.“). Dass ich mehr Hausarbeit mache? „Meine freie Wahl.“ („Mir ist Sauberkeit halt einfach wichtiger als ihm“), schreibt Roten. Sie ist zu Recht verwirrt.
Die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, gehört zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick. Niemand möchte ein bemitleidenswertes Opfer sein, wir alle stehen lieber auf der Gewinnerseite. Auf die Idee, einen kritischen Blick auf die tatsächlichen Machtverhältnissen zu werfen, kommt man also erst gar nicht. Was Stärke suggerieren soll, ist aber in Wahrheit Schwäche. Eine gefährliche Schwäche, die direkt in den Stillstand führt. Schlimmer noch: Die Töchter des Feminismus geben nach und nach jenes gewonnene Terrain preis, für das sie nicht einmal kämpfen mussten und dessen Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen. Nehmen wir die aufgeregte Diskussion über die Frauenquote, die den eigentlichen Skandal völlig ausblendete: nämlich dass Frauen in Führungspositionen nicht längst Normalität sind. Die Frage heißt nicht: Frauenquote ja oder nein. Sie heißt: Warum müssen wir überhaupt darüber diskutieren?
Die Generation junger, angeblich selbstbewusster Frauen hat sich in die Bequemlichkeit der Selbstlüge gerettet. Sie geht lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen, denkt intensiver über Körperoptimierung als über Lohndiskriminierung nach, ist ständig auf der Suche nach dem besten Bio-Laden, shoppt bei Stylebop.com und findet, Ehrenämter seien eine Sache für Rentner. Währenddessen zieht sie mit einer Gehässigkeit über das eigene Geschlecht her, dass einem schlecht wird.
Ich schaute der Bedienung auf die Brüste
Der größte Feind von Frauen sind Frauen, das war bereits in der Schule so, und wer denkt, dies würde sich irgendwann ändern, irrt sich. Ayelet Waldman verweist in ihrem polarisierenden Buch „Böse Mütter“ auf eine Untersuchung der Universität von Maryland, der zufolge Frauen im Internet fünfundzwanzig Mal öfter das Ziel von bösartigen Angriffen werden als Männer. Teilzeit-Mütter treten gegen Vollzeit-Mütter an, alte Frauen gegen junge, Schwangere gegen Kinderlose. Das eigene Lebensmodell wird gerechtfertigt, indem man abweichende Entwürfe diffamiert. Solidarität? Nicht zwischen Frauen. Anstatt Haltung zu beziehen, lächeln Schwarzers potentielle Nachfolgerinnen kristinaschröderhaft über den Feminismus hinweg wie über einen schlechten Scherz. So heben sie ihr eigenes Grab aus, ohne es zu merken.
Die neue Alice Schwarzer heißt Lisa Ortgies
Junge Frauen sind meist unheimlich stolz darauf, das Etikett Feminismus weit von sich zu weisen. So war Roten früher auch. Heute sieht sie die Sache anders. Einmal schreibt sie: „Und so saß ich also im ,Hooters‘ und dachte, dass es nicht leicht ist, eine Frau zu sein. Denn tatsächlich weiß ich überhaupt nicht, wo ich stehe bei Schröder/Schwarzer. Wie bei einigen anderen Frauenfragen. Ich schaute der Bedienung auf die Brüste und fragte mich, ob sie ihr das Studium finanzieren und ob das okay ist.“
Weibliche Gemeinschaft gibt es nicht
In Alice Schwarzers Autobiographie „Lebenslauf“ gibt es einige bemerkenswerte Stellen, in denen Schwarzer beschreibt, wie kurz, wie sexy ihre Röcke gewesen seien, damals, in den sechziger Jahren, und wie sie gespielt habe mit den Männern. Nur hatte dieses Spiel mit dem der Hooters-Bedienung nichts zu tun. Schwarzers Spiel folgte keinen egoistischen Regeln, sie hatte eine Haltung, ihre Idee zielte auf einen gesellschaftlichen Umbau. Erst aus der weiblichen Gemeinschaft heraus entstand ja die Wucht der Frauenbewegung. Und heute?
Kein Schulterschluss, nirgendwo, kein gemeinsames Aufbegehren, gegen was auch immer. Die Zeit weiblicher Gemeinschaft ist vorbei. Wer einmal versucht hat, sich mit Geschlechtsgenossinnen zu verschwören, und zwar auf jene Weise, in der sich Jungs früher in Gangs zusammengeschlossen haben, weiß, dass das in etwa so erfolgversprechend ist wie das Ausfüllen eines Lottoscheins. Dummerweise bleibt aber ohne diesen Verschwörungsgeist auch in Zukunft alles beim Alten. Womöglich brauchen wir eine Alice Schwarzer dringender, als wir ahnen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gleichberechtigung-meine-freie-wahl-11555460.html

Christiane Zschirnt, Autorin
Von Christiane Zschirnt
Liegt es bloß daran, dass wir jetzt eine Bundeskanzlerin haben? Oder an der Demographiedebatte und der Kinderkrippendiskussion, die jenes so überaus hilfreiche 50er-Jahre-Frauenbild zutage förderten, das natürlich nicht unwidersprochen bleiben konnte? Der Feminismus ist zurück!
Sehr zaghaft und mit viel Wenn und Aber, doch immerhin: Einige Frauen, meist um die Mitte 30, haben ihn wiederentdeckt und äußern sich darüber.

