Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

233.682 Postings in 30.704 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Frauenpolitik und Staatsfeminismus

Maesi, Mittwoch, 17.03.2010, 09:33 (vor 4236 Tagen) @ Horst

Hallo Horst

Die Frauenpolitik ist in erster Linie eine Politik, die sich fast
ausschliesslich auf Bereiche des sozialen Nahraums stützt.
Konsequenterweise findet man dort die Dauerbrenner „Familie“, „Schule“,
„eheliche und eheähnliche Beziehungen“ usw. Nahezu immer ist diese Politik
darauf aus, den sozialen Nahraum zu beherrschen und zu kontrollieren[...]

Bis hierhin Zustimmung.

[...]- und zwar aus Sicht der Frau.

Hier erfolgt der Widerspruch. Nicht die Sicht der Frau ist massgebend sondern die Sicht der politbuerokratischen Herrscher. Sie sind die wirklichen Profiteure der Frauen- oder meinetwegen Gleichstellungspolitik. Politisch konstruierte Frauenbelange sind dabei bloss Mittel zum Zweck. Allein das Postulat, es gebe eine 'Sicht der Frau' (also die Sicht eines homogenen weiblichen Kollektivs) ist kollektivistischer Humbug.

Das ist IMHO ein wesentlicher Grund, weshalb immer
mehr Männer auf das Problemfeld Frauenpolitik aufmerksam werden.

Die von den politbuerokratisch dafuer Verantwortlichen betriebene Ausbeutung der Maenner laesst diese natuerlich darauf aufmerksam werden. Aber wenn sie 'den Frauen' die Schuld dafuer geben, sind sie der kollektivistischen Propaganda bereits auf den Leim gekrochen.

Frauen haben sich schon immer über ihr persönliches Beziehungsnetz bzw. die
Kontrolle über ihr Beziehungsnetz definiert. Etwas selber schaffen oder
aufbauen? Fehlanzeige! Lieber zapft frau Ressourcen anderer innerhalb ihres
persönlichen Beziehungsnetzes an.

Zustimmung. Das Problem liegt aber nicht so sehr darin, dass Frauen ueber ihr 'Beziehungsnetz' Ressourcen anderer anzapfen, sondern dass mit politischen Machtmitteln dieses Anzapfen gefoerdert wird und keinerlei Gegenleistungen weiblicherseits mehr erbracht werden muessen. Erst dadurch erhaelt diese durchaus als typisch weiblich zu nennende Ueberlebenstaktik ihren ausbeuterischen Charakter. Parallel dazu wird die Duldung des Angezapftwerdens mit Machtmitteln erzwungen. Koennte der Ausgebeutete zu seiner Ausbeutung nein sagen, dann waere er gar nicht ausgebeutet.

Wo jedoch das persönliche Beziehungsnetz
nicht mehr hinreicht (also über die unmittelbare soziale Umgebung hinaus),
sollen institutionelle Massnahmen getroffen werden, die die Kontrolle auch
dieser Bereiche sicherzustellen haben. Frauenpolitik ist fast
ausschliesslich eine Politik der Installation von Institutionen, die die im
grösseren Rahmen unwirksamen oder nicht vorhandenen Beziehungsnetze
ersetzen sollen. Der wichtigste Träger dieser institutionell verankerten
Massnahmen ist der Staat.

Deine Beschreibung ist groesstenteils korrekt. Tatsaechlich ist Frauenpolitik in erster Linie eine 'Politik der Installation von Institutionen', die die sogenannten 'Beziehungsnetze' ersetzen sollen. Hier stellt sich aber die beruehmte Frage nach der Henne und dem Ei. Was war zuerst da? War zuerst der Wille da, persoenliche 'Beziehungsnetze' durch anonyme staatliche Institutionen zu ersetzen oder waren zuerst die staatlichen Institutionen da, die die Frauen ueberhaupt erst dazu animierten ihre persoenlichen 'Beziehungsnetze' zur Disposition zu stellen und zugunsten bestehender staatlicher Institutionen auszutauschen?

Diese Frage ist sehr leicht zu beantworten: zuerst war die staatliche Institution in Form der Zivilehe da. Diese Gesetzgebung ist deutlich aelter als der Feminismus. Die Zivilehe mit den darin festgelegten Rechten und Pflichten der Ehegatten gibt es immerhin schon seit ueber 200 Jahren und war eine Errungenschaft der aufgeklaerten Republik.

Überall wo wir Aspekte der real existierenden Frauenpolitik studieren,
stossen wir auf diese Konstante. So wird nicht etwa darüber sinniert, mit
welcher Strategie eine Frau selbstverantwortlich Beruf und Familie unter
einen Hut bringen kann, sondern der Staat soll dazu eingespannt werden, ihr
das zu ermöglichen.

Dieses Sinnieren darueber, mit welcher Strategie eine Frau selbstverantwortlich Beruf und Familie unter einen Hut bringen kann, ist schon fuer sich selbst gesehen schwachsinnig, soweit es kollektivistisch (d.h. in Form eines politischen Diskurses) vorgenommen wird. Kollektivismus kann nie etwas anderes als kollektiven Zwang hervorbringen. Vielmehr muesste man das Sinnieren sowie die darauf aufbauende Handlungsweise den einzelnen Individuen ueberlassen, wodurch es dem politischen Gestaltungswillen entzogen waere.

