In Deutschland kritisiert – in Italien geehrt Teil 1 (Allgemein)
"Nius"-Geldgeber mit Milliardenprojekt
In Deutschland kritisiert – in Italien geehrt
Ehrung im Dogenpalast statt Kritik in Deutschland: "Nius"-Finanzier Frank Gotthardt wird in Venedig für ein Projekt geehrt, das auch sein altes Unternehmen in die Zukunft führen soll.
Eigentlich sind es gute Nachrichten für Frank Gotthardt. Während es in Deutschland in der Öffentlichkeit vor allem Kritik gibt, ist er in Venedig geehrt worden und steht als Hoffnungsträger da. Der viele Hundert Millionen Euro schwere Unternehmer und das von ihm gegründete Unternehmen CompuGroup Medical Group (CGM) wollen aber nicht über Gotthardts Geschäfte in der Lagunenstadt reden. Es geht dort um einen dreistelligen Millionenbetrag für ein europäisches Kompetenzzentrum zu KI-Einsatz bei Gesundheitsdaten.
Die öffentliche Zurückhaltung liegt vielleicht auch daran, dass Gotthardt in Deutschland zuletzt weniger mit seinem Lebenswerk verbunden wird als mit seinem Engagement der jüngeren Zeit. Mit vielen Millionen hat er das Krawallportal "Nius" um den früheren "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt aus der Taufe gehoben und hält es am Leben.
Als es dann schlechte Nachrichten zu Praxissoftware von der CGM gab, titelte die "FAZ" etwa: "Die Ärzte laufen Nius-Finanzier Frank Gotthardt davon". Hunderte Praxen im Quartal waren nach Zahlen des Kassenärztlichen Bundesverbands gewechselt zu anderen Anbietern, weil das Produkt der Compugroup im Ruf stehe, rückständig zu sein. Und einzelne Ärzte teilten öffentlich mit, dass "Nius" Anlass sei, sich nach Alternativen umzusehen.
Gelände war Vorzeigeklinik
Gotthardt steht nicht mehr an vorderster Stelle bei dem Softwarekonzern, der Programme für Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser bereitstellt und elektronische Gesundheitsakten anbietet. Ende 2020 hat er den CEO-Posten aufgegeben und ist seitdem Vorsitzender des Verwaltungsrats der CGM.
Die Familie hält aber auch nach dem Einstieg des Investors CVC im Jahr 2024 die Mehrheit. Gotthardts Sohn Daniel ist inzwischen CEO, der dritte an der Spitze seit dem Abgang von Frank Gotthardt. Der Gründer strickt zugleich im Hintergrund weiter an der Zukunft des Unternehmens – in Venedig auf seine Rechnung und gemeinsam mit dem Bürgermeister.
Ein "Lost Place" führt beide maßgeblich zusammen: ein verlassenes Klinikgelände auf der Insel Lido, das von der Bedeutung Venedigs kündete. Es ist ein sechs Hektar großes Areal, das zum identitätsprägenden Erbe der Stadt gehört: Das "Ospedale al Mare" mit Strandzugang galt lange als eines der innovativsten Gesundheitszentren weltweit. 2003 wurde es aufgegeben. Künftig soll es wieder für Innovation stehen.
Der geplante Mare Technopark auf dem Gelände steht für Hoffnung – bei der Compugroup und in Venedig. Und Gotthardt ist es, der das Projekt ersonnen hat und vorantreibt. Von einem europäischen "Silicon Valley" ist die Rede, einem der größten privat finanzierten Gesundheitsprojekte Europas – finanziert zunächst einmal von ihm selbst.
Zur Ehrung schnell eingeflogen
Er sei ein "visionärer Unternehmer, der zunächst den Lido und Venedig liebgewonnen und dann entschieden hat, hier zu investieren", sagte Venedigs Bürgermeister, als er Gotthardt ehrte. Sein Projekt, das Ospedale neu zu beleben, werde Arbeitsplätze und hohe Fachkompetenz bringen. "Eine wirklich verdiente Anerkennung" sei der "Premio speciale speciale", der Sonder-Ehrenpreis für Gotthardt.