Aber haben sie den Feminismus wirklich wiederentdeckt? Nicht so ganz. Denn bei genauem Hinsehen zeigt sich wenig Stolz auf das von den geistigen Müttern und Großmüttern Erreichte, statt dessen ein energisches Bemühen um Abgrenzung. Einen ganz anderen, einen neuen Feminismus wünschen sich die einen, die anderen stellen ihn sogar ganz in Frage. Zu ideologiebeladen seien die alten Debatten gewesen, zu humorlos die ganze Bewegung. Zu unsexy die Frauennetzwerke, zu fanatisch der Männerhass. Zu hässlich auch die Kleiderordnung.

Da ist teilweise etwas dran. Aber sollte man den Feminismus jetzt für immer begraben? Oder müsste nicht wenigstens ein neuer her? Warum? Immerhin hat der alte eine der großen Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts geschrieben, und wir alle haben reichlich von seinen Errungenschaften profitiert. Was ist so falsch daran?

Zu den Vorwürfen an den Feminismus gehört standardmäßig auch dieser: Er habe uns, Frauen und Männer, einfach zu gleich gemacht. Jetzt konkurrieren beide Geschlechter um die besten Jobs und beide rasieren sich die Achseln. Frauen und Männer holen sich den anderen ins Bett, wenn ihnen der Sinn danach steht, und Mütter und Väter wickeln Babys. Und weil sie das tun, kriseln sie in ihrer Weiblichkeit - respektive Männlichkeit - so vor sich hin. Etwas Kostbares zwischen den Geschlechtern sei mit dem Sieg des Feminismus verloren gegangen. So etwas wie ein Schauer der Erregung, ein Staunen ob der Andersartigkeit des Anderen. Nie mehr könne sich eine Enkelin Alices als faszinierendes Wesen begreifen, das sich in seiner Besonderheit im fremden Mann bespiegeln kann - der von seinem Blickpunkt die Frau dann auch nie verstehen wird. Die Welt der Geschlechterdifferenz sei heillos entzaubert. Wie schade.

Wie schade?! Wir sollten wirklich nur froh darüber sein. Wer heute nach Asymmetrie der Geschlechter schreit, übersieht, dass die nur solange Spaß macht, wie sie auf dem sicheren Boden der Gleichberichtigung inszeniert werden kann. Hinter der heutigen Sehnsucht nach Codes für weibliche Unverwechselbarkeit steckt vermutlich historische Ahnungslosigkeit.

Die old-school Feministinnen kannten die Ikonografie der abendländischen Kultur ziemlich genau, und sie hatten allen Grund Gleichheit in allen Lebenslagen zu fordern. Wer würde heute, wenn Weiblichkeit per definitionem immer noch unergründlich und geheimnisvoll wäre, diesem Gefäß ohne Boden schon Verantwortung zubilligen? Wer würde einer Frau, die ihrem Wesen nach oder aus Sicht des Mannes als unbegreiflich gelte, schon die Macht des Staates übertragen?

Wenn heute irgendeiner verloren gegangenen Weiblichkeit nachgetrauert wird, passt das allerdings wunderbar in unseren entpolitisierten Alltag. Wem die Gleichheit der Lebensbedingungen der Geschlechter kein hohes Gut sondern eine Last ist, zeigt, dass er oder sie Gesellschaft aus der Perspektive des Höchstprivaten betrachtet. Knisternde Sprach- und Verständnislosigkeit haben nur in der Erotik etwas zu suchen. Asymmetrie zwischen den Geschlechtern kann sexy sein, aber eben auch nur sexy. Kein Grund einer Investmentbankerin sein Geld anzuvertrauen.

Aber hat uns der Feminismus mit seiner Gleichmacherei dann nicht wenigsten den Spaß an der Liebe verdorben? An diesem Spiel: "Ich weiß nicht wer du bist, deshalb begehre ich dich"? Was für ein Unsinn. Die Liebe war noch nie ein Wunder, das vom Himmel fiel, sondern eine Form der Kommunikation, die auf Kultur angewiesen ist. Sie ist ohne Konventionen und Codierungen gar nicht möglich, und jetzt steht sie eben nicht mehr unter den Vorzeichen der Minne oder der Passion oder der Empfindsamkeit sondern des Feminismus.

Dessen große Lehre an uns Frauen war bekanntlich: Du kannst alles sein. Sexy, klug, schwach, stark. Rätselhaft, kapriziös, hart, schön, vernünftig. Männlich. Weiblich. In Zeiten des Postfeminismus hat sich doch längst gezeigt, dass traditionelle Weiblichkeit neben völlig neuen Identifikationsmustern als Möglichkeit von vielen überlebt hat. Madonna hat vorgemacht wie das gehen soll. Wenn uns der Feminismus ein Problem beschert hat, dann liegt es wohl eher hier, in der Grenzenlosigkeit dessen, was wir jetzt sein können.

Aber zu glauben, wir könnten jetzt auf den Feminismus ganz verzichten, weil wir angeblich zu gleich geworden seien, ist ungefähr so naiv, wie zu behaupten, jetzt, wo wir alle wählen dürfen, brauchten wir die Demokratie nicht mehr zu pflegen. Alexis de Tocqueville urteilte einmal: die Demokratie sei nicht perfekt, aber die beste aller Möglichkeiten. So ist es auch mit dem Feminismus. Er war nie vollkommen. Aber wie sähe die Alternative aus?

