Bewertung
Leider habe ich das verwendete Modell nicht dokumentiert gefunden. Das Ganze ist für mich also eine Blackbox, die Daten schluckt und irgendetwas ausspuckt.
Ich habe leider auch nicht viel Zeit, nach der Dokumentation des mathematische (Regressions-)Modells zu suchen. Sollte diese allerdings nicht verfügbar sein, so spricht das nicht gerade für die Seriösität - wissenschaftliches Arbeiten ist etwas anderes.
Es gab mal eine Dokumentation zu dem Schweizer Ansatz, die über Sons of Perseus verlinkt war, in welcher das Modell beschreiben war.
Das hier genutzte Modell baut wohl darauf auf.
Laut Eigenaussage gilt: "Logib-D stellt eine wesentliche Fortentwicklung der Schweizer Ursprungsversion Logib (Logib-CH) dar".
Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die bei dieser LOGIB-D-Geschichte zu kritisieren sind (und in der Vergangenheit von mir bereits an dem schweizer Modell kritisiert wurden):
1) "potentielle Erwerbserfahrung"
Die Erwerbserfahrung wird in dem Ansatz im Beispiel durch "potentielle Erwerbserfahrung" approximiert. Diese wird berechnet nach:
potentielle Erwerbserfahrung = Alter - Ausbildungsjahre* - sechs Jahre bis zur Grundschule
* Abzug für Ausbildungsjahre:
ohne Ausbildung = 10 Jahre
Ausbildung unbekannt = 12 Jahre
Berufsausbildung / Abitur = 13 Jahre
weiterführende Berufsausbildung = 15,5 Jahre
Diplom Fachhochschule / Bachelor = 17 Jahre
Hierbei kommt es aber bei der Betrachtung von Männern und Frauen zu systematischen Verzerrungen: da Frauen häufiger längere Pausen in ihrer Erwerbsgeschichte aufgrund von Kindererziehungszeiten haben, als Männer, wird ihre Berufserfahrung systematisch überschätzt.
Man kann wohl auch Erwerbsunterbrechungen berücksichtigen, wenn man will - laut Aussage von der Website.
Dabei blieben aber weiterhin z.B. Studiendauern, Berufswechsel etc. unberücksichtigt (nehme ich an, nachdem ich mir ihre Testdaten angeschaut habe).
Zudem bedeuten "5 Jahre Berufserfahrung" nicht dasselbe wie "5 Jahre Berufserfahrung und 10 Jahre Unterbrechung". Bei einigen Berufen ist "10 Jahre Unterbrechung" gleichbedeutend mit "keine Berufserfahrung" unabhänig davon, wie lange vor der Unterbrechung in dem Beruf gearbeitet wurde...
2) Beruf bzw. Studienfach
Der tatsächlich ausgeübte Beruf bzw. das Studienfach bleibt unberücksichtigt.
Dies führt ebenfalls zu systemytischen Verzerrungen, da Frauen häufiger als Männer Berufe/Studienfächer ergreifen, bei denen Entlohnung und Berufsaussichten schlechter sind.
Da hier nur das Ausbildungsniveau berücksichtigt wird, landen Kunsthistoriker und Physiker in derselben Gruppe. Dasselbe gilt für Techniker und Floristen.
3) Flexibilität, Reisetätigkeit, Boni
Obige Größen bleiben unberücksichtigt. Hier können ebenfalls systematische Verzerrungen auftreten: Männer arbeiten z.B. häufiger im Sales-Bereich, wo Boni und Verkaufszahlen direkt gekoppelt sind. Nach einem ganz transparenten System können hier sehr hohe Vergütungen erzielt werden, ohne das eine Form von Diskriminierung vorliegt. Die Tatsache, dass Frauen eher weniger Verdienst und Sicherheit wählen, Männer hingegen eher Chance auf hohen Verdienst auf Kosten von Sicherheit, sorgt für Verzerrungen, wenn ich erfolgsabhängige Boni unberücksichtigt lasse.
Auch bei häufiger Reisetätigkeit kann man von höheren Vergütungen ausgehen - und Reisetätigkeit ist abermals wieder mit Geschlecht korreliert.
