Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Re: Sehr guter Beitrag - Danke!

susu, Saturday, 13.05.2006, 03:48 (vor 6646 Tagen) @ Scipio Africanus

Als Antwort auf: Re: Sehr guter Beitrag - Danke! von Scipio Africanus am 12. Mai 2006 19:06:

Welche Kontinuität du in 500 000 Jahren Menschheitsgeschichte als Ausdruck der natürlichen Ordnung siehst, bleibt mir schleierhaft. Eine Kontinuität wird - und wieder eine Gemeinsamkeit mit der feministischen Ideologie - auch von der feministischen Geschichtsschreibung behauptet, nämlich die Jahrtausende überdauernde Unterdrückung der Frau durch den Mann. Das sind Deutungen, die nur durch sehr enge Wahrnehmungsschablonen Sinn ergeben.

Hier tust du einem nicht unbeträchtlichen Teil feministischer Geschichtswissenschaften Unrecht, die sich gerade die Instabilität von Geschlechtsverhältnissen als Thema hat. Als Beispiel wäre "FeMale. Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern." von Susanne Schröter oder auch "Frauenleben im NS-Alltag : Bonner Studien zur Frauengeschichte" von Anette Kuhn (Hg.) genannt. Zentraler Aspekt dieser Arbeit ist die Analyse von Geschlechterverhältnissen im Wandel der Zeit und die Aufarbeitung von Frauen als Akteurinnen. In diesem Fall müssen wir die Geschichtsschreibung selbst in ihrem historischen Kontext sehen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die sich mit der Industrialisierung durchsetzenden Geschlechtsverhältnisse naturalisiert. Dabei wurden in der Geschichte weibliche Akteure ignoriert, weil diese die These das Geschlechtverhältnis habe so immer bestanden als falsch herausgestellt hätte. Der Feminismus der 60er griff in seiner populistischen Variante auf diese Geschichtsschreibung zurück und erkannte in der nicht-Erwähnung von weiblichen Akteuren, eine Jahrtausendelange Unterdrückung. Auf der anderen Seite entwickelte sich die Feministische Geschichtswissenschaft, die vielmehr die Geschichtsschreibung hinterfragte und feststellte, daß die Geschlechtsverhältnisse sehr wohl eiem Wandel unterlagen. Um mal Klausz´s Handbuch von 55 zu kontern: Es gibt einen Text, der die Verhaltenregeln für Adelige Damen des Frühmittelalters in Frankreich festlegte und der sah 7 Jahre Training in Schwertkampf und Bogenschießen vor. Es gibt Arbeiten zur Machtausübung von Äbtissinnen, den Medici-Frauen in Florenz und... Es gibt außerdem Arbeiten zu den Geschlechtsverhältnissen in Bauernhaushalten, mit dem Ergebnis, daß dort kaum Unterschiede in der Arbeit von Männern und Frauen bestanden. Kurz: Die Gesellscahft war deutlich stärker durch Stände als durch Geschlecht geprägt.

Auch die Aufarbeitung weiblicher Täterschaft im Nationalsozialismus ist weitgehend durch feministische Geschichtswissenschaften vorangetrieben worden.

susu


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