Christiane Zschirnt, geb. 1965 in Bremen, studierte Anglistik, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Hamburg. Sie lebt als freie Autorin in Berlin und schreibt für Presse und Rundfunk. Ihre Buchveröffentlichungen: "Shakespeare-ABC" (2000) und "Bücher. Alles was man lesen muss" (2003).

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/614059/

Gaby Mayr (Deutschlandfunk)

Männer töten. Frauen morden
Über den großen Unterschied vor Gericht
Von Gaby Mayr
Am Frühstückstisch gerät das Paar in Streit. Der Mann will nicht, dass die Frau sich von ihm trennt. Er greift zum Küchenmesser, sticht mehrfach zu, die Frau stirbt. Das Gericht verurteilt ihn wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Haft.

Eine Krankenschwester tötet ihren Mann mit einer Überdosis Insulin nach 34jähriger Ehe, in der sie das Geld verdient, drei Kinder groß gezogen und all seine Launen ertragen hat, als er sich weigert, über seine angeblichen sexuellen Übergriffe an den gemeinsamen Kindern zu sprechen. Die Anklage lautet auf Mord, denn die Tötung erscheint geplant und heimtückisch. Das Gericht entscheidet, die Frau sei schuldunfähig und schickt sie in die Psychiatrie. Die Einweisung gilt unbegrenzt und muss jedes Jahr überprüft werden.

Männer und Frauen töten ihre Lebenspartner aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Art. Wie gehen Gerichte mit dem Unterschied um, der in den Paragraphen für Tötungsdelikte nicht vorgesehen ist? Das Feature stößt auf rechtliche Grauzonen, wo Gerechtigkeit sein sollte.

http://www.dradio.de/dlf/programmtipp/dossier/571486/

Wiebke Peters (Brigitte)

Zwischen Windschutzscheibe und Hutablage hat Gleichberechtigung keine Chance, meint Brigitte.de-Redakteurin Wiebke Peters
Nur Männer finden den richtigen Weg auch ohne Stadtplan - die halbe Stunde Suchgekurve ist doch nicht der Rede wert.
Nur Männer parken in die engsten Parklücken ein - ob Fußgänger mit oder ohne Kinderwagen die Straßenseite wechseln können, ist doch wurscht.
Und - wer fährt nun wirklich besser? Angeblich die Frauen, heißt es in Versicherungs-Statistiken und Lifestyle-Reports.
Lassen wir doch die Männer ans Steuer - zumindest, so lange es nicht unser eigener Wagen ist.
http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/frau-und-auto-51501/

Hilke Petersen (Frontal 21)

Frontal 21: Frauen sind die besseren Menschen

von Christian Spernbauer

Über den alltäglichen Sexismus in der Fußballberichterstattung

Die Sendung „Frontal 21“, eine Art Aushängeschild investigativen Journalismus im Staatssender ZDF, überraschte jüngst mit einem Beitrag über die Geschäfte des peruanischen Spielervermittlers Carlos Delgado. Dieser steht vor der Scheidung von seiner Ehefrau Fiorella Faré, welche den Medien seitenweise Unterlagen ihres Noch-Ehemannes zur Verfügung gestellt hat.

Carlos Delgado, Spielervermittler von Bundesliga-Stars wie Claudio Pizarro (Werder Bremen) oder José Paolo Guerrero Gonzales (Hamburger SV), steht massiv in der Kritik. Laut seinen Kritikern soll er gegen die Regeln der FIFA verstoßen und unsaubere Transfergeschäfte abgewickelt haben. Es gibt starke Verdachtsmomente, bewiesen ist aber noch nichts.

Doch ist das hier keine Sport-Seite, daher ist die eigentliche Thematik eine andere. Die Redaktion von „Frontal 21“ nimmt ein paar Verdächtigungen zum Anlass, pauschal Männer zu diffamieren. Diese seien nämlich schlechter als Frauen.

Zunächst die Fakten: Delgado wird krimineller Aktivitäten verdächtigt. Seine baldige Exfrau hat ihm Unterlagen gestohlen, um sie den Medien zukommen zu lassen. Delgado steht nun im Verdacht, durch unsaubere Transfergeschäfte gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Seine Frau hat definitiv gegen geltendes Recht verstoßen: Sie hat ihn bestohlen. Und nach rechtstaatlichen Prinzipien lässt sich ein Verbrechen nicht durch ein anderes vermeintliches Verbrechen rechtfertigen.

Das hindert jedoch die Moderatorin, Hilke Petersen, nicht daran, folgenden Satz zum Besten zu geben: „Was lernen wir daraus? Frauen sind die besseren Menschen. Und wer sich von ihnen trennt, sollte sie gut versorgen!“ Damit wird der staatliche und damit vom Steuerzahler finanzierte Sexismus nicht entlarvt; er stellt sich öffentlich zur Schau.

Man stelle sich vor, ein männlicher Moderator spräche am Ende eines Beitrages folgenden Satz: „Was lernen wir daraus? Männer sind die besseren Menschen. Und ihre Partnerinnen haben ihnen jederzeit zur sexuellen Verfügung zu stehen! Ein Aufschrei des Entsetzens ginge durch die Republik.

Im Fall Petersen wird sogar Claudia Roth ruhig bleiben. Beschimpft wurden ja nur die Bösen. Also Männer.