Wie Schichtarbeit, Wochenendzuschläge etc., welche ebenfalls mit dem Geschlecht korreliert sind, berücksichtigt werden, bleibt unklar.
4) Tarifliche/Außertarifliche Beschäftigung
Bei tariflicher Beschäftigung gibt es keine geschlechtsspezifische Bezahlung. Hier kann entsprechend (ceteris paribus) auch keine Diskriminierung vorliegen.
Männer sind aber häufiger als Frauen außertariflich beschäftigt, und außertarifliche Beschäftigung bedeutet meist auch ein höheres Einkommen - gerade in großen Firmen.
Eventuell vergleicht man also gar nicht "Männergehälter vs. Frauengehälter" sondern "Tarifgehälter vs. Außertarifliche Gehälter".
5) Überstunden
Ebenfalls unklar bleibt, wie Überstunden berücksichtigt werden.
Männer machen im Schnitt mehr Überstunden als Frauen: hier könnte, je nach verwendetem Modell eine systematische Verzerrung bestehen.
Insbesondere, da die Testdaten-Datei, die man von der Website herunterladen kann, zwar Spalten für "Bezahlte Jahresarbeitsstunden (ohne Überstunden)" und "Bezahlte Überstunden (im Jahr)" besitzt, aber keine für die gerade bei Lohnverhalndlungen ungleich wichtigeren unbezahlten Überstunden (sofern man diese überhaupt erheben kann).
6) Teilzeitarbeit
Ich weiß nicht recht, wie die Wochenarbeitszeit einfließt, aber bei dem schweizer Vorgänger-Modell war man (implizit) von Folgendem ausgegangen: halbe Arbeitszeit=halber Lohn (ceteris paribus).
Das ist aber ziemlich unsinnig, wenn man sich die tatsächlichen Verhältnisse in Unternehmen anschaut. Nach ein paar Jahren auf einer 50%-Stelle verdient man weniger als 50% eines (an sonsten identischen) Vollzeitbeschäftigten.
Frauen arbeiten aber weitaus häufiger in Teilzeit als Männer.
Summa summarum
Das Ganze scheint wirklich besser geworden zu sein im Vergleich zu dem älteren schweizer Modell. Zudem: zu Mäkeln gibt es immer etwas.
Ein "one size fits all" Modell ist immer schwierig und das schönste Modell ersetzt nicht Erfahrung im Umgang mit Daten, der Interpretation der Ergebnisse, dem Umgang mit Ausreißern, Daten-Artefakten (z.B. Ost/West-Gefälle und dergleichen) usw..
Um politische Forderungen (auch Firmen-intern) abzuleiten ist das, was ich bisher von LOGIB-D gesehen habe allerdings ungeeignet.
Aber das schreiben sie ja auch mehr oder weniger auf der Seite selbst:
Zu beachten ist, dass diese bereinigte Entgeltlücke den "unerklärten Rest" der Entgeltdifferenz darstellt und nicht mit Diskriminierung gleichzusetzen ist.<<
p.s.:
Wenn jemand die mathematische Dokumentation von dem Ding findet: immer her damit.
gesamter Thread:
- Wer erklärt mir BMFSFJ-Rechenbeispiel? -
Narrowitsch,
05.09.2011, 16:51
- Kann das überhaupt jemand? - Jürgen, 05.09.2011, 17:15
- machen "wir" doch einen eigenen Rechner auf.... -
Michael,
05.09.2011, 17:44
- machen "wir" doch einen eigenen Rechner auf.... - Bero, 05.09.2011, 18:01
- Heureka: Das Geheimnis der sagenumwobenen 23%Marke! -
Jürgen,
05.09.2011, 18:01
- Schlussfolgerung - Jürgen, 05.09.2011, 18:23
- Der 23%-Mehr-Euro für Frauen wird bereits geprägt! -
Yussuf K,
06.09.2011, 02:16
- Der 23%-Mehr-Euro für Frauen wird bereits geprägt! - Rainer, 06.09.2011, 09:11
- Bewertung - Isegrim, 06.09.2011, 23:56