Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Liebe Gläubiginnen und Gläubige

Hausmeister, Monday, 13.09.2010, 22:58 (vor 5601 Tagen)

Kolleginnen und Kollegen, Rentnerinnen und Rentner, Studentinnen und Schülerinnen - wie kein anderes Volk auf der Welt sind die Deutschen ein Volk der Bürgerinnen und Bürger. Doch wo bleiben die Steuerhinterzieherinnen, die Extremistinnen und die Schwarzfahrerinnen?

Grimmig blickt der Boss in die Runde: >Es muss sich was ändern!«, sagt er. Ohrfeigen-Toni kratzt sich ratlos am Hinterkopf. Automaten-Ede starrt wie immer gelangweilt auf seine Fingernägel. >Was meinst du denn, Boss«, fragt er, >was soll sich ändern?« - >Wir müssen was für unser Image tun! Wir müssen freundlicher werden, vor allem zu den Frauen!« Verdutztes Schweigen. >Freundlicher? Zu den Weibern? Aber wir sind doch schon freundlich genug, Boss! Wir machen ihnen teure Geschenke, lassen sie mit unserer Kreditkarte einkaufen...«- >Das reicht aber nicht! Die Frauen von heute verlangen mehr. Sie wollen vor allem... Respekt! Und Chancengleichheit! Hier steht es, überzeugt euch selbst!« Wahllos greift er in einen Stapel bedruckten Papiers vor sich, fischt etwas heraus und liest vor: >Die Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule haben im letzten Jahr ... blah, blah, blah ... dann hier: ... die Aktion, an der sich dreihundert Schülerinnen und Schüler beteiligten...«- Er wirft das Blatt in die Luft, greift sich ein anderes und liest: >Der Ausschuss der Studentinnen und Studenten der Universität hat beschlossen ... blah, blah, blah« - Das nächste: >Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Betriebes ... blah, blah, blah.« Erwartungsvoll sieht er seine Mitarbeiter an: >Na, merkt ihr, was da abgeht?« ->Ziemlich viel blah, blah, blah«, sagt Automaten-Ede gelangweilt, >was soll der Mist? Willst du uns zu Tode langweilen?« - >Es geht um die Frauen!«, schreit der Boss und knallt die Faust auf den Tisch. >Kein Rundschreiben, keine Mitgliederbroschüre, kein Flugblatt mehr, auf dem die Frauen nicht extra erwähnt würden!« ->Und was geht uns das an?«, fragt Ohrfeigen-Toni achselzuckend. Der Boss wirft ihm einen verächtlichen Blick zu: >Du verstehst eben nichts von moderner Unternehmensführung. Wer konkurrenzfähig bleiben will, kann nicht länger so tun, als wären die Frauen Luft! Er muss sie erwähnen, in jeder Rede, in jedem Satz! Sonst gilt man als frauenfeindlich, und dann ist man ganz schnell weg vom Fenster!« - >So wie Balkan-Ali, der ist auch weg vom Fenster«, fällt Automaten-Ede ein, >nachdem er seine Alte im Suff die Treppe runtergestoßen hat.«

Der Boss hat die Zeichen der Zeit erkannt. In anderen Ländern mag es zweisprachige Schulen und zweisprachiges Fernsehen geben, bei uns gibt es die zweigeschlechtliche Anrede. Alles, was gedruckt oder gesendet wird, wird doppelt adressiert, einmal an die männlichen und einmal an die weiblichen Empfänger: die sehr verehrten Zuschauer und Zuschauerinnen, die geschätzten Leserinnen und Leser und die lieben Hörerinnen und Hörer.

Heute haben es die Arbeitgeber nicht nur mit Arbeiterinnen und Arbeitern zu tun, sondern auch mit Gewerkschafterinnen, Betriebsrätinnen, Geschäftsführerinnen und Gesellschafterinnen. Hätten Marx und Engels das vorausgesehen, hätten sie ihren berühmten Aufruf >Vereinigt euch!«gewiss an die >Proletarierinnen und Proletarier aller Länder« erlassen.

Immer neue Schülerinnengenerationen wachsen mit der Innenmajuskel heran, einem umstrittenen typographischen Notbehelf, mit dem man zusammenpresst, was man zuvor verdoppelt hat. Vom Schulbuch über Rundschreiben, Flugblätter bis zum ersten >taz«- Abonnement haben die jungen Leute gelernt, dass es für jede Berufsbezeichnung und Gruppenzugehörigkeit eine weibliche und eine männliche Form gibt. Ausnahmslos. Und wo die weibliche Form bislang fehlte, da wird sie erschaffen; notfalls wird Adam die Rippe mit Gewalt herausgebrochen. 100 Jahre Frauenbewegung haben unsere Gesellschaft deutlich verändert - und unsere Sprache auch.