Verdächtige Männer werden vor jeder Verurteilung als Kriminelle hingestellt und kriminelle Frauen als die besseren Menschen bezeichnet, die man im Fall der Trennung doch bitte noch großzügig auszuhalten habe. Eine interessante Botschaft, bezahlt durch Zwangsgelder des hin und wieder auch männlichen Bürgers.

29. Mai 2009
http://ef-magazin.de/2009/05/29/1232-frontal-21-frauen-sind-die-besseren-menschen

Ulrike Herrmann (TAZ)

Das zentrale Wort ist Ohnmacht. In einer kurzen Erklärung hat sich die Familie zu den Motiven geäußert, warum sich Milliardär Adolf Merckle von einem Zug überrollen ließ. Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, habe den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen.

Ein Leben lang hatte Merckle in seinen Unternehmen als Patriarch geherrscht - nun war er auf Notkredite angewiesen. Es wurde eine wochenlange Betteltour bei Banken und beim Land Baden-Württemberg. Als er Selbstmord beging, wusste Merckle, dass die Notkredite zustande kommen würden, die dann zwei Tage nach seinem Tod offiziell verkündet wurden: Kurz vor seinem Suizid hatte er noch alle nötigen Unterschriften geleistet. Aber die Erniedrigung blieb und auch das Wissen, dass nun die Banken das eigentliche Regiment übernehmen würden.
Zur neuen Ohnmacht gehörte aber auch, dass Merckle sein öffentliches Bild nicht mehr kontrollieren konnte. Bisher war er als Selfmademan bewundert worden, und er litt an der Häme, die ihm entgegenschlug, sobald bekannt wurde, dass er bei VW-Spekulationen bis zu 1 Milliarde Euro verloren haben könnte. "Es macht mich traurig", sagte er erkennbar getroffen, "dass in solchen Zeiten wie der jetzigen Finanzkrise die öffentliche Meinung über Handlungen und Personen schlagartig umschwingen kann."
In dieser Ohnmacht wollte Merckle offenbar noch einmal Macht beweisen - über das eigene Leben und den eigenen Tod.
Selbstmord ist eine radikale Selbstermächtigung, denn es wird keinerlei Rücksicht mehr genommen. Nicht auf die Angehörigen und nicht auf den Zugfahrer, der damit zurechtkommen muss, zum Tötungsinstrument degradiert worden zu sein. Selbstmord ist immer auch Provokation: Familie und Gesellschaft wird die Fähigkeit abgesprochen, zu helfen und zu verstehen.
Wenn man den Suizid als Machtinstrument liest, als letzte Waffe, dann lässt sich vielleicht daraus erklären, warum sich deutlich mehr Männer umbringen als Frauen. Selbstermächtigung passt besser in ihr Rollenbild. Die komplementäre Deutung wäre, dass es Frauen vielleicht leichter fällt, Hilfsangebote zu erkennen und anzunehmen.
In den nackten Zahlen des Statistischen Bundesamtes bietet sich jedenfalls folgendes Bild: 2006 fielen 9.765 Todesfälle in die Kategorie "vorsätzliche Selbstbeschädigung", wie der Suizid amtlich heißt. Betroffen waren 7.225 Männer und 2.540 Frauen. Insgesamt führt der Selbstmord fast doppelt so häufig zum Tod wie ein Verkehrsunfall: Dort wurden 5.339 Fälle gezählt.
Allerdings ist jede Statistik zwangsläufig ungenau, kommen doch auf einen Suizid noch ungefähr zehn gescheiterte Selbstmordversuche. Jeder dürfte sich schon einmal ausgemalt haben, wie es wäre, sich umzubringen, manche nur spielerisch, andere ernsthaft.
Lange war Selbstmord ein Tabu, doch nun beginnt es sich auszuzahlen, dass die Gesellschaft einen pragmatisch-medizinischen Umgang damit sucht. Die Zahl der erfolgreichen Suizide geht zurück - 1980 brachten sich noch fast doppelt so viele Menschen in Deutschland um. Manche Präventionsstrategien waren simpel: Haushaltsgas ist inzwischen giftfrei, und in Überdosis tödliche Medikamente werden nur noch in Minipackungen verschrieben. Außerdem wurde die psychologische Betreuung deutlich besser: Krisentelefone stehen rund um die Uhr bereit, und Depressionen werden als Krankheit ernster genommen.
Für Medien nie leicht einzugestehen: Auch sie mussten ihre Rolle überdenken. Wurde früher noch jeder Selbstmord gemeldet, gilt nun eine Art Selbstverpflichtung, weitgehendes Stillschweigen zu bewahren, um keine Nachahmertaten zu provozieren. Insofern ist dieser Text also ein gewisser Selbstwiderspruch - und nur zu rechtfertigen, weil der Tod eines Konzernlenkers mit 100.000 Beschäftigten sowieso ein Politikum ist.
Letztlich aber bleibt der Selbstmord eine individuelle Tragödie. Auch bei Merckle wird das deutlich, schon durch den Vergleich. Denn anderen Unternehmern war ihr Scheitern nicht besonders peinlich. Jedenfalls nicht öffentlich. So blieb der Medienmogul Leo Kirch betont lakonisch, als sein Imperium zusammenbrach: "Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen." Allerdings war Kirch schon immer ein begabter Selbstdarsteller.
Wie man aus einem Totalbankrott sogar noch eine Erfolgsgeschichte machen kann, führte der Immobilienunternehmer Jürgen Schneider vor. Nach aufwändigen Sanierungen vor allem in Leipzig legte er 1994 eine Milliardenpleite hin und wurde wegen Betrugs zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Aber Schneider verstand es, sich als moderner Robin Hood zu inszenieren - und die Banken als Deppen dastehen zu lassen. Das Publikum war angetan.
Doch der Einzelne kann nicht beliebig wählen, welcher Ausweg ihm möglich ist. Merckle fühlte sich ohnmächtig. Gefangen. Da bleibt nur Mitgefühl.