Karrieren sollen weniger durch persönlichen Ehrgeiz und
selbst erarbeitete Chancen erreicht werden, sondern über eine
institutionelle Quote, die Kollektivrecht vor Individualrecht stellt.
Frauen sollen vorne und hinten von einer Unzahl von Institutionen
gefördert, geschützt, versorgt und entlastet werden. Die real existierende
Frauenpolitik entpuppt sich je länger je stärker als streng
protektionistischer Moloch, der wie ein Vampir in jeder Hinsicht auf den
Lebenssaft anderer angewiesen ist.

Das ist zwar alles richtig. Aber durch die Politisierung des Privaten wird immer auf die eine oder andere Weise ein protektionistischer Moloch in Form des Staates erzeugt. Wer die konkrete Gestalt des Molochs festlegt (d.h. derjenige, der die staatlichen Machtpositionen innehat), ist dabei eigentlich eher nebensaechlich. Da kloppen sich gegebenenfalls verschiedene Kollektivistenlager um die Vorherrschaft im politischen Machtapparat. Wer diesen Machtapparat hingegen auf ein Minimum beschraenken will, dem sind alle die sich bekaempfenden Kollektivistenlager gleichermassen suspekt.

Ironischerweise macht gerade diese zunehmende Institutionalisierung auf
allen Ebenen aber das persönliche Beziehungsnetz nach und nach überflüssig.

Exakt so ist es. Zuerst war die politische (d.h. kollektivistische) Institutionalisierung da und dann erst erodierten die 'Beziehungsnetze'. Ein weiterer Faktor allerdings ist ebenfalls vonnoeten: eine hohe wirtschaftliche Produktivitaet, die eine institutionalisierte Umverteilung von produzierten Werten, d.h. des akkumulierten Wohlstands ueberhaupt erst erlaubt. Diese Komponente war es, welche bis in die 60er Jahre hinein fehlte, was wiederum Scheidungen als Massenphaenomen innerhalb der schon lange bestehenden Institution 'Zivilehe' waehrend 150 Jahren verhinderte. Die Scheidungszahlen explodierten erst in den 70er Jahren, als die wirtschaftliche Produktivitaet und der damit verbundene Wohlstand hoch genug war, dass Scheidung auch in der Mittelschicht nicht mehr zwangslaeufig in den existentiellen Ruin der Betroffenen fuehrte und ausserdem der Sozialstaat aufgrund der erhoehten wirtschaftlichen Produktivitaet einen Ausbaugrad erreichte, der einen drohenden Ruin materiell abhaengiger Muetter im schlimmsten Falle verhinderte. Erst von jener Zeit an wurden immer mehr Frauen wirksam korrumpiert und damit als Ehegattinnen untauglich.

Der Vater ist als einstiger über das persönliche Beziehungsnetz
fungierender Versorger unnütz und kann problemlos entsorgt werden. Das
Unterhaltsrecht garantiert der Alleinerziehenden auch nachher ein
bescheidenes aber immerhin regelmässiges Einkommen - wenn nicht vom Ex,
dann halt vom Staat.

So lauten die Versprechen der staatlichen Machthaber. Ob diese Versprechen allerdings auf lange Sicht gehalten werden koennen, kann bezweifelt werden. Die Erodierung von persoenlichen 'Beziehungsnetze' geschieht naemlich nicht bloss bei den Frauen sondern auch bei den Maennern. Unverbindliches Voegeln? Ja! Darueber hinaus gehende Verpflichtungen? Nein! So lautet zunehmend das Panier der 'Neuen Maenner'. Viele Maenner haben kein Problem damit, kinderlos zu bleiben. Da kommt dann nach ein, zwei oder vielleicht drei Generationen die Quittung fuer die kollektivistisch erzeugte Maennerausbeutung: die impotente Gesellschaft, welche mangels Nachwuchs sukzessive ausstirbt.

Zum Rest Deines Postings weitgehende Zustimmung.

Zusammenfassend kann ich sagen, Horst, dass Du die Auswirkungen zwar durchaus korrekt beschreibst, Dir jedoch bezueglich der Ursachen nicht so ganz im Klaren zu sein scheinst. Zwar erkennst Du, dass die (kollektivistische) Institutionalisierung aller urspruenglich in persoenlichen Bindungen angelegten sozialen Sicherungsnetze diese Bindungen ueberfluessig machte. Aber Du wendest selbst die unselige Kollektivistensicht auf die Frauen an, welche wiederum ueberhaupt erst die von Dir kritisierten politischen Institutionen gebiert. Kollektivismus mit einem andersgearteten Kollektivismus zu bekaempfen ist schlichtweg unsinnig. Deswegen wird jede politische 'Loesung' der sogenannten 'Geschlechterfrage' immer ein systemimmanenter Bestandteil des 'Problems' selbst sein; die Katze beisst sich in den Schwanz.

Man sollte vielmehr endlich aufhoeren ein politisches 'Geschlechterproblem' zu konstruieren, das man hinterher eifrigst politisch zu 'loesen' versucht. Verweist man das 'Geschlechterproblem' hingegen in den privaten Raum, wo es hingehoert, loest es sich politisch in nichts auf. Die Individuen sind dann selbst dazu angehalten allfaellig von ihnen als problematisch empfundene Zustaende zu aendern; dazu wuerden vermutlich viele verschiedene individuell-massgeschneiderte Strategien entwickelt und angewendet werden anstatt eine kollektivistisch-politische Einheitsloesung fuer alle, die sowieso den wenigsten gerecht wird.


Gruss

Maesi


gesamter Thread:

 

powered by my little forum