Längst hat jeder Politiker die >Innen« in diesem Lande verInnerlicht. Viel zu groß ist die Angst, als antiemanzipatorisch und reaktionär gebrandmarkt zu werden, denn das ist gleichbedeutend mit unwählbar. So spricht jeder heute ganz selbstverständlich von den Wählerinnen und Wählern, den Europäerinnen und Europäern, den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern. Daran haben wir uns inzwischen alle gewöhnt.

Man kann bei allzu tiefer Verneigung vor dem weiblichen Geschlecht aber auch schon mal auf die Nase fallen: Immer wieder kommt es vor, dass eilfertig von der >ersten weiblichen Präsidentin« eines Landes oder>der ersten weiblichen Pilotin« einer Fluggesellschaft berichtet wird.

Geradezu grotesk wird es, wenn das zu verweiblichende Hauptwort in Wahrheit gar nicht männlich, sondern sächlich ist, so wie das Wort Mitglied, das sich, zu >Mitgliederinnen« vervielfältigt, recht seltsam anhört. An der Uni empfängt man die >Erstsemesterinnen und Erstsemester«, und wer mit jungen Menschen zu tun hat, der unterscheidet ganz selbstverständlich zwischen Teenager und Teenagerin, obwohl der Teenager laut Lexikon ein >Junge oder Mädchen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren« ist.

Bekanntlich ist die Kirche eine eher konservative Institution, dort setzt man sich länger als anderswo gegen sprachliche Moden zur Wehr; sonst würden die Gottesdienstbesucher (und -besucherinnen) womöglich schon hier und da als >Liebe Gläubiginnen und Gläubige« begrüßt.

Nicht jeder, der sein Brot in Forschung und Lehre verdient, hält es durch, ständig von >Studentinnen und Studenten«, von >Doktorandinnen und Doktoranden«, von >Assistentinnen und Assistenten« zu sprechen. So machte man sich auf die Suche nach Pluralwörtern, die bereits beide Formen enthalten - und wurde auch fündig: Kurzerhand ersetzte man >Studentinnen und Studenten« durch >Studierende«. Das war deutlich kürzer und trotzdem noch politisch korrekt. Leider allerdings ein grammatikalischer Missgriff: >Studierend« ist nur, wer im Moment auch wirklich studiert, so wie der Lesende gerade liest und der Arbeitende gerade arbeitet. Ein Leser kann auch mal fernsehen und ein Arbeiter Pause machen. Der Lesende aber ist kein Lesender mehr, wenn er das Buch aus der Hand legt, und so ist auch der Studierende kein Studierender mehr, wenn er zum Beispiel auf die Straße geht, um gegen Sparmaßnahmen zu demonstrieren.

Doch lassen wir uns durch Partizipien nicht von Prinzipien ablenken. Sprachästhetik hin oder her, es stellt sich die Frage, ob bei der Feminisierung der Sprache überhaupt konsequent durchgegriffen wird. Denn wer genau hinsieht, muss feststellen, dass die weibliche Form längst nicht in allen Zusammenhängen angewendet wird. Kann man/frau das durchgehen lassen?

Als Bundeskanzler Schröder im Zusammenhang mit dem Thema Dauerarbeitslosigkeit den Begriff >Faulenzer« aufbrachte, löste er damit einen Sturm der Entrüstung aus. Allerdings hat sich niemand darüber ereifert, dass er die >Faulenzerinnen« unterschlagen hatte. Nicht mal in der>taz«gab es Beiträge zur >FaulenzerInnen-Debatte«.

Hat der Bundestag sich schon jemals mit Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterziehern auseinander gesetzt? Interessiert es wirklich niemanden, wie viele Schwarzfahrerinnen und Schwarzfahrer jedes Jahr erwischt werden? Wo bleiben, wenn die Rede von Sozialschmarotzern und Leistungserschleichern ist, die Sozialschmarotzerinnen und Leistungserschleicherinnen?

Sie zu unterschlagen bedeutet positive Diskriminierung. Und wollte man der Diskriminierung nicht gerade entgegentreten? Im Hinterzimmer einer zwielichtigen Kneipe im Hamburger Stadtteil St. Pauli ist man nach wie vor fest dazu entschlossen:

Du meinst also, dass wir die Wei... äh, die Frauen in Zukunft immer mit nennen?«, fragt Ohrfeigen-Toni verunsichert. >Ganz genau! Ab sofort heißt es Leibwächterinnen und Leibwächter, Kurierinnen und Kuriere, Dealerinnen und Dealer.« - >Hältst du das wirklich für eine gute Idee, Boss?« - >Na klar! Meine Ideen sind immer gut! Und jetzt rufst du die Negerinnen und Neger von der neuen Schnellreinigung an und sagst, wenn sie nicht bis morgen zahlen, dann schicken wir ihnen unsere Schlägerinnen und Schläger auf den Hals!«

(aus "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" von Bastian Sick)

Gute Satire von Sebastian Sick - leider nur zu nahe an der Realität (kwT)

Leser_nicht_eingeloggt, Monday, 13.09.2010, 23:54 (vor 5601 Tagen) @ Hausmeister

- kein Text -

Das lesen wir selbst raus ...