http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/selbstmord-als-letzte-waffe/

Ute Ehrhardt (Autorin)

Nun betreten Sie ja mit Ihrem neuen Buch "Die Klügere gibt nicht mehr nach - Frauen sind einfach besser" thematisch keineswegs Neuland. Einmal mehr legen Sie ein Frauenpower-Buch vor, der dazu beitragen soll, das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken. Um so mehr erstaunt Ihre lange Absenz auf dem Büchermarkt.
Ehrhardt: Ich habe mich zunächst nach neuen Themen umgeschaut. Eine zeitlang verfolgten mein Mann und ich auch die Idee, gemeinsam ein Buch über Männer zu schreiben. Aber in meiner Arbeit als Coach bin ich dann immer wieder auf das Phänomen gestossen, dass sich Frauen unendlich schwer damit tun, ihre Qualitäten und Fähigkeiten wahrzunehmen und hochzuschätzen. Egal in welcher beruflichen Position sie sich befinden, ob mit oder ohne Kinder, verheiratet oder alleinstehend, egal ob Geschäftsinhaberin oder Angestellte - viel zu viele Frauen erkennen sich selber nicht als Autorität für ihre Handlungen und Entscheide an, sondern suchen stets jemanden, der die Verantwortung für ihr Tun übernimmt. Dabei sind Frauen in vielen Bereichen wirklich gut.
Was heisst hier gut? Gemäss Ihrem Buchtitel sollen doch Frauen "einfach besser" sein.
Ehrhardt: Frauen sind tatsächlich immer besser als sie selber annehmen, in vielen Belangen sind sie aber auch klar besser als Männer. Doch statt ihre Vorzüge erfolgversprechend umzusetzen, zweifeln Frauen nach wie vor an sich, machen sich klein und lassen Männern den Vortritt. Damit tappen sie in eine der Denkfallen, die ich ja bereits in den "Guten Mädchen" beschrieben habe.
Somit hat auch die Lektüre Ihres ersten Buches noch nicht ausgereicht, um aus den Frauen rundherum selbstbewusste "böse Mädchen" zu machen?
Ehrhardt: Für eine dermassen tiefgreifende Veränderung braucht es mehr als sechs Jahre Zeit und die Lektüre eines Buches. Trotzdem haben die Frauen in der letzten Zeit eine Menge erreicht, und dazu haben auch die "Guten Mädchen" ein klein wenig beigetragen. Mehr als die Hälfte der Abiturienten sind Frauen. Immer mehr Unternehmen werden von Frauen gegründet. Oder denken Sie an die vielen jungen Frauen, die so selbstbewusst in ihren Miniröcken über die Strasse gehen, dass kein Mann mehr auf die Idee käme, er habe das Recht, sie dumm anzumachen.
Was ist denn nun das Neue an Ihrem zweiten Buch?
Ehrhardt: Neu sind vor allem die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, die ich während meiner Recherchen in Australien und den USA gefunden habe, und die aufzeigen und auch beweisen, in welchen Bereichen Frauen einen Vorsprung haben.
Geben Sie uns ein Beispiel für die weibliche Überlegenheit.
Ehrhardt: Frauen verfügen über ein ausgeprägtes Netzdenken im Gegensatz zum männlichen Schrittdenken. Das heisst, sie greifen in ihrem Denken äusserst vielschichtig auf Informationen, Erfahrungen, Wissen und Gefühle zurück und ziehen daraus in atemberaubender Geschwindigkeit ihre Schlüsse, die sie dann auch zu Entscheidungen befähigen. Das Netzdenken ist wesentlich reichhaltiger und komplexer und damit dem Schrittdenken überlegen. Viele Frauen haben seinen Wert allerdings noch nicht erkannt. Für sie ist es nicht der Rede wert, dass sie beispielsweise als Mutter eines kleinen Kindes gleichzeitig kochen, ihr Baby im Auge behalten, sich ein Programm für den Nachmittag überlegen oder am Konzept einer Broschüre studieren und mit dem Elektriker telefonisch noch einen Termin vereinbaren. Ich möchte den Mann sehen, der all das auf die Reihe kriegt und dazu noch gut macht. Doch Frauen sagen bloss: Das ist doch nichts. Dabei ist es grossartig.
In welchem anderen Bereich haben Sie einen weiblichen Vorsprung ausmachen können?
Ehrhardt: Überall dort, wo es um das gefühlsmässige Erfassen von Dingen geht. Stichwort: Emotionale Intelligenz. Wieso sagt denn keiner, dass Frauen diese neuerdings vielbeschworene Fähigkeit sozusagen im Blut haben, währenddem sich Männer in Seminaren schulen lassen müssen, um auf ein annähernd vergleichbares Niveau zu kommen.
In diese Kategorie dürfte auch die Intuition gehören.
Ehrhardt: Mit der Intuition ist es so eine Sache. Zum einen steht ausser Frage, dass Frauen intuitiv ausserordentlich begabt sind. So realisieren sie in Verhandlungen in Teams blitzschnell, wer für beziehungsweise gegen sie ist. Andererseits müssen Frauen aber aufpassen, dass die Intuition nicht für andere Verhaltensweisen wie übergrosse Ängstlichkeit herhalten muss. Beispiel: Eine Frau geht nachts durch ein hellerleuchtetes Parkhaus und fühlt sich unsicher. Fragt man sie, woher ihre Besorgtheit rühre, antwortet sie: "Das ist einfach so: reine Intuition." Das ist natürlich Quatsch und hat mit Intuition überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil. Hier kommt antrainierte Sorge, ja, Überängstlichkeit zum Ausdruck, die im Moment wirklicher Gefahr sogar die echte Intuition blockieren kann.
Viele der Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Konsensfähigkeit und Friedfertigkeit, die Sie in Ihrem neuen Buch als Frauenstärken präsentieren, figurierten in den "Guten Mädchen" noch unter Fallen, vor denen Sie Ihre Leserinnen eindringlich warnten. Zu viel Mitgefühl und Friedfertigkeit, schrieben Sie, seien Gift auf dem Weg zum Frauenselbstbewusstsein. Heute sind daraus auf einmal weibliche Chancen geworden.
Ehrhardt: Gut waren diese Eigenschaften schon immer. Es wird ja wohl niemand bestreiten, dass Friedfertigkeit die bessere Eigenschaft als permanente Kampfbereitschaft ist. Heute nun ist gemäss meiner Einschätzung der Moment gekommen, in dem eine Frau ihre Friedfertigkeit und ihr Einfühlungsvermögen als weiblichen Vorzug in ihren Alltag integrieren kann, ohne damit gleichzeitig in die Falle zu tappen und zum braven Mädchen zu werden, das es allen anderen, nur nicht sich selber recht machen will. Möglicherweise landet ja die eine oder andere Frau auch noch ein paarmal in der Falle. Kein Drama. Aber sie wird ihr Verhalten immer klarer durchschauen und eines Tages wissen: Ich bin stark und Frau genug, um meine Friedfertigkeit unter Umständen auch mit aggressiven Mitteln durchzusetzen, um es überspitzt zu formulieren.
Frauen sind einfach besser, titeln Sie vollmundig. Gibt es unter diesen Umständen überhaupt noch irgendwelche Talente oder Fähigkeiten, über die Männer in höherem Masse als Frauen verfügen?
Ehrhardt: Es gibt doch etliche Männer, die prima den Mülleimer runtertragen können, weil sie mehr Kraft haben. Witz. Möglicherweise eignet sich ja das männliche Schrittdenken für überschaubare kleine Aufgaben wie die Reparatur eines Autos ganz gut. Na ja, viel kann ich dazu wirklich nicht sagen, weil das auch nicht mein Thema war. Die Männer müssen sich schon selber auf die Suche machen und ihre Vorzüge herausfinden und beschreiben.

