Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Stimmt nicht

Garfield, Monday, 06.09.2010, 18:50 (vor 5662 Tagen) @ ajk

Hallo ajk!

Die gleichschaltung jeglicher Menschen war Ziel des Kommunismus. Damit sollte das Ideal erreicht werden.

Es ging gar nicht so sehr um Gleichschaltung. Der "neue Mensch" war auch nicht Ziel des Kommunismus, sondern er galt als Grundlage, um den Kommunismus überhaupt erst aufbauen zu können.

Das, was in den Ostblockstaaten existierte, war nicht nur kein Kommunismus, sondern es wurde von den herrschenden Organisationen auch nicht also solcher bezeichnet. In der DDR nannte man den existierenden Zustand "Sozialismus". Das Ziel war die "Entwickelte Sozialistische Gesellschaft" (im Staatsbürgerkunde-Unterricht auch gern kurz als "ESG" bezeichnet), auf deren Grundlage wiederum als Fernziel der Kommunismus aufgebaut werden sollte.

Marx hat klar geschrieben, daß der Kommunismus erst dann möglich ist, wenn der Kapitalismus am Ende ist und die weitere Entwicklung nur noch hemmt. Als 1917 in der Sowjetunion die Kommunisten an die Macht kamen, war das noch lange nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: Im zaristische Rußland war ja noch nicht einmal das ganz überwunden, was Marx als Feudalismus bezeichnete.

Lenin und seine Genossen setzten sich aus Machtgier einfach darüber hinweg, was ihnen aber auch bewußt war, denn sie bezeichneten ihre Ideologie nicht mehr als Marxismus, sondern als Marxismus-Leninismus. Sie propften auf die Marxschen Theorien einiges drauf, was ihnen gut ins Konzept paßte.

U.a. behauptete Lenin noch in den 1920er Jahren, daß es in wenigen Jahrzehnten in der Sowjetunion den Kommunismus geben würde. Da bald offensichtlich war, daß diesem Ziel vor allem die real existierenen Menschen im Weg standen, wollte man den "neuen Menschen" erschaffen. Dieser sollte sich u.a. durch völliges Desinteresse an persönlichem Besitz auszeichnen.

Da lag nämlich der Knackpunkt: Laut Marx sollte der Kapitalismus die Grundlagen für den Kommunismus schaffen. Einfach, indem er die Technologie so weit entwickelt, daß rein maschinell, also ohne menschliche Arbeitskraft, genug von allen wichtigen Gütern für alle Menschen produziert werden kann.

Dieser Zustand ist heute noch nicht erreicht, und vor Jahrzehnten in den Ostblockländern war man davon natürlich noch viel weiter entfernt. Das ließ sich auch nicht so einfach aufholen. Man konnte die Umstände also nicht anpassen und deshalb sollten sich die Menschen anpassen. Sie sollten ihre Bedürfnisse herunter schrauben, um den Kommunismus früher möglich zu machen. Für die führenden Bonzen galt das selbstverständlich nicht - die fühlten sich als "Avantgarde des Proletariats" und hielten ihre Privilegien für angemessen und verdient.

Dieser "neue Mensch" war noch bis in die 1950er/1960er Jahre hinein ein Thema, auch in der Literatur der Ostblockstaaten, vor allem in der Sowjetunion. Dann wurde es allmählich ruhiger darum, und der Kommunismus galt zunehmend nur noch als Fernziel, das vielleicht nach einigen Generationen erreicht sein würde.

Natürlich gab es in den Ostblockstaaten auch Bestrebungen, Menschen, die der propagierten Ideologie widersprachen, zu unterdrücken, was einen gewissen Gleichschaltungseffekt hatte. So etwas gab und gibt es aber auch in westlichen Ländern. In den USA gab es z.B. Prozesse gegen Kommunisten, in der Bundesrepublik gab es Berufsverbote für Kommunisten usw.

Der "Kommunismus" (den es ja eben real nie gegeben hat) ist auch nicht daran gescheitert, daß er Familien zerstört hätte. Solche Effekte gibt es ja auch in westlichen Ländern schon seit Jahrzehnten. Die Ostblockstaaten sind einfach daran gescheitert, daß sie zu früh entstanden sind. Der Mensch ändert sich eben nicht einfach so. Am schlimmsten wirkte sich aus, daß die Entscheidungsträger selbst auch keine "neuen Menschen" sein wollten, sondern all das praktizierten, was sie dem "Klassenfeind" vorwarfen.

Daß irgendwelche Angehörigen der Frankfurter Schule die heutigen Zustände bewirkt hätten, ist allein schon deshalb absurd, weil namhafte Vertreter dieser "Schule" nie auf Entscheidungspositionen gekommen sind. Das haben nur Leute wie Schröder oder Fischer geschafft, die zu ihren Amtszeiten keine echten politischen Überzeugungen mehr hatten. Die haben all das durchgedrückt, was den Menschen heute das Leben schwer macht. Und für wen sie das getan haben, kann man einfach daran erkennen, wo sie nach ihren Amtszeiten untergekommen sind.

KGB und auch die Stasi haben zweifellos in westlichen Ländern einige Entwicklungen verstärkt. Auffällig ist jedoch, daß manche negativen Entwicklungen erst seit den 1990er Jahren enorm an Fahrt gewonnen haben. Das weist klar daraufhin, daß KGB und Stasi nicht die hauptsächlichen Triebkräfte dahinter waren und schon gar nicht sind.

Du idealisierst den Kapitalismus zu sehr. Kreativität wird nur benötigt, wenn es gilt, neue Märkte zu erschließen oder sich gegen Konkurrenten zu behaupten. Wenn Märkte dagegen von Oligopolen oder gar Monopolen kontrolliert werden, dann verliert die Kreativität schnell an Bedeutung. Die Zeiten, als noch kreative Ingenieure die Entwicklung bestimmten, gehen unwiderruflich vorbei. Und es sind die etablierten, weltweit agierenden Großkonzerne, die "global player", die den neuen Einheitsmenschen wollen. Der bietet ihnen nämlich viele Vorteile:

Er soll Englisch sprechen, so daß man nichts mehr umständlich übersetzen muß.

Er soll in aller Welt eine einheitliche Kultur haben (egal, welche), damit man keine Rücksicht mehr auf kulturelle Unterschiede nehmen muß.

Er soll - unabhängig vom Geschlecht - konsumorientiert sein, also jeden Unsinn kaufen, den man ihm anbietet.

Er soll - auch unabhängig vom Geschlecht - für geringen Lohn fleißig und lange arbeiten.

Er soll mit seinem Schicksal zufrieden sein und nicht aufbegehren. Und wenn er sich doch mal abreagiert, dann bittesehr nur an seinesgleichen.

Viele der jetzigen Menschen haben diese Vorteile nicht. Also müssen sie in "neue Menschen" transformiert werden. Alles für den maximalen Reibach. So gesehen lag Larisa also gar nicht so falsch.

Freundliche Grüße
von Garfield


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