Müller ⌂, Tuesday, 14.09.2010, 02:02 (vor 5601 Tagen) @ Leser_nicht_eingeloggt

Liebe Gläubiginnen und Gläubige

xInnen-Geschädigter, Tuesday, 14.09.2010, 00:15 (vor 5601 Tagen) @ Hausmeister

Dazu habe ich gleich auch etwas gefunden:

Die Desoxyribonukleinsäure (Des|oxy|ribo|nukle|in|säure; kurz DNA oder DNS) (lat.-fr.-gr. Kunstwort) ist ein in allen Lebewesen und DNA-Viren vorkommendes Biomolekül und die Trägerin der Erbinformation.

Die armen Frauen müssen jetzt doch tatsächlich meine DNS/DNA tragen ...

Gefunden hier: http://de.wikipedia.org/wiki/DNA

Dort steht auch noch, daß die deutsche Bezeichnung DNS veraltet ist und man heute DNA, also die englische Abkürzung verwendet ... Daher sollte man vom Träger der Erbinformation als geschlechtsneutrale Formulierung zurückgreifen.

Liebe Kaffeefilterinnen und Kaffeefilter

Chato, Tuesday, 14.09.2010, 00:56 (vor 5601 Tagen) @ xInnen-Geschädigter
bearbeitet von Chato, Tuesday, 14.09.2010, 01:04

Naja, ok: "die Säure" halt... warum nicht? Schau, die Frauen sind doch überall unterdrückt. Und jetzt haben sie nicht bloß den Kaffeefilter erfunden, sondern sie sind außerdem noch Trägerinnen des Lebens. Wollen wir ihnen das nicht lassen, wo sie doch nun damit aufgehört haben, es zu sein? Als Trostpreis, sozusagen?

Allerdings greift das Patriarchat schon wieder von hinten an. Wenn man nicht mehr DNS sagt, dann sind die Frauen ja nicht mehr die Trägerinnen des Lebens! Denn dann muß das wohl "das DNA" heißen. Und was wird daraus im Genitiv und im Dativ? Na? Was? "Des DNA" und "dem DNA"! Eben! Gerade so, als wäre es nicht sächlich, sondern männlich: haargenau dasselbe!

Aber halt! Das Patriarchat hat sogar die Säure okkupiert! Genitiv und Dativ von Säure lautet nämlich DER. Eine reine Männerdomäne also! Das Patriarchat will sie einfach nicht nach oben kommen lassen, die Frauen. Überall gläserne Decken! Für die Gleichstellung gibt es folglich noch unendlich viel zu tun.

Als nächstes wird jetzt aber erstmal der Kaffefilter zurückerobert. Das muß nämlich in Zukunft die Kaffeefilter heißen! Wer hat's erfunden? Eben!

Freilich, das Patriarchat schläft natürlich nicht! Ich persönlich mache mir zum Bleistift manchmal einen gut gegenderten Jucks daraus zu formulieren: "Könnte das Reinigungspersonal bitte mal die Mülleimerinnen und Mülleimer leermachen?" Da kommt dann edle Männerfreude auf ... :-)

Nick

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Wenn wir Toren wüßten, daß wir welche sind, wären wir keine.

Kaffee!

xInnen-Geschädigter, Wednesday, 15.09.2010, 01:04 (vor 5600 Tagen) @ Chato

Eine Frau, die Kaffee filtert ist eine Kaffeefilterin und ein Mann, der das gleiche macht, ist ein Kaffeefilterer. Des weiteren ist eine Salzstreuerin eine Frau, die Salz streut und kein weiblicher Salzstreuer. Und die DNS als Trägerin irgend einer Information ist bestenfalls eine Umwelttasche der Grüninnen mit einer Datenträgerinn im Inneren, die sicher ganz arg um Hilfe ruft, weil sie von einer Inne in die Umwelttäschin gefangen ist.

Liebe Gläubiginnen und Gläubige

der_quixote, Absurdistan, Tuesday, 14.09.2010, 01:02 (vor 5601 Tagen) @ Hausmeister

öch schöme möch.

Habe das Buch, aber noch´nicht durchgelesen...

Ich glaube, jetzt habe ich den Anstoss erhalten.

;-)

Frank

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Man(n) sollte (s)eine Frau welche schweigt niemals unterbrechen...

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