http://www.lukesch.ch/Text00_15.htm

Nicole Althaus (Clack, CH)

«Die Wirtschaftskrise beutelt die Männer – was das für Sex und Heirat bedeutet»: «Atlantic»-Cover mit Autorin Kate Bolick.

Es wird wohl der Artikel ihrer Karriere sein: «Was, ich und heiraten?», steht in grossen Lettern auf dem November-Cover des US-Magazins «Atlantic», darauf ein Porträt der Autorin, eine langhaarige Brünette. Die Ausgabe war an den Kiosken weg, bevor die Druckerschwärze richtig trocken war. Kate Bolick beschwört in ihrem Essay wortreich das Ende der Institution Ehe in Amerika herauf und unterfüttert die These mit aussagekräftigen Zahlen. Untertitel der Analyse: «Die Wirtschaftskrise beutelt die Männer. Was das für Sex und Heirat bedeutet.
Die ersten Interview-Anfragen erreichten die Autorin noch auf dem Heimweg von der Redaktion, Diskussionssendungen, TV-Auftritte folgten, im Internet breitete sich der Artikel aus wie ein Computervirus, schwappte über den Atlantik, sammelte innert Stunden 30'000 Likes auf Facebook und avancierte zum zweitmeistgelesenen Artikel des Magazins im Jahr 2011. Kate Bolick legte sich schlafen und hatte am nächsten Tag Hollywood am Telefon. Nun soll das verbale Ende der Ehe zum Drehbuch umgeschrieben und verfilmt werden.
Nein, ich will nicht
Was ist bloss passiert? Nach «The End of Men» von Hanna Rosin hat in diesem Jahr zum zweiten Mal ein sogenannter Gender-Artikel des Magazins Rekordquoten generiert und ist bis nach Europa rezensiert worden. Gender-Artikel, erinnern wir uns kurz, das sind Texte, in denen Geschlechterfragen diskutiert werden; Fragen, die von den Gatekeepern der Medien noch vor kurzem mit den Krümeln des Znünigipfelis vom Redaktionskonferenztisch gewischt worden sind. Die Begründung: langweilig, feministisch, das interessiert den Leser nicht! Nun entscheidet aber seit ein paar Jahren die Leserschaft im Netz selber, was sie interessiert und was nicht – und siehe da: Gender ist nicht mehr dröge – sondern plötzlich ziemlich sexy. Es führt zu Buchverträgen und lockt die Filmindustrie. Und mit den Genderfragen hat sich auch der Feminismus wieder als Magazin- und Pressethema etablieren können. Wenn auch bloss in einer Light-Version.
Nun ist daran natürlich nicht nur das Internet schuld. Es fungiert bloss als sehr effektiver Zeigefinger und hat in letzter Zeit demonstrativ auf eine gesellschaftliche Entwicklung aufmerksam gemacht, die auf den Alltag von Mann und Frau einen nicht minder grossen Einfluss haben wird als die industrielle Revolution: Die Frauen sind nämlich gerade daran, jahrhundertealte gesellschaftliche Verträge zwischen den Geschlechtern aufzulösen oder neu zu definieren. (Lesen Sie auch: «So trennen Sie sich mit Stil»).
Lieber keine Kinder, lieber ein Leben ohne Mann
Dank der Bildungsexpansion und dem wirtschaftlichen Einfluss, den das schwache Geschlecht in den letzten Jahren gewonnen hat, dank des medizinischen Fortschritts und der Pille sind die Frauen heute nicht nur in der Lage, sich selber zu ernähren, sie bestimmen auch, ob sie Kinder haben wollen oder nicht. Und wenn, ob allein oder lieber mit einem Mann. Das und nichts weniger hat sich Autorin Kate Bolick durch den Kopf gehen lassen, das Fazit, das sie vor ihrem 40. Geburtstag zieht: lieber keine Kinder, lieber ein Leben ohne Mann.
Ein Fazit, das auch diverse andere gutausgebildete Frauen ihrer Generation gezogen haben. Nicht immer ganz freiwillig. Der Pool an gutausgebildeten Männern, in dem Frauen noch immer am liebsten fischen, wird nämlich immer kleiner. Auch in der Schweiz bleiben rund 30 Prozent der Akademikerinnen unverheiratet. (Lesen Sie auch: «Lieber Single als ein Handwerker»)