Im größten Saal des Dogenpalastes begann die Ehrung am Tag des Stadtpatrons, des heiligen Markus, am 25. April, um 16 Uhr. Von Gotthardt (75) und dem Bürgermeister (64) gibt es diverse Fotos mit der Übergabe eines Löwen. Nur auf dem Gruppenbild aller Geehrten findet man Gotthardt nicht. Der Business-Jet Pilatus PC-24, mit dem der Deutsche reist, war um 17.52 Uhr, drei Stunden und drei Minuten nach der Ankunft in Venedig, wieder nach Deutschland gestartet.
Gotthardt gondelt häufiger zwischen Deutschland und Venedig. Die regionale Tageszeitung "Il Gazzettino" nannte den Deutschen 2022 "einen der treuesten Kunden des Flughafens Giovanni Nicelli", wo er durchschnittlich mindestens zweimal im Monat mit seinem Privatflugzeug lande. Manchmal lädt Gotthardt aber auch befreundete Unternehmer zu Fahrten in seinen Oldtimern nach Venedig.
Von einer prächtigen Villa auf dem Lido, in der Gotthardt laut der Zeitung in Venedig lebt, hat er unverbaubaren Blick auf den Markusturm und den Dogenpalast. Die Zeitung berichtete auch, dass sich Gotthardt ein hochklassiges Restaurant in Venedig gekauft habe – ganz wie in Koblenz, wo er sich in seinem mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten "Gotthardt's" bewirten lässt. Im Gespräch mit der Zeitung "Il Gazzetino" erzählte er von seiner Liebe für Venedig: "Der Lido von Venedig ist ein wunderbarer Ort, an dem ich selbst einen Großteil des Jahres verbringe. Deshalb sehe ich regelmäßig mit eigenen Augen die Schönheit, die Lebensqualität und auch das Potenzial der gesamten Insel."
Lobend hob Gotthardt in der Zeitung hervor: "Im Vergleich zu anderen Großprojekten, an denen ich mitgearbeitet habe, hat die Stadt Venedig eine äußerst kompetente, sorgfältige und termingerechte Vorgehensweise an den Tag gelegt." Dabei kann er den Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, zu seinen Unterstützern zählen.
Brugnaro ist schwerreicher Unternehmer wie Gotthardt, beide engagierten sich in Wirtschaftsverbänden, beide besitzen sogar Sportteams: Gotthardt den Eishockeyclub Kölner Haie, Brugnaro das Basketball-Team Reyer Venezia Mestre. Während der parteilose Gotthardt die CDU unterstützte und sagt, dass "Nius" einen Gegenpol zu der "nach links gedrifteten" Mitte bilden soll, steht der Bürgermeister für Mitte-Rechts-Bündnisse und hat eine eigene Partei gegründet. "Berlusconi von Venedig" oder "Lagunen-Trump" wird er laut "NZZ" in Venedig genannt.
Und Brugnaro versucht seit seiner Wahl 2015, das verfallende ikonische Klinikgelände möglichst glanzvoll wiederzubeleben, beklagte dabei Bedenken und Widerstände von Denkmal- und Naturschützern. Im September scheidet er aus dem Amt aus, während er als einer von mehreren Verdächtigen in einem Korruptionsverfahren um Immobilien geführt wird.
Gelände für mehr als 24 Millionen Euro erworben
Auf das Thema wird er nicht gerne angesprochen: "Sie sind der Abschaum Italiens", sagte er im April 2023 einem Reporter der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt RAI. Es war bei einem Termin, bei dem Frank Gotthardt neben dem Bürgermeister saß: Die Idee des Mare Technoparks war gerade vorgestellt worden. Projektionen wurden an die Wand geworfen und es entstand ein Foto vom innigen Händeschütteln.