Selber schuld, diese Emanzen! Denken sie nun vielleicht. Ein Fazit, das auch viele Leser in Amerika gezogen haben, wie aus den unzähligen Kommentaren zum Artikel ersichtlich ist.
Im Einzelfall mögen diese Kommentatoren sogar recht haben. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass die Ehe eben gerade dann obsolet wird, wenn die Geschlechter nicht mehr ökonomisch oder reproduktiv aufeinander angewiesen sind. Jahrtausendelang war die Heirat der kirchliche und gesellschaftliche Vertrag zwischen den Geschlechtern, der garantierte, dass die kleinste Zelle der Gemeinschaft für Wachstum und Entwicklung sorgte: Es brauchte Mann und Frau, um einen Hof zu bestellen, ein Geschäft zum Laufen zu bringen und Kinder grosszuziehen. Die Liebe war in diesem Setting ein nettes Accessoire – ganz und gar nicht überlebenswichtig. Ja, nicht mal unbedingt erwünscht. Erst im 18. Jahrhundert kam die Liebesheirat auf und es wurde mit der Industrialisierung die Arbeitsteilung in der Ehe etabliert und damit der Brötchenverdiener und die Hausfrau erschaffen. Eine historisch junge Arbeitsteilung, die offenbar Männer glücklicher und zufriedener gemacht hat als Frauen. Sonst hätten diese in den letzten vierzig Jahren die sogenannt weibliche Domäne nicht mit fliegenden Fahnen verlassen.
Revolution des Liebeslebens
«Wir stecken», so sagt Sozialhistorikerin Stephanie Coontz, «in der grössten gesellschaftlichen Umwälzung der letzten zweihundert Jahre.» Sie wird so irreversibel sein wie die industrielle Revolution und unser Liebesleben radikal verändern. Für Zweifler hier ein paar Zahlen: Die Volkszählungen der letzten Jahre zeigen nicht nur, dass Frauen immer später heiraten (ein Phänomen, das in sämtlichen westlichen Wirtschaftsmächten zu beobachten ist) und immer später und weniger Kinder bekommen, sondern auch, dass die Zweipersonenhaushalte wachsen, und die wenigen Kinder, die noch geboren werden, oft unverheiratete Mütter haben. 44 Prozent der Frauen und Männer der Generation X und genauso viele der nachkommenden Generation der Millenials glauben, die Institution Ehe sei obsolet geworden.

Eigentlich nicht verwunderlich, oder? Uneheliche Kinder sind heute kein Stein des Anstosses mehr, alleinerziehende Mütter an der Tagesordnung, genauso wie geschiedene Papas, die ihre Kinder am Wochenende dauerbespassen. Warum dann diese Aufregung? Vielleicht weil Mann und Frau ahnen, dass die Ehe nicht nur als Institution bedroht ist, sondern mit ihr auch die romantische, aber durchaus existentielle Vorstellung, gemeinsam durchs Leben zu gehen, gemeinsam Kinder grosszuziehen. Vielleicht weil diese binnengeschlechtliche Revolution von beiden Seiten gar nicht wirklich erwünscht ist. Sondern nur die Konsequenz infrage gestellter, aber noch nicht wirklich überwundener Rollenklischees. Frauen brauchen offenbar noch immer einen Mann zum Hochgucken und Männer eine Frau, die kleiner und schwächer ist als sie selbst. Doch: Welche Frau will schon alles alleine machen, auch wenn sie es kann? Welcher Mann liebt schon das Gefühl, zum Samenspender degradiert zu werden? (Lesen Sie auch: «Geheimnisse von der Samenbank»)
Klar ist eines: Die Fähigkeit, Kinder auszutragen und zu gebären, ist innert bloss zweier Generationen von der Reproduktionslast, die Frauen jahrhundertelang sozial und wirtschaftlich benachteiligt hatte, zur Reproduktionsmacht geworden, die Frau und Kind zur kleinsten gesellschaftlichen Zelle macht. Im historischen Rückblick hat dieser Fakt eine durchaus ironische Note.
http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Was-ich-und-heiraten-Die-Kuendigung-an-den-Mann/story/26917459

Hier Hanna Rosin, USA, die das Ende der Männer feiert:

http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2010/07/the-end-of-men/8135/

Marie Dové (Clack, CH)
Der neueste Online-Datingtrend stellt die Bedürfnisse und das Begehren der Frau ins Zentrum – und macht Männer zu hübschen Produkten, die sich in Einkaufswagen packen lassen

Ältere Frauen sollen sich jüngere Männer aussuchen können: Julia Macmillan, Gründerin von toyboywarehouse.com.
Wenn eine Frau ins Shoppingcenter einkaufen geht, so packt sie üblicherweise allerlei Lebensmittel in den Einkaufswagen, womöglich einen Wein dazu oder ein paar Süssigkeiten zum Naschen. Aber einen Mann?
Doch, doch. Auf der französischen Datingsite adopteunmec.com geht das – metaphorisch zumindest. Hier werden Männer wie Produkte behandelt, die frau in den Einkaufswagen stecken kann – das mag für Männer irritierend sein, aber das Konzept der Site ist klar: Der Kunde ist König. Und der Kunde, das ist auf adopteunmec.com zuallererst: die Frau.
«Ich mag es, wie ein Kuschelobjekt behandelt zu werdenUnd die Männer? Tja, die Männer sind auf dieser Site die Ware, ausgestellt wie Frischfleisch im Supermarkt. Königin Kundin verschafft sich einen Überblick übers Angebot anhand relevanter Produktkategorien, darunter «muskulös», «Vegetarier», «bisexuell», «Kader», etc. Spannend auch das jeweilige (Männer-)Angebot des Tages, schön präsentiert in einer Galerie in der Mitte der Homepage. Das starke Geschlecht scheint sich mit seiner Rolle als Konsumgut zu arrangieren, jedenfalls sind in den Testimonials der Männer Sätze zu lesen wie: «Ich mag es, wie ein Kuschelobjekt behandelt zu werden.» (Lesen Sie auch: «Was Frauen an Männern lieben».)
Bislang hat die Site, die als letzter Schrei auf dem Datingmarkt gilt, vor allem in den Medien für Aufsehen gesorgt. Frauenzeitschriften stürzten sich natürlich auf das neue Angebot, das Frauen erlauben soll, was sich bislang vor allem Männer, Machos, leisteten – aber auch die seriöse «Le Monde» berichtete über die französische Innovation in der Online-Datingbranche. Ob sich das Konzept auch wirtschaftlich rechnet, wird sich noch weisen müssen. Trotzdem: Die Ausrichtung auf die abenteuerlustige Frau scheint eine erfolgsversprechende Strategie zu sein. (Lesen Sie auch: «Frauen suchen im Bett das Abenteuer»)
«Frauen achten heute viel besser auf ihren KörperBereits vor zwei Jahren wurde in England die Site toyboywarehouse.com lanciert, wobei sich ältere Frauen jüngere Männer aussuchen dürfen. Die Site verzeichnet 28'000 Mitglieder, davon 70 Prozent Männer, die offenbar gezielt nach einer älteren Partnerin Ausschau halten. Hinter Toyboywarehouse (kurz: TBW) steht die Londoner Geschäftsfrau Julia Macmillan, die gemäss eigenen Angaben nun die internationale Expansion ihres Businessmodels in Angriff nimmt, mit zwei neuen TBW-Filialen in Dublin und New York.
Gegenüber der englischen Presse erklärte die bald 50-jährige Macmillian einen wichtigen Aspekt ihres Geschäfts so: «Frauen achten heute viel besser auf ihren Köper und bleiben länger attraktiv.» Die Frau, die das Toyboy-Angebot lanciert hat, versteht sich als Abbild ihrer Kundinnen. Sie geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio, liess sich schon Botox spritzen und ist derzeit mit einem acht Jahre jüngeren Mann sehr lose liiert – den sie, selbstverständlich, online kennenlernte.
Nach dem Erfolg von speziellen Datingsites für Singles über 40 Jahren und dem Aufkommen von Kuppler-Plattformen für Senioren zeugen nun die speziell an Frauen gerichteten Angebote von einer weiteren Ausdifferenzierung des Online-Datingmarktes, der übrigens 2011 alleine in der Schweiz über 30 Millionen Franken umsetzte. Den französischen Betreibern von adopteunmec.com geht es dabei gar nicht so sehr ums Vermitteln eines Beziehungspartners. Vielmehr sind auf der Site auch Frauen anzutreffen, die gemäss eigenen Angaben bloss ein kurzes, befristetes Vergnügen suchen: eine Affäre, keinen Bund fürs Leben. (Lesen Sie auch: «Sex oder Liebe? Busen oder Status?»)
Da scheint es nur folgerichtig, dass es zu adopteunmec.com neuerdings auch eine iPhone-App gibt – Männer shoppen, das kann frau nun sogar mobil.

http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Ich-shoppe-mir-einen-Mann/story/28665064

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Die ultimative Dienstleistungsoffensive des Antifeminismus

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